Perspektivwechsel


Die alten Filmaufnahmen, auf die ich gestern gestoßen bin, veränderten unerwarteterweise meine Perspektive. Ich nahm nämlich die Menschen, die Straßen, die Häuser, die Stadt genauso wahr, wie wenn ich, sagen wir mal, aus dem Jahre 2100 auf diese Zeit hier blicken würde. Und genau das ist gar nicht mal so falsch, fällt dann auf.

Es ist plötzlich ein interessierter, verblüffter Blick, ein Blick, der frisch ist, der etwas sieht, was zuvor für selbstverständlich genommen wurde. Ein neuer Blick auf diese Zivilisation, auf die Art wie alle gehen, umhertreiben, Auto, Fahrrad, Bus fahren, essen, trinken, schauen, wie die Menschen gekleidet sind, wie sie sprechen, agieren.

Alles sind nur Momentaufnahmen einer Kultur, die vorher als fixes Konstrukt empfunden wurde, und die man zeitlebens wie ein Schwamm in sich aufgesogen hat, weil man sie als absolut genommen hat. Sie ist aber genauso etwas, was aus ferner Zukunft wahrgenommen werden kann, was verschwinden wird, fluktuiert, kaputt geht, neu aufkeimt.

Man versteht dann nämlich, daß die ganzen Leute da verrückt sein müssen, weil sie meinen, sie könnten auf ewig genau so weitermachen. Dann sieht man, daß Weggetretenheit ein Phänomen ist, was zu allen Zeiten verbreitet ist, Zeitung wurde nur durch Smartphone ersetzt, Zigarette durch E-Smoker. Dann dieses Umhertreiben während man völlig in Gedanken versunken ist, wie man das sehr gut in Einkaufspassagen sieht oder wie ich das heute ganz neu in der Freisinger Altstadt sehen konnte.

Vor allem siehst du nun auch eines: Das, was du meinst, was du bist, ist genauso nur ein Hampelmann, ein mehr als unwichtiger Darsteller in einer vermutlich schon seit Tausenden von Jahren ablaufenden Show hier auf Erden. Darin treten Figuren auf, die manchmal wichtig erscheinen, imposant, talentiert, manche eher unscheinbar, im Hintergrund, kleinlaut. Alles in allem aber von keiner Relevanz, denn alle jemals gelebten Menschen, alle die jetzt gelebt werden und alle die kommen werden, sind nur eine Erscheinung vor dem Zeugenbewußtsein. Sie werden gelebt, trifft es wirklich sehr gut.

Das Bewußtsein oder auch Selbst ist hier die einzige Konstante. Das hat immer alle einzelnen Wesen beseelt, zu allen Zeiten. Und das betrachtet die Dinge immer aus der wahren Lage, aus der unverrückbaren Mitte des Karussells, daß sich immer weiter dreht und windet. Deswegen heißt es auch in den Schriften immer „Das Selbst“, weil es nur eines gibt, nicht meins und deins und seins und ihres dahinten, sondern nur das Eine. Wie fahren wir von hier fort?

Du bist das eine Selbst, der ewige Zeuge, alldurchdringend, vollkommen, alleinsam, frei, bewußt, untätig, ungebunden, wunschlos und still. Nur durch die Macht der Illusion erscheinst du in der Welt und im Rad der Geburten.

Gib die Identifikation mit inneren und äußeren Erscheinungen auf, sowie die Illusion von „Mein und Dein“. Meditiere über das Selbst als unveränderliches, einfaltiges Bewußtsein jenseits aller Gegensätze.

Lange warst du in der Schlinge der Körperlichkeit gefangen, mein Sohn. Durchschneide sie jetzt mit dem Schwert der Erkenntnis „Ich bin das eine ewige Bewußtsein!“ und sei selig.

Du bist ungebunden, nichthandelnd, selbststrahlend und vollkommen rein. Nur dein Denken bindet dich.

- Ashtavakra Gita - 1. Gesang: Das Wissen vom Selbst

So, und genau das ist der Irrtum, wenn man meint, daß 1900 etwas grundlegend anders wäre, oder daß 2100 irgendwelche bessere, fortschrittlichere, glücklichere Zeiten auf uns warten. Diese Änderungen durchlaufen ihren Gang, und werden von der immergleichen Instanz beobachtet, die davon völlig unberührt bleibt. Selbst Weltkriege und Atombomben konnten dem nichts anhaben.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum

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