Der Selbstverlust in Raum und Zeit


Paar Erledigungen in Waldkraiburg: An der dortigen Sparkasse lief noch ein Bausparvertrag, den ich jetzt habe auflösen lassen. Habe schon völlig vergessen, daß der existierte, wäre da nicht letztens mal ein Brief von der Bausparkasse gekommen. Mein Konto an der dortigen Bank habe ich nämlich schon vor längerer Zeit auflösen lassen.

Jedenfalls sind mehr als 3000€ in dem Vertrag gebunden, den damals noch meine Mutter für mich gegründet hat. Das Geld kommt wohl größtenteils auch von ihr, aber das sacke ich jetzt einfach ein. Mit einer gewissen Genugtuung sehe ich das auch als eine Art Schmerzensgeld für die vielen verzweifelten Jahre als ihr Trostmaskottchen. Das Geld kann ich gut gebrauchen, wird aber erst nach der dreimonatigen Kündigungsfrist ausgezahlt.

Bausparverträge halte ich sowieso nicht für krisensicher. Das ersparte Geld wäre dann Futsch. So nutze ich es jetzt lieber selber, kaufe dafür Silbermünzen oder eine schöne Mechanikuhr. Von der habe ich länger etwas. Außerdem habe ich sowieso nicht vor einen Kredit aufzunehmen, wie ich schon am Geldsystem erläutert habe.

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Ich wollte noch in die Kreisstadt, ins dortige Riesen-Supermarktkomplex "Globus". Davor fuhr ich aber noch in meine Jugendgegend im westlichen Stadteil, wo ich meine ersten fünfzehn Lebensjahre verbracht habe. Es hat sich einiges geändert. Meine Grundschule hat eine Modernisierung erlebt, hat außen ganz neue bunte Wände mit viel Metall, wo es früher nur grau war. Außerdem wurden viele Wege neu gepflastert, u. a. auch mit Materialien, die ich sehr gut kenne, weil wir in unserer Firma auch mit demselben Lieferanten arbeiten. Auch ganz neue Gebäude haben ihren Platz gefunden, wo früher noch Wald oder Grube war.

"Wenn ich schon da bin", dachte ich mir, "spaziere ich ein wenig und schaue mir an, was hier so los ist". Manche Ecken haben sich gar nicht verändert, wirken unerschütterbar gleich. In mir hat das gestern schon einiges ausgelöst, denn damit kommen viele Erinnerungen hoch, wie ich auch in vielen Träumen letzte Zeit bemerkt habe. Die Träume spielen oft an dortigen Schauplätzen. Meine Eltern leben jetzt zwar in einem anderen Teil der Stadt, auch viele damalige Gefährten leben nicht mehr dort, und doch ist da eine tiefe Verbundenheit mit der Landschaft dort, mit den Gebäuden, den Hügeln, den Bäumen, auch den Details wie Bänken, Beeten, Hecken, Sandkästen, Müllhäuschen oder Spielgerüsten. Alles ist in mir untilgbar eingebrannt, und in dem Moment, wo ich wieder dort bin, ist das wieder wie, als wäre ich erst gestern dort gewesen.

Der Ort hat an sich nichts Besonderes, muß man sagen. Es ist eine Wohnsiedlung einer bayerischen, kleinen Industriestadt ohne viel Tamtam. Durch die lange Kindheit dort aber doch etwas Spezielles für mich. Im Sommer haben wir dort viele Abenteuer erlebt mit den Nachbarskindern, jeder Tag war spannend. Im Winter sind wir auf dem kleinen Hügel im Park Schlittengefahren. Die Pubertät fing bei mir eigentlich erst an, als wir von dort weggezogen sind, erst in ein Nachbardorf, später in einen anderen Stadtteil. Dort fing das dann an erstmals an mit Sexualität, Mädels und dem ganzen Fiasko, was sich bei mir bis heute damit zeigt. Das war aber dort nie ein Thema, da war ich immer unbedarfter Junge.

Was ein Thema war, war natürlich mein Vater, der meine Aufenthalte mit ihm in der kleinen Wohnung oder im Keller regelmäßig in eine Tortur verwandelte. Besonders auch die ständige Forderung jeden Dienstag, Mittwoch und Freitag ins Boxtraining zu gehen - um sich dann dort auf die Sparingsessions am Ende zu freuen, wo ich mir dann mit Gleichaltrigen die Rübe einschlagen durfte - war seelisch eine Quälerei höchsten Ausmaß. Gut, da werden viele aufschreien, ich übertreibe maßlos, aber das ist mir jetzt egal.

