Tag 1, 21.08.2018

Beginn des täglichen Laufens. Nutze dabei meine alten Hallenturnschuhe von "Asics" mit flacher, wenig gedämmter, eher harten Sohle. Eignen sich erstaunlich gut.

 

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Tag 12, 01.09.2018

Umstieg auf morgendliches Laufen, direkt nach dem Aufstehen, auch vor der Arbeit. Erstmal ungewohnt, gibt aber einen Kick.

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Tag 85, 14.11.2018

 

"Sau koid heit moing", würde der Bayer sagen. Neblig und feucht, die Kälte zieht bis in die letzte Pore des Körpers, bis in die Knochen. Ein innerer Widerstand zwingt regelrecht zum Bewegen.

 

Durch das regelmäßige Laufen, wird es aber immer natürlicher sich so fortzubewegen. Mir scheint, es schmiert sich etwas ein, der Körper findet zu seiner wahren Bestimmung, wofür er eigentlich geschaffen wurde. Mit jedem Tag mehr.

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Tag 128, 26.12.2018

Langsam wird es zur Routine. Laufe mittlerweile morgens nur noch meine kleine Runde. Es tut aber weiterhin gut. Allgemein ist zu merken, daß die Kälteempfindlichkeit nachgelassen hat. Auch wenn ich so draußen bin, kann der Körper eindeutig besser mit fehlender Wärme umgehen, weil er sie anscheinend selber effektiver produzieren und regulieren kann.

Die Körper- oder Fitneßeffekte sind aber nicht die Hauptsache. Wichtig ist etwas, was immer sofort entsteht, wenn ich die Übung mache. Irgendetwas Unbenennbares, was aber in alles ausstrahlt, was ich sonst so tue. Jeder Tag beginnt sofort, ohne Umschweife, mit einem Erfolg. Es erfolgt etwas. Es entsteht ein bestimmtes Grundgefühl für den Tag, für die anstehenden Aufgaben.

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Tag 165, 01.02.2019

Die "Adidas Super Glide" ausprobiert. Beim Anprobieren sehr vielversprechend. Beim Laufen nach 1km aber absolut katastrophal: Außenbänder völlig überdehnt worden. Gleich wieder zurückgegeben. Bleibe bei meinen alten "Asics Gel".

                                                     

 

                                       Haben sich bewährt

 

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Tag 174, 10.02.2019

Laufe weiter konstant täglich die kleine 2,5km-Runde in meinem Stadtteil, zurzeit seltener die längere Strecke im Wald. Erstens sind die Wege dort zu dieser Jahreszeit entweder zu schneebedeckt oder zu naß, zweitens laufe ich lieber eine kürzere Strecke, diese aber täglich. Das hat einen langanhaltenderen Effekt. Dennoch wäre es wohl gelenkschonender mehr auf Kieswegen, als auf dem Asphalt zu laufen.

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Tag 181, 17.02.2019

 

Der Sonntag begann heute früher, was mir gut tat. Wie immer fand statt: Laufen und halbe Stunde Nur-sitzen als Morgenübung. Es ist wirklich eine Routine geworden, über die ich nicht mehr nachdenke, ähnlich dem Zähneputzen. Das birgt natürlich die Gefahr maschinell und rein pro forma abzulaufen, was nicht der Sinn der Sache ist.

Heute bin ich deshalb mal eine andere Strecke gelaufen, mehr im Wald, was deutlich schöner ist. Auch sind die Kieswege angenehmer für die Beine. Wieso mich das Laufen weiterhin so fasziniert? Ich komme nach anfänglicher Schwerfälligkeit doch immer an einen Punkt, an dem eine innere Quelle angezapft wird, die die perfekte Balance zwischen Anstrengung und Leichtigkeit erzeugt. Schritt für Schritt löst sich die Schwere im Körper. Eine grundlose Freude tut sich auf.

 

Zwischendrin gibt es auch Phasen, wo ich dann müde werde, und dann auch stoppe, mal etwas gehe. Auch Gedanken lenken den Fokus weg. Genau das macht dann alles maschinell, wo sich dann nur eine geölte Apparatur vorwärts bewegt. Das Bewußtsein ist ganz woanders, während der Bewegungsablauf nebenbei abgehandelt wird. Auch: Der Verstand mißbraucht den Körper als Biomaschine, der eine bestimmte Kilometerzahl erreichen muß, der bestimmte Fitneßwerte zu erreichen hat. Dazu gibt es in den Fitneßstudios Laufbänder mit Kalorien- und Zeitenzähler, oder wohl auch Apps auf dem Smartphone. Das hat mich jedoch nie interessiert, weil es darum nicht gehen kann.

 

Der begeisterte Geist bricht erst hervor, wenn das Nach-vorne-preschen mit einem bestimmten Gefühl der Freiheit einhergeht, wenn die Kälte einem unter die Kleidung kriecht, oder ein eisiger Wind entgegenweht, und dann erst recht der Wille entsteht sich von diesen Umständen nicht einschüchtern zu lassen, seine Linie fortzusetzen. Oder wenn die Sonne im Rücken ihren Energieschub leistet. Solche Dinge sind real, und nicht Daten oder Vorsätze. Damit zu spielen treibt mich immer wieder hinaus.

