Über das Bewerten


Schwach sein. Das nicht zu bewerten. Das ist der Punkt. Bewerten ist aber Standard im Verstand. Ohne das würde er seine Existenzberechtigung ad acta legen.

Geht etwas kaputt und muß repariert werden, so schnappt gleich die Reaktion ein, wieso das schlecht ist und wieso ausgerechnet mir das passiert. Hier findet sich schließlich der Beweis, wieso ich sowieso nichts kann. Daß ich dadurch aber neues Verständnis z. B. über eine Gerätschaft und seine Eigenschaft gewinne, das wird dann gerne übersehen. Ich schleifte heute so mit einer dünnen Metallschleifscheibe die Grate am Ende eines Stahlbands ab. Dadurch nutzt sie sich aber zu stark ab, löst sich zu schnell auf. Es wurde klar, daß nur die dickere Scheibe das Schleifen verkraftet, während die dünnere besser für das Durchschneiden ist. Das wußte ich vorher nicht, und ohne den Fehler hätte ich das auch nie herausgefunden.

Besonders die peinlichen Fehltritte helfen am meisten. Letztes Jahr passierte mir etwas, was man als peinlich bezeichnen könnte. Als das Zugseil für das Motoranlassen der Rüttelplatte abriß, baute ich die Verkleidung ab, und aus Neugier zusätzlich auch die innen eingesponnene Feder. Da ich über die Funktion nichts wußte, war ich mir nicht darüber bewußt, daß das Ausbauen dessen fatal ist, da ich danach feststellen mußte, daß das Einbauen sich als ungemein schwierig erwies. Es war das reinste Gefiesel, und es war schier unmöglich, die Feder wieder richtig reinzubekommen. Da die Maschine vom Verleiher kam, war der natürlich entsetzt darüber, und was er in dem Moment über mich denken mußte, wollte ich ehrlich gesagt auch gar nicht wissen. Jedenfalls weiß ich nun, was dieses Teil bedeutet und wie es wirkt. Es sorgt dafür, daß das Seil automatisch wieder zurückfährt, wenn daran gezogen wurde. Die Konsequenzen eines Ausbaus weiß ich nun zu spüren, bei allen Geräten mit dieser Funktion. Unter dieser Perspektive habe ich nur gewonnen.

Das beobachtet, so verstehen die angeblichen Versager doch am meisten von Leben, viel mehr als diejenigen, denen scheinbar alles auf Anhieb fehlerfrei gelingt. Wer aber schafft das in Wirklichkeit? Ist es nicht eher so, daß wir Menschen im Kern nicht grundverschieden sind, doch einige es tatsächlich schaffen, es allen anderen weiszumachen, sie hätten gewisse Probleme gar nicht, an denen sich andere abarbeiten müssen?

Was ich feststelle: Wenn die Bewertung wegfällt, dann gibt es keine Fehler, weil jeder Moment gleichwichtige Aufschlüsse bringt. Es klingt makaber, aber auch Sachen, wo instinktiv gesagt wird, daß etwas schlecht ist, sind gar nicht schlecht: Eben gestern beim Minigolf sah ich einen jungen Mann, der seinen linken Arm nicht mehr hatte bzw. ab dem Ellenbogen war nichts mehr, er spielte aber trotzdem. Mir ist das zunächst gar nicht aufgefallen, weil er ganz normal, wie jeder andere auch zu spielen schien. Erst bei näherem Hinsehen fiel mir das auf. Offensichtlich ist das doch nun wirklich schlimm, würde man jetzt sagen, aber in ganz anderen Umständen kann das wiederum ein Vorteil sein. Man nehme an, es würde jetzt irgendwo auf der Welt, sagen wir mal in Syrien oder Rußland ein Krieg angezettelt, wo jetzt alle deutschen, jungen, gesunden Männer ab 18 zwangsweise eingezogen werden. Solche Ereignisse erscheinen heute vielleicht abwegig, aber die Geschichte zeigt, daß so etwas durchaus schon oft passiert ist. Jedenfalls wäre ich dann der Gelackmeierte, und er könnte sich freuen, weil er eben dazu nicht fähig ist, und deswegen nicht an die Front muß. Das mal als Beispiel.