Diese Zeit ist vorbei. Das ist mir jetzt dort zum Glück aufgefallen. All das Leid, es hatte ein Ende. Es war nicht von Dauer. Auch kommende unangenehme Erfahrungen werden das. Es hört auf, und ich bin der lebendige Beweis dafür. Wenn mich nur der Junge von damals jetzt sehen könnte; ist zwar eine verworrene, aber interessante Vorstellung. Ihm würde nämlich klar werden, daß das nicht auf ewig in Stein gemeißelt ist. Daß er Antworten finden wird, die all diese Ereignisse in ihr wahres Licht rücken werden.

Diese ganzen Beschämungen, Einschüchterungen und Beschränkungen waren momenthafte Erlebnisse. Sie kamen und verschwanden wieder. Die Vollkommenheit war in Wahrheit davon nie berührt. Die Sonne scheint immer, sie wird nur verdunkelt. Wie gesagt, ich erlebte ansonsten auch sehr viele Abenteuer draußen, mit anderen Kindern, auch anderen Erwachsenen. Auch alleine war alles Ok. Auch mit meinem Vater, wenn seine Kumpels mit dabei waren. Da war er dann der brüderliche Russe, und ich war auch ein Teil der Gruppe. Nur, alleine mit ihm zu sein war zu vermeiden.

Im Kern war das gestern auch eine Art Abschiedsprozedur. Dieser Ort ist nicht wichtig, genauso wenig wie das, was speziell ich dort erlebt habe. Ja, es war eine einzigartige Story, die so passiert ist, wie sie passieren mußte und auch weiter passiert, aber de facto ist sie nichts anderes, als jeder andere seine Wahrnehmung erlebt, dort, oder auch ganz woanders. Die Rahmenbedingungen mögen anders sein, die Kultur, das Klima, die Sprache, die Menschen, aber die Dramaturgie bleibt ähnlich, die der Person.

Mir fiel das auf, als ich vor kurzem das Handballspiel meiner ehemaligen Mannschaft anschauen wollte, und dabei lange durch ein menschenleeres Gymnasium in Pfaffenhofen gestreift bin. Das, was die Schüler da durchmachen müssen, Pauken, Auseinandersetzungen mit Lehrern, mit Mitschülern, Hausaufgaben, Projekte, Pausenstreiche, Leistungsdruck von den Eltern oder auch Zeitgeistpropaganda, all das sind Phänomene, die unpersönlich sind, die z. B. in so einem Land wie Deutschland junge Leute über sich ergehen lassen müssen. Es ist nicht nur meine Situation gewesen, die, daß ich so vieles als unangenehm empfand, hier die Grund- und Realschulzeit. Die Wahrheit ist überall gleich.

Die Person ist in diesem Lebensdrama voll drin. Und da gibt es auch keinen Ausweg. Kindheit, Jugend, Pubertät, Erwachsenwerden, Familie, Berufsleben, Rente, Alter, Tod sind der Weg. Die Linie mag für verschiedene Leute anders laufen, manche sterben früh, andere werden alt, manche machen Karriere, gehen in die Großstadt, andere backen kleinere Brötchen, bleiben lebenslang am Heimatort. Die Linie führt alle unweigerlich an die selbe Stelle - egal welche Windungen und Schnörkelein sie nimmt - nämlich dahin, wo sie hergekommen sind, an den exakt gleichen Punkt, der weder in Zeit, noch Raum zu finden ist. Jeder kommt von da, jeder kehrt dahin wieder heim und jeder weiß es. Dort ist die eigentliche Heimat, die, die wir uns alle für ewig teilen. Selbst meine kleine Cousine weiß es, die ich vor zwei Jahren etwa mal gefragt habe, woher sie kommt: "Von nirgendwo", meinte sie spontan. Mehr Weisheit kann man wirklich nicht finden.