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Tag 197

Serie ist abgerissen

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März 2019: An 21 von 31 Tagen gelaufen

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10km-Lauf, 02.04.2019

Nachdem ich im März meine tägliche Laufserie nach einer kurzen Krankheit unterbrochen habe, lief ich nunmehr im Schnitt noch an zwei von drei Tagen, und dabei auch kürzere Distanzen. Nach einem halben Jahr schien das Laufen nun zur Routine zu werden, und die Freude ging etwas flöten.

 

Nachdem ich aber an einem Wochenende eine schöne Stelle an einem Weiher bei Erding fand, lief ich dort eine längere Strecke wie am Schnürchen, und merkte dabei, wie befreiend es sein kann, im Wind durch die Lande zu ziehen. Alleine das läßt mich wieder gut fühlen, und inspirierte mich, da auf jeden Fall weiter dran zu bleiben.

 

Jedenfalls tastete ich mich wieder etwas heran mit einigen kurzen Morgenläufen, und dieses Wochenende mit einem 4,5km-Lauf im Wieswald nebenan. Dort habe ich meine Lieblingslaufstrecke von der ich bei gutem Wetter an einigen Stellen weit ins Moos, auf den Flughafen und sogar die Alpen herunterblicken kann. Die Route nahm ich auch heute Abend in Angriff. Spontan, fast am Ende der Strecke entschied ich mich aber noch weiter zu laufen: Ich wollte wissen, wie viel eigentlich möglich ist, und wollte mal ausreizen, was in mir steckt.

 

Ich bog ab, und lief weiter entlang der Moosach bis nach Marzling, der nächstgelegenen Gemeinde, und zurück entlang der Isar wieder zurück nach Freising. Zuhause schaute ich nach, und es waren am Ende tatsächlich mehr als 10km, die laufend zurückgelegt wurden. Die habe ich aber am Ende schon gemerkt, denn die Knie sind das noch nicht ganz gewohnt, auch wenn von der Ausdauer aufgrund meiner nun halbjährigen, regelmäßigen Praxis kein Problem zu spüren war.

 

Mit dem natürlichen Laufen komme ich mittlerweile sehr gut klar. Vermutlich weiß der Körper auch schon von sich aus, wie er am besten vorwärts kommt. So hatte ich vorhin ein paar Phasen in dem ein gut ausbalanciertes Tempo gefunden wurde, wo ich wirklich nicht getrabt bin, aber auch nicht das Gefühl hatte, schneller zu laufen, als ich kann. Ich lief genau so, als könnte ich ewig weiterlaufen, und konnte dabei sogar die vorbeiziehende Landschaft genießen.

 

Als während des Laufens mein linkes Knie etwas empfindlich wurde, wechselte ich etwas die Art wie ich das Bein auf dem Grund dämpfte. Dadurch entlastete ich das Gelenk und lief in dem neuen Stil. Am besten konnte ich feststellen, ist es den Oberkörper aufrecht zu lassen, und die Beine ihren Job zu erledigen. Sie können auf die effektivste Art ihre Arbeit verrichten, wenn man sich nicht zu weit nach vorne lehnt. Man tendiert dazu, weil man meint, man müsse sich nach vorne drängen, denn sonst würde man ja nicht laufen, aber das ist wirklich nicht nötig. Die Beine sind bei jedem Menschen stark und muskulös genug, und sie machen letzten Endes die Fortbewegung, und müssen deshalb nicht noch extra durch einen nach vorne lehnenden Torso belastet werden. Die Hände halten eher das Gleichgewicht, mehr nicht. Das konnte ich so feststellen.

 

Ich weiß nicht, ob ich nun bei der längeren Strecke bleibe. Ich denke, daß es ziemlich hart ist, diese lange Distanz jeden Tag zurückzulegen, besonders nach einem Arbeitstag, aber ich kann mir das ja mal als Leitlinie geben, so wie manche für einen Marathon trainieren. Und ich merke, daß ich mich auf dieser neuen Distanz auch ganz anders kennenlernen kann. Auch das ist sicher interessant für kommende Versuche.

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Zweiter 10km-Lauf, 05.04.2019

Soeben absolvierte ich wieder einen 10km-Lauf. Die Zeit stoppe ich nicht, es dürfte aber knapp eine Stunde gedauert haben, bis ich wieder zuhause ankam. An der Isar entlang schien ich anfangs mit Fersenproblemen zu tun zu bekommen, und wollte schon abbrechen. Nach und nach fand sich aber überraschenderweises alles wieder ein, und ich konnte nicht nur schmerzfrei, sondern harmonisch und gleichmäßig Tempo aufnehmen. Die Beine brauchen einfach etwas Eingewöhnung. Ich bin immer wieder verblüfft, wie sich das eingroovt.

Es hat mir gefallen, in der Natur zu laufen. Nach einem langen Lauf strickt entlang des Flusses, erreichte ich irgendwann die südlichste Isarbrücke von Freising, überquerte sie, und lief auf der anderen Seite wieder zurück bis zur nördlichen Fußgängerbrücke zwischen Neustift und Lerchenfeld, wo ich wieder auf die ursprüngliche Westseite des Flußufers kam. Dort ging es dann wieder hoch Richtung Lankesberg und Startpunkt.

