Zazen - Verankert im Jetzt


Der Denkprozeß läuft immer im Jetzt. Die Grundlage ist das Jetzt. Es ist immer da, genau wie die Natur. Auch die Sinneswahrnehmungen sind nur da. Im Denken wird das ignoriert, die Sinne nehmen zwar wahr z. B. während ich im Auto sitze und sehe wohin ich fahre, höre wie der Motor läuft, der Wind vorbeizieht, doch in Gedanken bin ich bei einem Gespräch vor einer halben Stunde oder bei den Einkaufswünschen von Morgen. Es findet also ein Sprung statt, raus aus dem Jetzt (was ohnehin nie wirklich verlassen werden kann), hinein in vergangene Ereignisse im Jetzt und mögliche Begebenheiten im Jetzt.

Meist wird das als nötig, ja regelrecht als Sucht empfunden: Wo komme ich denn dahin, wenn ich meine Probleme nicht reflektiere?, heißt es. Zu verführerisch ist die Möglichkeit des Tagträumens, um z. B. von unangenehmen Körperempfindungen keine Kenntnis nehmen zu müssen. Auch langweilige, banale Tätigkeiten wie Essen alleine am Tisch führen zu regelrechtem Denkrausch. Das Schmecken alleine reicht nicht.

Gerade eben hatte ich nämlich richtigen Kohldampf nach einem langen Arbeitstag. Ich habe mir die Sachen regelrecht reingepfeffert, so hungrig war ich. Das ist ja auch Ok. Mir ist aber schon öfter aufgefallen, daß ich dann über den Punkt hinausesse, an dem mein Körper schon längst gesagt hat: Stop, satt. Interessanterweise nehme ich diesen Punkt gar nicht wahr, weil ich während des Verzehrs nicht ganz beim Essen bin, sondern parallel noch über die Tagesereignisse oder über meine derzeitige Lebenssituation mit dortigen Fragestellungen grüble.

Die tatsächliche Lebenssituation ist aber die gewesen, daß ich eben am Tisch saß und aß, meine Beine pochten, der Kühlschrank brummte, bei den Nachbarn bellte, wenn ich genau hinhörte, ein Hund, auch hustete ein Mädchen im Stockwerk unter mir, ein Auto fuhr draußen vorbei, der Ofen knackte ab und an von der Restwärme. Alles andere, was ich davor dachte, z. B. Schwierigkeiten mit anderen Personen, in der Familie, finanzielle Planungen, Herausforderungen im Beruf, Gedanken, was andere über einen denken könnten, auch über meine Öffentlichkeitspräsentation hier, haben da keine Aktualität, auch wenn es so scheint.

Für mich ist das dann wie ein Schock, wenn einfach mal so dieses Innehalten da ist, weil ich dann merke, daß ich den ganzen Tag davor wie im Rausch war, regelrecht ertrunken bin. Es hat jetzt aber auch einen Effekt gehabt, daß der Körper hundemüde war: Die Gedankenaktivitäten kriegen weniger Saft. Es ist einfach weniger Aufmerksamkeit dafür da, der Körper beansprucht sie nun, und das erdet wieder im Jetzt, denn der Körper mit all seinen Befindlichkeiten ist ebenfalls nur dort aufzufinden. Erschöpfung kann beim Loslassen helfen, so ja auch Auspowern im Sport, lange Wanderungen oder auch Laufen.

Das nun seit einem halben Jahr stattfindende morgendliche Zazen hat zu folgendem Aufschluß beigetragen: Denken ist kein Zwang. Ich bin nicht genötigt Zeitsprünge zu vollziehen. Je mehr ich das verstehe, desto komplizierter und unnötiger erscheinen mir die Gedankenvorgänge. Genauso wie es bescheuert ist, irgendwelche Ideologien zu verinnerlichen, genauso kostet es nur wertvolle Kraft und Aufmerksamkeit sich gedanklich aus der Gegenwart zu beamen, als Person, die so und so alt ist, den Namen hat, die Berufsausbildung, diesen Kontostand, diese Beziehungen, diese Geschichte, die und die Herkunft, die und die Ziele und Pläne hat. Es ist einfach nur anstrengend das aufrechtzuerhalten. Weil es aber jeder macht, halte ich es für normal. Nur Wenige in der Geschichte, und noch Wenigere heute wissen aber, daß genau dieser Überbau alles andere als normal ist, ganz im Gegenteil: Eine Lebensfolter sondergleichen, die aus dir einen verrückten Gehirnamputierten macht, der sich alles schwerer macht.

Das Leben ist ganz einfach, wie ein Nashorn im Tierpark einfach in seinem Stall steht und zufrieden seinen Salat frißt bis es satt ist, dann etwas Auslauf genießt, oder wie Pferde, die ein ähnliches Gemüt haben. Viele meinen, diese Tiere würden in Gefangenschaft leben, wären nicht in ihren natürlichen Habitaten, stehen den ganzen Tag rum und starren ins Leere, und da mag was dran sein. Aber das eigentliche Gefängnis ist der Prozeß, den ich gerade beschreibe: Aus der einfachen Erfahrung in ein anderes Erleben zu wollen, weil das angeblich nicht genügend sensorisch Befriedigendes bietet.

Da, wo diese Tiere sind passiert ja nichts, obwohl ich den Großteil des Tages auch da bin, wo sie sind: Stehe und warte auf jemanden, einfache Arbeiten in der Natur z. B. mit Bäumen und Pflanzen, auf der Toilette sitzen, Zähne putzen, sich waschen, eben erwähnt, das Zubereiten und Verzehren von Essen, Gang von Zimmer A nach B, aus dem Haus zum Auto/Fahrrad, Fahrten von A nach B (solange ohne künstlichen Input). Klar, als Mensch kann man hier und da noch anderes wahrnehmen, und das ist auch nicht falsch: Politische Nachrichten, Filme, Musik, Kulturelle Angebote, Kunst. All das wird aber schon durch Filter verarbeitet. Erstgenanntes ist direkt und unmittelbar, sinnlich, ohne vorher stattfindende mentale Verarbeitung.

Als ich zufällig mal vor paar Wochen bei meinem Mitbewohner paar Minuten in den Fernseher reingeguckt habe, dachte ich, ich sehe nicht richtig: Es wird dort eine regelrechte Scheinwelt parallel aufgebaut. Ich kam mir wie ein Außerirdischer vor, als ich das wieder sah, weil ich schon so lange davon weg bin. Die Sendungen laufen ununterbrochen, nacheinander durch, auf verschiedenen Kanälen, man wird frontal beschallt, penetrant zugelabert, mit Effekten, Farben und Sequenzen hin- und hergerissen, regelrecht angeschrien, ja beleidigt, in schrillen, unnatürlichen Stimmen. Ähnliches kenne ich auch aus dem Radio, was in meinem Auto aber - zum Glück - nicht funktioniert (ich wollte es bisher auch nicht reparieren). In den Firmenautos ist es hier und da mal zu hören.

Ich verstehe nicht wie ich früher, und wie andere Leute, es tatsächlich schaffen sich so lange davon berieseln zu lassen. Mittlerweile kann ich nicht mal ein paar Minuten ertragen. Auch als ich im Internet Livestreams von der Handball-WM angeschaut habe, war ich nach einer Übertragung von etwa 60 Minuten mit 10 Minuten Pause dazwischen ziemlich ausgelaugt. Ich war eher froh als es vorbei war, auch wenn es sicher Spaß machte etwas zuzuschauen. Es ist falsch sich das verbieten zu wollen, aber ich beobachte, daß sich da Veränderungen vollziehen. Es geht vieles einfach nicht mehr, viele Ablenkungen und vorher als relevant eingeschätzte Eindrücke fallen weg, aber nicht, weil ich mir das so ausgesucht habe, sondern weil es einfach so ist.

Gerne schaue ich mir jedoch hin- und wieder Filme an. Ich hatte aber jetzt auch eine längere Zeit, wo mir das auch viel zu viel war. Es kommt natürlich auch auf den Film an. Es gibt ruhigere Filme, mit vielen Gesprächen und einfachen Szenen wie "Loving Vincent", dann natürlich Actionfilme mit Autorennen, Schießereien und Morden wie "Fast and Furious". Wichtig finde ich, egal was man tut, selbst wenn man es sich antut Fernsehen zu schauen, das bewußt zu machen, das heißt, zu wissen, was man davon hat bzw. dort herausfinden möchte, was es damit auf sich hat. Um sich einfach nur unterhalten zu lassen, ist die Zeit wirklich zu schade, wenn schon anspruchsvollere Eindrücke gewünscht sind.

*

Wie schon öfter erwähnt ist "Der Club der toten Dichter" mit mein Lieblingsfilm, einfach weil ich da viel für mich mitnehmen kann. Hier ist die Frage "Was hat das mit mir zu tun" entscheidend. Die der Norm verfallenen, leistungsorientierten Eltern und Lehrer der Eliteschule haben nur soweit Interesse an ihren Kindern und Schülern solange sie das befolgen, was sie von ihnen erwarten. Diese dort gezeigte Welt der 1950er hat sich zwar in ihrer äußeren Form verändert, ist aber im Kern genau gleich geblieben.

Auch ich kenne die Schulzeit als meist ungeliebte Zeit, mit wenigen Lehrern, die inspiriert und freiheitlich gesonnen sind, ähnlich wie im Film "Mr. Keating" (gespielt von Robin Williams). Mir würden jetzt spontan zwei, drei Lehrer meiner Laufbahn einfallen, die dem nahekommen könnten, wirklichen Kontakt gesucht haben. Heute wird in Schulen und Unis eher selten etwas vermittelt, was wirklichen Wert hat und deshalb hängen bleibt, sondern das Auswendiglernen dient der Unterjochung des Willens des Einzelnen: Hausaufgaben, Zensuren und die Furcht vor Bloßstellung vor der Klassengemeinschaft, Nachsitzen und Verweisen untermauern den Anspruch auf das fühlende Wesen von innen. Es wird nicht geschlagen, nicht mehr gezüchtigt, es läuft viel heimtückischer: Durch das Dahinsiechen der Kreativität durch Wiederholen von Dingen, die man uninteressant, langweilig, nutzlos und fad findet. Das tagtäglich über 10-12 Jahre saugt Lebensgeister aus, laugt aus, bei den meisten bleibt das damit für ihre Lebzeit so.

Hier bin ich wieder beim Hier und Jetzt: So läuft das nämlich gar nicht. Dort ist alles sinnvoll, und jede Tat, die selbst für die Zukunft ausgeführt wird, sei es das Anbauen von Nahrungsmitteln oder das Arbeiten an einem gewinnversprechenden Projekt, geht einher mit einer direkt im Jetzt einhergehenden Begeisterung, nie durch Pflichtgefühl und Zwang mit Erfolgsversprechungen für die Zukunft (Zeugnisse, Diplome, Abschlüsse, Gehälter, Titel, Posten). Das ist Betrug, denn dort erzählt einem die Gesellschaft, wartet das Eigentliche auf einem. Genau wie den Schülern in dem Film, um sie zu benutzen.

Im Film wird das Jetzt wieder gewürdigt. Nur, wer das wiederentdeckt, hat eine Chance auf echten Erfolg. Jetzt Farbe bekennen, jetzt bereits Freude an der Poesie entdecken, am eigenen Lebensausdruck, nicht erst, wenn man bestimmte Parameter verinnerlicht hat. Wer das für sich versteht, ist frei davon. So ist jeder bereits am Ziel, bei sich, der aufgestanden ist, und seine Dankbarkeit für diese Lehre gezeigt hat, ganz egal, was dann noch passieren mag. Es ist nicht etwas, was irgendwann passiert, wenn man mal das Richtige denkt, sondern entweder es ist im Moment vorhanden, oder nie.

Hier ist auch der Irrtum in vielen Denkweisen zu finden, die ich bei meinen Mitmenschen antreffe, zum Teil immer noch bei mir sehe. Dann und dann, wenn "wir" als Gruppe dies und jenes befolgen, uns diese Ziele vornehmen und erfüllen, haben wir eine Chance auf ein gutes Leben. Jeder kann selber beobachten, wo genau das stattfindet, wenn er die Schlagzeilen in den Zeitungen, in den "Wissenschafts"-Magazinen oder Internetmedien liest. Oder wenn er einfach mal in die Schule nebenan geht, und schaut, was den Kindern als neuer Weg verabreicht wird, wie es auch mir vor gar nicht mal all zu langer Zeit geschah. Öffentlich werde ich die Themen einzeln nicht mehr vorkauen können, weil das schwierig werden könnte. Den Wahrheitsradar kann ich aber dadurch sowieso in niemanden hineinlegen, wenn er ihn selber nicht hat.

Müdigkeit schleicht sich ein. Bevor ich weitermache, lasse ich das erstmal so. Auch dieses Gespür will ernstgenommen werden.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum

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