Weide


Was ist gerade da? Für mich aktuell eine ruhiger Abend. Lange gearbeitet, eine schöne Trauerweide mußte leider weg. Innen war sie schon total vermodert, was die Fällung nötig machte. Weiden sind eben nicht dazu da, stabil und alt zu werden. Ihr Holz ist weich, ihr Wachstum schnell. Durch ihre leichte Vermehrung, wo alleine schon abfallendes Totholz reicht um neue Sämlinge entstehen zu lassen, sind sie nicht darauf angewiesen, langlebig zu sein. Und die, die trotzdem alt werden, werden ziemlich knorrig und windbruchgefährdet, sind oft von Insekten zerfressen.

Jedenfalls war es wirklich schade, daß sie ordentlich gekürzt wurde, denn sie war sehr ausladend und eindrucksvoll, aber die Verfaulung wurde später noch mal deutlicher, als das Innere sichtbar wurde. Es führte also kein Weg daran vorbei, wo sie auch auf dem Kindergartengelände stand. Da darf gleich drei mal kein Risiko eingegangen werden.

Auch wenn der Tag lang war, so muß ich sagen, ist mein Körperempfinden nicht sehr erschöpft, auch wenn ich viele Kilometer zurückgelegt haben muß. Klar, der Körper gewöhnt sich natürlich an die Belastung nach mehreren Monaten, ja Jahren in dem Job. Aber dennoch ist da was neu.

Es geht um die Aufmerksamkeit, die den Körper als solches erst ermöglicht. Ohne Bewußtsein kein Körper, der Körper macht, tut, fühlt sich mal müde, mal kräftig, aber was liegt dahinter? Was soll das Wechselspiel überhaupt?

Heute jedenfalls, und auch schon letzte Woche, ist da vielleicht Müdigkeit in den Beinen, aber da ist kein Widerstand dagegen. Ich könnte auch sagen, da ist einfach Leere, dieser Körper ist eine Puppe, und Genuß wie Schmerz durchziehen sie hin und wieder, werden registriert, behalten aber keine Spuren.

Mir fällt auf, daß die Weide genau das aufzeigt. Sie wirkt außen stabil, groß, stark, ist innen aber fast schon hohl, total weich und biegsam. Da ist gar nicht viel dahinter. So auch jeder Mensch: Wo ist das Zentrum in mir? Im Kopf, im Magen, im Knochenmark? Irgendwas scheint da ja zu sein, aber was ist es? Ich, sagt man, aber wird da mal näher hingeschaut, wie z. B. bei der Weide, dann ist da kein klares, fixes Zentrum zu lokalisieren.

Man könnte mich ja mal genauer untersuchen, da gibt es ja z. B. die Hirnforschung. Vielleicht wird dort ja irgendwann mal das sogenannte Bewußtsein gefunden? Irgendwo in den Windungen muß es doch stecken, nicht? Vielleicht wird ja jemand mal fündig. Genauso wie bei Bäumen. Die leben übrigens auch nicht in ihrem mächtig erscheinendem Holzgerüst, sondern nur im Kambium, die zwei Zentimeter direkt unter der Rinde. Mehr Leben ist da nicht.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum