Der Film "Bohemian Rhapsody"


Einfach nur überwältigend! Bühne frei, eintauchen in das Leben des Freddie Mercury! Spontaner Kinobesuch gerade eben, "Bohemian Rhapsody" lief. Gut, warum nicht, dachte ich mir, Karte gekauft, die Werbung lief noch. Ewig schien der Film bereits in den Kinos zu laufen, interessant, daß er immer noch lief.

Direkt drin in der Story. Gezeigt wird, wie das Leben dieses Mannes mit dieser Jahrhundertband vonstatten gegangen ist, vom ersten Kennenlernen 1970 bis hin zum großen Millionen-Auftritt bei Live Aid 1985. Sofort fesselte sie mich, denn es ist klar: Freddie ist nicht ein normaler Typ. Er hat seinen eigenen Modestil, wirkt fast schon feminin, ist nicht zufällig tendenziell schwul.

Ich konnte mich gut in dem Charakter wiederfinden, und zwar nicht, weil ich genauso diese sexuelle Tendenz habe, sondern weil die zunächst fein, blaß und schüchtern wirkende Art nur eine Seite darstellt: Dahinter schlummert eben der Star, der Gigant, die Legende, der die eigene Show bis zum Exzeß ausschöpft, es hemmungslos genießt im Fokus zu stehen, zu singen, zu tanzen, sich mutig und extrovertiert auszudrücken.

Ich verstehe nun: Auch ich habe diesen Teil, der die Aufmerksamkeit genießt, und es ist keine Schande, das auch jedem unter die Nase zu reiben. Soll jeder doch mit der Nase rümpfen. Da beneide ich Homosexuelle, die da keine Scheu haben ihre Art der Welt zuzumuten, und sich damit so annehmen, wie sie eben sind. Es gehört schließlich viel Mut dazu, sich dazu zu bekennen, ist es doch nun wirklich nicht die Norm, auch wenn sich die Gesellschaft heute gerne so gibt. Das kann ich da lernen.

Mir gefiel die Art der Kamera- und Stimmführung bei den Konzerten. Die Stimmung wurde direkt in den Kinosaal transportiert, und es fühlte sich tatsächlich so an, als wäre ich beim Konzert z. B. im Wembley-Stadium live vor Ort. Als die Lieder angespielt wurden, kam so regelrecht Gänsehaut auf. Ich wollte regelrecht mitperformen, als es losging.

Elektrisiert bin ich jedenfalls aus dem Kinosaal geprescht. Ich weiß nun: Ich bin der Star meines Lebens, und ich kann es mit genau der gleichen Leidenschaft und Hingabebereitschaft bestreiten, wie es Farrokh Bulsara getan hat. Er hat sich seine eigene Person erschaffen, nannte sie Freddie Mercury. Wieso erschaffe ich mir nicht auch einfach eine neue Identität? Eine, die mit dem alten, verbiesterten, bescheidenen Ich nichts, aber auch gar nichts zu tun haben muß? Die ist nämlich nur fahle Geschichte, aufgeschichtet, statisch, tot.

Queen hat einen eigenen, unverwechselbaren, unwiederholbaren Stil gehabt. Sie mixten verschiedene Elemente wie Rock, Pop, Disco, Funk, komischerweise auch Oper zu einer neuartigen Mischung mit dem eher orientalisch aussehenden Leadsänger als exotisches Aushängeschild. Wie kraß das war, zeigt sich, daß deren Songs selbst dreißig, ja vierzig Jahre später immer noch den meisten ein Begriff sind.

Für mich ist das alles Inspirationsmaterial. Woher nahm Mercury diese Überzeugungskraft, daß er so Ok ist, wie er ist, auch wenn z. B. sein konservativer Vater ihm sehr viel Widerstand entgegenbrachte? Wie konnte er trotzdessen einer der erfolgreichsten Sänger aller Zeiten werden? Diese Fragen beschäftigen mich nun weiter.

*

Original-Auftritt bei Live Aid 1985 im Wembley-Stadium, London:

Weil es mir gefällt, noch "I want to break free":

Und "Another one bites the dust":


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum