Das Spiel


Als ich heute eine Partie Minigolf und Pit-Pat spielte, nachdem ich bereits gestern eine Runde Minigolf absolvierte, breitete sich eine tiefe Ruhe bei mir aus. Mir gefallen solche Geschicklichkeitsspiele, weil sie eine einfache, schnörkellose, aber auch fokussierte, ernsthafte Herangehensweise erfordern. Da muß etwas innerlich zur Ruhe kommen. Belanglose Probleme oder Nickligkeiten müssen beiseite gelassen werden, können für die paar Minuten des Spiels völlig vergessen werden. Das schätze ich sehr an diesem Angebot. Besonders auch, wenn das Wetter so schön mitspielt, im Schatten der großen Bäume.

Da ich alleine gespielt habe, mußte ich leider auch öfter warten, da ich meist schneller fertig war, und an anderen Stationen mehrere Leute gespielt haben, oder ich übersprang Bahnen und ging dahin, wo schon frei war. Dadurch kam ich auch mit ein paar Leuten in Kontakt, konnte ihnen bei ihrem Spiel ein wenig zugucken. So spielte ein Junge auch für sich, seine Mutter und seine Schwester saßen aber total desinteressiert am Kiosk. Das fand ich komisch.

An einer anderen Stelle beschimpfte ein Vater seinen Sohn, der sich angeblich nichts erklären lassen wollte, was die Schlägerhaltung anbelangte. Der Tonfall war erschreckend, und ich sah auch den Zusammenhang mit RPS seinem Video über die zerstörte Lebendigkeit. Das ist alles nicht einfach so zufällig, sondern dahinter stecken genau solche ekelerregenden Charaktere, die die Lebensfreude, selbst ihrer eigenen Kinder, gar nicht teilen, sich gar nicht für sie freuen, sondern nur sich und ihren Wahn durchdrücken wollen, das Wesen des Kindes dabei total ignorieren. Ich war schon kurz davor etwas zu sagen, aber es ist auch klar, daß ich den Jungen damit sicher nicht retten würde, sondern nur das Gift in meine Richtung lenke. Und das wollte ich nicht. Wenn ich Superheld spielen will, dann hätte ich einiges zu tun hier in Deutschland. Ich kann nur für mich klarer sehen, was für eine Umgangsweise mit Kindern ich zu pflegen bereit bin. Und das ist als abschreckendes Beispiel wirklich schwer zu überbieten.

Als ich gestern heimgefahren bin, lag auf dem Waldweg ein kleiner Junge mit seinem umgekippten Fahrrad auf dem Boden am Wegesrand. Ich hielt an und fragte ihn, ob alles in Ordnung sei. Der verdutzte Junge stand auf, schüttelte sich und schaute mich wortlos einige Sekunden an. Ob er sich weh getan hat, fragte ich. Er sagte ganz leise, daß alles Ok ist. Seine Eltern sind da hinten und kommen gleich, aber er kenne den Weg. Ich sah hinten Leute kommen, und so verabschiedete ich mich von ihm.

Ich finde, man kann mit Kindern ganz normal reden. Ich kenne auch Erwachsene, die eine komische Stimme bekommen, wenn sie mit Kindern reden, so als ob sie es mit Vollidioten zu tun haben. Da wird dann alles halb so schnell, und piepsiger gesagt, wo ich mir denke, wieso? Dahinter lugt immer auch eine gewisse Arroganz hervor. Eben auch bei dem Beispiel mit dem Vater. Man nutzt die Schwäche und Verletztlichkeit von jungen Menschen aus, weil eben auch klar ist, daß sie in gewissen Punkten Defizite haben. Aber auf die wird dann drauf gehackt, in bester Absicht natürlich, man will ja, daß sie etwas verstehen. Der Effekt, der dann aber entsteht ist, sich für sein Nicht-Können schlecht zu fühlen, und ich kenne von mir, daß das absolut katastrophal ist, weil dann die Offenheit für neue Erfahrungen verloren geht, weil man dann natürlich erstmal unfähig wirkt, was denn sonst? Dabei sind die Lücken doch genau das, was uns als Mensch neugierig hält, zum Erlernen von neuen Fähigkeiten antreibt. Das, was wir noch nicht können, daß ist doch kein Defizit, kein Makel, sondern die Lücken sind die Bereiche von uns, die wir noch nicht erforscht haben. Also wirklich nichts wofür man sich zu schämen braucht.

Hier wird man aber dahingehend dressiert nur die Wissenden, Könnenden, die Sieger zu bewundern, nicht die, die ruhig, akribisch versuchen ihrem eigenen Standard gerecht zu werden. Würde ich mich nach dem äußeren Standard bewerten, dann müßte ich auch sagen, daß ich an vielen Punkten Schwachstellen habe, mein Minigolfspiel z. B. war alles andere als Weltklasse, aber das war hier gar nicht wichtig. Viel wichtiger ist das Zelebrieren des Spiels, und dafür brauchte es nichts als die Situation. Das Spiel gehört respektiert, nicht die Charaktere, die versuchen sich dadurch aufzuschwingen, oder andere dabei zu belehren.


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