Wichtig ist also nicht Abschied zu nehmen, von genau diesem Ort, sondern von der persönlichen Geschichte, die damit in Verbindung steht und die vom Verstand in der Erinnerung oder in Träumen aufrecht erhalten wird. Die Trennung von den Eltern ist hierbei ein wichtiger Baustein, denn sie haben mit dem Namen, den Bestärkungen von gewünschten Eigenschaften und dem Abstrafen von unerwünschtem Verhalten die Person erst ins Leben gerufen, also eine getrennte, kontrollierende, abwägende Wesenheit, die in der Welt agiert. Nicht nur haben sie den Körper erschaffen, die Mutter durch Geburt, sondern auch eine Identität kreiert, die angeblich ihr Leben selbstbestimmt lebt und voranbringt, am besten selber eine Familie gründet, einen Job hat und sich vervollkommnet. Alles ist schon die falsche Identität, denn sie existiert schlichtweg nicht; nur Gedanken stabilisieren sie, nein, bauen sie jeden Augenblick neu auf.

Es hat niemand dort seine Jugend verbracht. Da war einfach Lebenskraft, die mal freier, mal blockierter aktiv war, die Interessen hat, sich an den einfachen Dingen erfreut hat. Die Person ist nur ein Ettikett, was darauf geklebt wird, um es beschreiben zu können. Man nagelt diese Naturerscheinung dann fest, gibt ihr einen Ausweis, Zensuren, Zeugnisse, fixe Definitionen, z. B. wie ihr Charakter wäre. Sie hat dann auch Beziehungen zu anderen Erscheinungen in der natürlichen Lebensumgebung, nennt sie Freunde, Verwandte oder Bekannte. 

Hier mal ein paar generell bekannte Worte eines mehr als berühmten Religionsstifters:

Wenn jemand zu mir kommt, und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein. - Jesus, (vermutlich 30 n. Chr.; übermittelt in der Bibel: Lukas 14, Vers 26, https://www.bibleserver.com/text/LUT/Lukas14%2C25-35)

Ich würde es nicht so formulieren wie er, daß man das hassen sollte. Aber es zeigt die Radikalität und Konsequenz die nötig ist, um sich von der Person, die man meint zu sein, zu lösen. Da muß schon ein starker Impuls dahinterstecken, um hinter seine Existenz zu schauen, die Wahrheit darüber herauszufinden. Die ganzen falschen Anhaftungen müssen hingegeben werden, auch Familie, Freunde, langjährige Bekanntschaften sind da fallenzulassen, nicht im Sinne von Kontaktabbruch, sondern im Aufgeben einer inneren, emotionalen Verbindung mit diesen Leuten bzw. mit dem, was sie zu sein scheinen.

Das mag sich nun wirklich abstrus für Leute anhören, die so etwas noch nie gehört haben, scheint es doch nur Esoterikgeschwätz zu sein. Die müssen damit auch gar nichts anfangen, würden das aber sowieso bis hierher gar nicht lesen. Jedenfalls mir wird immer klarer, daß die eigentliche Befreiung darin liegt, zu sehen, was die Natur dieser Person eigentlich ist. Es ist nicht Esoterik, es ist real, realer als alles andere, realer als alles, was ich bisher als real angenommen habe. Wer seinen Verstand nicht beobachten kann, der wird auch nie die eigentliche Energie verstehen können, die hinter dem Leben steht. Der wird immer meinen, er selber wäre derjenige, der sein Leben lebt, wobei nichts falscher und irreführender sein könnte.

Vielleicht liegt es nicht in Ihrer Kraft zu verändern, was mit dem Körper und dem Verstand geschieht, doch Sie können jederzeit die Vorstellung beenden, der Körper und der Verstand zu sein. - Nisargadatta Maharaj, "Ich bin - Teil 1", S. 105

Niemand hat sich die Umstände, in denen er lebt ausgesucht. Auch nicht, was mit ihm so geschieht; eben mit Körper und Verstand, wie sie beschaffen sind, welchen Körpertypen man hat, wie der Verstand programmiert ist. Und wie gesagt: Das ist letztlich total nebensächlich und unwichtig, weil sie auf einer Ebene angesiedelt sind, die ständig variiert, kommt und vergeht, mal angenehm, mal unangehm ist. Viel wichtiger ist zu erkennen, wer man selber ist, und das ist etwas völlig anderes, als man je denken oder in ein Schema pressen könnte. 

Das im Einzelfall zu prüfen, und herauszuschälen, ist die Herausforderung, die dieser Existenz innewohnt. Das geschieht nicht von heute auf morgen, ist wohl eine Aufgabe, die lebenslang beschäftigt hält, und doch ist sie etwas was keine Entwicklungszeit benötigt, weil sie im selben Moment wie die Wahrnehmung selbst, in Sekundenbruchteilen ihren Schleier lüftet. 

Ich bleibe weiter dran, da ist noch viel mehr.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum