Wie weit würdest du gehen?


Kurze Zusammenfassung des berühmten Milgram-Experiments:

Die Probaden denken, es handle sich um ein Lernexperiment. Sie müssen den Schüler - der in Wahrheit nur ein Schauspieler ist - mit Elektroschocks bestrafen, falls sie eine Frage nicht richtig beantworten können. Die Schockschalter geben dabei immer stärkere Schläge, und gehen bis zu 450 Volt hinauf. Hilfeschreie werden ignoriert, auch wenn das Bauchgefühl sagt, daß es nicht stimmt. Das Wollen der Versuchsleitung, die fehlende Entschlossenheit, all das führt dazu, daß der Proband so weit gehen würde, den anderen Teilnehmer für das Experiment umzubringen, nur weil das verlangt wird. Ein absoluter Wahnsinn!

Dadurch kann ich nun eher die unfaßbaren Taten der Geschichte, und vor allem nun auch das, was hier in meinen Mitmenschen vorgeht, auch nur ansatzweise nachvollziehen. All die Aufklärung, all die scheinbare Entwicklung die letzten Jahrhunderte, wo ist die dann noch?

Menschen haben die Tendenz zum Abdanken, sich zum Werkzeug zu degradieren. Das Von-außen-kommende wird als wichtiger erachtet, als das eigene Gewissen. Irgendjemand ist schon verantwortlich, wer bin schließlich ich schon? Hier beginnt bereits der Verfall. Das sieht man besonders gut in dem Filmmaterial. Der Widerspruch, in dem sich dieser Mensch befindet, kommt immer mehr zu Tage, insbesondere nachdem er erfährt worum es sich wirklich in dem Experiment gehandelt hat. Wie ein kleiner Junge sitzt er da, denkt, er hat ja nur das gemacht, was ihm der Versuchsleiter gesagt hat. Er war aber der, der die Knöpfe gedrückt hat. Die Beschämung, die bei der Enthüllung auftritt, ist wirklich aufschlußreich zu beobachten.

Es zeigt auch, wieso Duckmäuserei dazu führt, daß so etwas wie ein Falschgeldmechanismus möglich ist: Die Funktionäre im Staats-, Rechts-, Medien- und Bankenwesen wissen schließlich, was sie sagen, genau wie der Versuchsleiter im Versuch. Ich selber habe mich schon aus der Gleichung heraussubtrahiert, die Umstände verlangen von mir eben vertrauen in die Anweisungen und Anforderungen.

Im Milgram-Experiment, welches 1961 erstmals ausgeführt wurde, gingen mehr als 60% der getesteten Personen bis an die 450 Volt-Schockmarke, auch wenn es hätte tödlich für den Probanden sein können. Erwartet wurden 1-10%. Ergebnisse

Mir läuft es da wirklich kalt den Rücken herunter, denn hat das nicht jeder auch in sich? Ich kenne es auch von mir, daß es bequemer ist, denn Anweisungen folge zu leisten, weil ich dadurch meine, Konflikten aus dem Weg gehen zu können. Der eigentlich seelenzerstörerische Konflikt findet aber immer nur in mir selber statt.

Ich jedenfalls sehe nun wieder all meine Mitmenschen mit anderen Augen. Alles sicher auch liebenswürdige, fürsorgliche Wesen, die aber in bestimmtem Kontext zu absoluten Gräueltaten fähig sind, einfach weil es so getan werden muß. Wenn es schon in so einem Versuchsszenario so verheerend ausgeht, wie weit würden Menschen gehen, wenn es um ihr eigenes Einkommen geht, wie weit, wenn noch höher eingeschätzte Autoritäten sie unter Druck setzen? Ich will gar nicht wissen, was dann alles möglich ist.

„Ich beobachtete einen reifen und anfänglich selbstsicher auftretenden Geschäftsmann, der das Labor lächelnd und voller Selbstvertrauen betrat. Innerhalb von 20 Minuten war aus ihm ein zuckendes, stotterndes Wrack geworden, das sich rasch einem Nervenzusammenbruch näherte. Er zupfte dauernd an seinem Ohrläppchen herum und rang die Hände. An einem Punkt schlug er sich mit der Faust gegen die Stirn und murmelte: ‚Oh Gott lass uns aufhören‘. Und doch reagierte er weiterhin auf jedes Wort des Versuchsleiters und gehorchte bis zum Schluss." - Wie Pawlow auf den Hund kam, 1993

Auch:

Lange Version des "Milgram Experiment"

Filmtechnisch nachgestellt in "I wie Ikarus"

Milgram Experiment (Wikipedia)


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum

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