Wo dem Jugendlichen ein Arm fehlt, da fehlt bei mir vielleicht etwas anderes. Er hatte z. B. eine hübsche Freundin an seiner Seite. Meine Schwierigkeit eine fruchtbare Beziehung zu einer Frau aufzunehmen, mag vielleicht auch als Behinderung gesehen werden. Mir fehlt die Fähigkeit - keine Ahnung wo, ob in der Psyche oder im Herzen - auf positive Signale von Frauen einzugehen. Ich weiß einfach nicht, was da angebracht ist, Flirten ist für mich nur ein Wort ohne praktische Bedeutung. Ich rede mit Frauen, bin vielleicht ein guter Gesprächspartner, aber das, was z. B. andere Männer als erotisches Anbahnen und Weitergehen erleben, geht irgendwie nicht. Das liegt nicht nur an der Kultur, die da zurzeit ein schwierigeres Klima bietet, sondern ich vermute, auch in anderer Atmosphäre mit lauter aufgeschlossenen, netten, offenen Damen, wäre bei mir die gleiche Blockade da, vielleicht schwächer, aber trotzdem da. Aber das ist jetzt nicht mein Thema.

Worum es mir geht: Auch das so lassen, wie es ist, d. h. nicht zu sagen, daß sollte anders sein, und daran zu leiden, daß ich z. B. nicht so bin, oder nicht das erlebe, was andere Leute erleben. Denn darum geht es nicht, die Erfahrungsebene ist sekundär. Was würde es z. B. dem Einarmigen bringen, die ganze Zeit dem nachzutrauern, daß andere ja mehr Möglichkeiten haben als er? Das bringt doch gar nichts, er würde sich dadurch nur unnötig betrüben. Natürlich ist es schade, viele Dinge nicht so ausführen zu können, wie eigentlich möglich wären, aber auf der anderen Seite sind ja wie erwähnt auch gewisse andere Vorteile in bestimmten Situationen vorhanden. Die Möglichkeiten, die man hat, die gilt es auszuschöpfen, und allein da stehen auch gehandicapten Leuten Welten offen (man schaue sich ja einmal die Paralympics an, daß es alleine so viele Arten von Prothesen und Rüstungen für behinderte Menschen gibt, hätte ich nie gedacht; alleine die Kreativität, die nötig ist, um so etwas zu bauen verdient höchste Achtung).

Für mich geht meine "Behinderung" (ja ich nenne das mal so, denn ich erfahre das durchaus, daß ich an gewissen Punkten behindert bin, d. h. nicht so bin, was man voll funktionsfähig nennen könnte, also in Bezug darauf, was herkömmlich als normal bezeichnet wird) natürlich noch mehr unter die Haut, weil hier das ganze Seelenleben in eine Sackgasse manövriert wird. Frauen erwecken in mir durchaus Faszination, aber all das findet nur in Gedanken, Fantasien, Träumen statt, nie als Erleben. Genauso wie ein Typ ohne Beine davon träumt zu laufen, zu springen, Saltos zu machen, was auch immer zu tun, was er in seinem Zustand nicht kann. Und das ist eindeutig Quälerei. Der Punkt, den ich hier aber deutlich herausarbeiten will ist: Das Schlimme ist nicht, daß er all diese Dinge nicht kann (oder ich das mit den Frauen), sondern einzig und alleine die Bewertung, daß der jetzige Zustand nicht gut ist, während das Erfüllen der Dinge, die in den Träumen und Hoffnungen ablaufen, gut wären! Hört das auf, hört dieses penetrante, elendige Bewerten auf, hört im selben Moment auch das Leiden auf. In der Sekunde, wo das verstanden wird, endet das Haben-wollen des anderen Zustands, weil erkannt wird, daß es absolut nichts bringt deswegen sich das Leben jetzt zur Hölle zu machen, weil die Sache, um die es geht, und sei sie auch noch so schön und begehrenswert, das niemals wert sein kann, unmöglich.


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