 

Es war wirklich wieder ein faszinierender Lauf, der mir sehr viel gab. Besonders die Atmosphäre der Isarauen, fast durchgängig der fließende Fluß nebenan, machten es wirklich einzigartig. Am Ende wurden aber diesmal die Waden etwas müde, so daß ich kurz stehen blieb und sie etwas dehnte, was für den letzten Kilometer zu meiner Wohnung hilfreich war. Mich juckte es, diese Runde zum Abschluß zu bringen, und konnte und wollte deswegen nicht abbrechen.

Für mich ist das alles neu. Die Langstreckendistanzen habe ich mir lange Zeit nicht zugetraut bzw. nur theoretisch damit gespielt. Sie zu laufen war aber nun der zwangsläufige nächste Schritt, und ich muß sagen, daß ich nun Blut geleckt habe. Wenn das möglich ist, dann ist auch weit mehr möglich, 20, 30 Kilometer, ja sogar ein Marathon in einigen Monaten. Wieso nicht darauf hinsteuern? Ich bin in einem guten Alter, und das wäre durchaus drin, wenn ich weiter dranbleibe.

 

Was bei all diesen Überlegungen aber wichtig ist: Der Verstand nimmt das alles auf, und versucht nun etwas mit dem Körper zu machen, eben bestimmte Kilometerzahlen, bestimmte Trainingsziele, bestimmte Zeiten. Und darum geht es nicht, denn das ist alles tot, nur Zahlen und Daten, für die ich mich selber mißbrauchen würde. Worum es eigentlich geht ist die innere Erfahrung während des Laufens, die ich so sehr schätze. Auch der erhöhte Appetit nach einem Lauf, der intensivere Geruchssinn, die stärkere Körperwahrnehmung. Das alles läßt mich faktisch gut fühlen, und nur das ist der Wert. Dafür muß nicht mehr getan werden, als das natürlichste, was Menschen überhaupt tun können.

Was ich nicht empfehlen kann: Mit Kopfhörern zu laufen. Ich sehe das immer wieder, besonders bei Läufern in meinem Alter. Auch das ist eine Überkleisterung des Grunds, wieso ich überhaupt laufe. Wieso muß ich mich dabei noch extra künstlich stimulieren? Dadurch entgeht einem doch die einfache, frische Klarheit und Stärke, die mit dem Laufen einhergeht, und die mich mit Lebenskraft überschüttet. Jeder Zusatz stört da doch nur, sorgt für Distraktion und Verwirrung, und bringt den natürlichen Rythmus durcheinander. Nein, nein, da braucht es wirklich keinen Input. Der ganze Alltag ist doch davon schon geprägt, wieso sollen also diese Minuten auch noch davon beeinflußt werden? Ich bin doch froh, endlich mal von dem ganzen Radau weg zu sein, nur mit mir und meinem Fortbewegen beschäftigt zu sein, was zwar ganz primitiv und banal erscheinen mag, aber durch diese Unkompliziertheit einen wieder spüren läßt, ein Teil dieser Natur, dieser Umwelt, dieser Erde zu sein, mehr als alles andere.

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April 2019: An 12 von 30 Tagen gelaufen

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9km-Lauf, 11.05.2019

 

Ein Lauf außerhalb der Zivilisation: Von Marzling bis Hangenham in den Isarauen war in der kühlen Abenddämmerung eine Atmosphäre zu spüren, die einiges in mir auslöste. Ich war nicht mehr in Deutschland, vor allem in keiner Gesellschaft, keine vorherigen Kontexte konnten das greifen. Da war nur noch der Fluß, die großen Weiden, auf der anderen Seite des Weges die Moosach, oder Tümpel oder Wiesen. Mehr nicht.

 

Das Laufen bringt mich immer wieder zu einem neuen Kennenlernen, was ich sonst so nie erfahren würde, und auch vorher nie anstreben könnte. Einfach Spazieren würde mich da nie hinbringen. Wie verwandelt schien alles, und so bin ich nun gefühlsmäßig wieder in einem neuen Land. 

 

Die Zivilisation war ganz weit weg. Keine Menschen, keine Häuser, keine Strommasten, nichts. Ich war verblüfft, wie das sein konnte, so wenige Kilometer vor meiner Haustüre. Aber es war so, und war froh darum. Als ich den Hang hochlief, konnten von oben die Auen, wie auch die flache Landschaft bis hin zu den Alpen überblickt werden. Fast schon unwirklich wirkte das alles, war ich sonst immer auf der Suche nach solchen Eindrücken, die ich durch Präsenzübungen oder auch Reisen sammeln wollte, und nun war es einfach so da, ohne dergleichen Bemühungen.

 

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19.05.2019: Notgedrungener Wechsel zu meinen Straßenschuhen verblüffend angenehm. Die flachere Sohle erzeugt noch besseres Laufgefühl als die Asics...

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Mai 2019: An bislang 11 von 26 Tagen gelaufen

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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