Einfrieren und beobachten


Einfrieren und beobachten, wie eine Kamera. Immer wieder probiere ich das gerne mal aus, auch in teils unbequemen Situationen. Im Auto saß ich so, drückte die Kupplung durch, und verharrte, nach vorne schauend. Verschiedene Aspekte belegen dann die Aufmerksamkeit und es ist unfaßbar, was alles in diesem einen - ansonsten überflogenen - Moment wahrnehmbar ist. Da wäre die Spannung im Oberschenkel, die durch das Drücken entsteht. Das Ziehen scheint nicht sehr bequem. Aber die Körperwahrnehmung wandert nun zum Knie, dann zum Druck auf dem Vorderfuß. Auch die Daumen und Zeigefinger tuschieren noch leicht das Zündschloß. In dem Moment ist das Spüren des Ziehen bereits in den Hintergrund gerückt. Sinnlich sind die Geräusche von außen zu hören, vorbeigehende, sprechende Menschen, laufende Motoren, vorbeifahrende Autos am Parkplatz des Supermarkts, in der Ferne Vögel. Auch die trockene Luft im Wagen, die im Hals kratzt. Auch das leichte Beißen der Zunge mit den vorderen Zähnen. Dazu der Speichel, der sich langsam an der Unterlippe sammelt, und abzutropfen droht. Das alles zu den faktischen Wahrnehmungen. Es ist wichtig sich davon unbeeindruckt zu lassen, und weiter nur zu beobachten, sich überhaupt nicht beirren zu lassen, egal wie blöd einem das vorkommen mag. Es ist vollkommen Ok, und sollte auch ein wenig als spielerisches Experiment gesehen werden.

Gedanken sind dabei wie ein Filter, die wie ein permanenten Hintergrundrauschen ablaufen. Zum einen die Sorgen, vorbeilaufende Menschen, die z. B. direkt daneben parken, würden es komisch finden, wenn sie mich so sehen. Dann das Kommentieren, ich könnte die Übung später im Blog präsentieren, und mache mir dazu Gedanken. Dann der Fokus auf den unangenehmen Körperwahrnehmungen, und die Vorgabe, daß doch gar nicht nötig zu haben, und endlich in die Wohnung zu fahren, es wäre ein langer Tag, da müsse ich das nicht machen. Auch über die Arbeit und morgen zu organisierende Dinge geht es.

Gleichzeitig ist da eine Neugier mit dabei lange in dieser Situation zu verweilen, die komplette Zeit und Welt zu vergessen und anzuhalten. Vorhin waren es wohl knapp zehn Minuten so. In manchen Filmen gibt es ja solche Situationen, in denen alles still zu stehen scheint, und man sich völlig frei bewegen kann, während alle anderen schlafen oder nicht anwesend sind. Genau so fühlt sich auch dieses Einfrieren an. Die Menschen in ihrem gewohnten Trott wandeln so dahin, auch in ständigen Gedanken und Problemwälzungen verloren, das sieht man ihnen sofort an. Das fällt dann wirklich besonders auf, und wie sehr ich selber ja normalerweise auch so agiere. Nach der Arbeit eben müde noch schnell einkaufen, und heim, mehr gibt der Tag nicht her. Und das eben Tag für Tag, Woche für Woche. Kein Wunder, daß vielen dann der Lebensmut, der ganze Enthusiasmus und Entdeckergeist verloren geht. Alles läuft nur noch vorprogrammiert, maschinell, in den gleichen Bahnen. Auch die Gedanken drehen sich immer in den gleichen Mustern, und ältere Menschen schauen dadurch regelrecht durchgenudelt aus, nach zig Jahren, ja Jahrzehnten, ständiger Penetranz durch die immergleichen mentalen Einprägungen.

Diese Übung ist für mich eine sehr einfache Möglichkeit, da mal einen Keil reinzuhauen. Aber das Beobachten muß einem wichtiger sein, als ob mir die Körpersituation gerade angenehm oder unangenehm vorkommt. Die muß in dem Fall als nachrangig gestellt werden, und nur dann ergeben sich neue Aufschlüsse.

Vor allem finde ich neu: In der Öffentlichkeit ist es weitaus intensiver für mich präsent zu sein. Ich habe sogar erst unter anderen Leuten das Gefühl, mich erst richtig kennenzulernen. Alleine, zuhause frühmorgens beim vergleichsweise, bequemen Nur-sitzen, oder abends in meinem Zimmer ist das so absolut nicht der Fall. Auch die Stopp-Übung ist unter anderen Leuten interessant, denn dann ist der Verstand besonders gut beim Sich-richten zu sehen. Was könnten eben andere denken, wenn jemand mal nichts tut, und nicht dauernd wie ein Wahnsinniger getrieben ist? Da ist zu erforschen, daß der Verstand vor allem in sozialen Kategorien unterwegs ist, und sich ständig nach diesen zu richten versucht. Dadurch behindert er aber maximal jeden freien, unverfälschten, unnormierten Ausdruck des eigenen Wesens. Und das ist mithilfe dieser Praxis genauer zu studieren, denn das wird man auch in vielen anderen Situationen mit anderen genauso mitbekommen, z. B. in Gesprächen, Austauschen, Verhandlungen. Überall wird versucht, das um jeden Preis zu verhindern, denn, was könnte nicht alles Schlimmes passieren, wenn nicht jeder einzelne Schritt vorher bedacht und geplant ist?

Weitreichende Konsequenzen hat das...


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum