Der Weg


Nachdem ich in der Facebook-Suche "Don Juan Matus" eingegeben habe, kam ein schönes Bild mit einem Zitat zum Vorschein:

Ist dieser Weg ein Weg mit Herz? Alle Wege sind gleich: sie führen nirgendwo hin. Ist es ein Weg mit Herz? Wenn er es ist, ist der Weg gut; wenn er es nicht ist, ist er nutzlos. Beide Wege führen nirgendwo hin, aber einer ist der des Herzens, und der andere ist es nicht. Auf einem ist die Reise voller Freude, und solange du ihm folgst, bist du eins mit ihm. Der andere wird dich dein Leben verfluchen lassen. Der eine macht dich stark, der andere schwächt dich.

- Die Lehren des Don Juan, Carlos Castaneda

Als ich weiter scrollte, kam ein Beitrag eines ehemaligen Bekannten, der bereits vor etwa anderthalben Jahren bei einem Autounfall mit gerade einmal 20 gestorben war. Irgendein Musikvideo, mit "Don" im Titel, also zunächst nichts in meinem gesuchten Kontext. Dennoch fand ich es interessant, daß der Treffer kam, denn ich mußte wieder an den Jungen denken, den ich doch gut aus meiner Kindheit kannte. Schon erschreckend, wie schnell so ein Mensch vergessen wird.

Die Eindrücke in den Räumen des Friedhofs werde ich aber sicher nie mehr vergessen, wie sein jüngerer Bruder und sein Vater den toten Körper betrachteten, und darin etwas suchten, was dort aber nicht mehr zu finden war.

Aber was hätte es gebracht, noch dreißig, noch vierzig, noch fünfzig Jahre zu leben? Was ist der Sinn des Älter-werdens? Für mich hat dieser Todesfall etwas, was mir unter die Haut geht, eine tiefere Lehre. Letztlich ist es nämlich logischerweise so, daß jeder Weg gleich ist, wie Castaneda es beschrieben hat, weil jeder im Nirgendwo endet. Also, wie gehe ich mit diesem Fakt um?

Heute war wieder so ein Fall: Die geliehene Fräse stand auf der Pritsche zum Zurückgeben. Zum Reinigen nahm ich notbehelfsmäßig meine geschlossene Rosenschere, da ich leider keine Kelle zur Hand hatte, um die Erde von den Rändern und den Messern wegzuschaben. Da der Maschinenverleiher in einem Gespräch verwickelt war, wollte ich ihn auch nicht stören. Plötzlich kam er nach drei Minuten raus, und war entsetzt, daß ich damit arbeitete, denn er verglich den Wert der Rosenschere (56€) mit dem Schaber, den er mir brachte (1,50€). Da hatte er natürlich recht, und ich nahm lieber sein empfohlenes Werkzeug.

Bei ihm, so kommt es mir immer mehr vor, bin ich wohl unten durch. Da gab es schon vorher ein, zwei Sachen, die ihm dafür auch als Beleg dienen können, worauf ich jetzt aber nicht eingehen möchte. Jedenfalls fühle ich mich dann tatsächlich dumm. Vielleicht bin ich das ja auch, könnte durchaus sein. Wer sonst würde das so machen, wie ich das gemacht habe? Wohl keiner. Aber so konnte ich wenigstens arbeiten, also war es doch auch einfallsreich, nicht?

Wie dem auch sei, in solchen Momenten könnte ich mich total schlecht, ja total blamiert fühlen. Peinlich, was der nun wieder über mich denken wird, für den muß ich wirklich ein absoluter Vollidiot sein, wirklich, schlimm. Und beim nächsten Mal muß ich dann zeigen, daß ich doch nicht so dumm bin, und Sachen, die ich kann, vorzeigen, damit das irgendwo auch mal ausgeglichen wird, weil sonst bleibe ich ja der, der immer alles falsch macht. Das Problem ist aber, daß er das Bild von mir nun mal hat, vermutlich schon seit der ersten Begegnung, und daß ich daran nichts, aber auch gar nichts ändern kann, und auch nicht brauche, und eigentlich auch nicht weiß, ob er das überhaupt denkt. Ich kann nur das tun, was ich tun kann, nur das wissen, was ich wissen kann, nur so an die Dinge herangehen, wie ich eben herangehe, egal wie ich oder andere das bewerten mögen, und damit hat es sich. Ich brauche nie wieder mit mir selber kämpfen oder hadern.

Letztlich zeigt sich ja auch da das Ego, in diesen sozialen Befürchtungen, und das vergällt einem das ganze Leben, weil ich eben meine da irgendwelche wichtigen Aktien drin zu haben. Aber die habe ich nicht. Wie gesagt, die anderen denken sich sowieso ihren Teil, genauso wie ich andere wahrnehme, und meist auch direkt sehe, wie sie sind. Das kann niemand beeinflussen.

So kam ich heute Nachmittag ins Betriebslager und meine beiden Chefs B. und M. machten gemeinsam Pause. Da ich M. ja mal erzählt habe, daß ich es schwierig mit B. finde, war so die erste wirkliche Situation da, in der wir alle mal in Ruhe zusammenwaren. Da geht es dann im Kopf rund, was M. jetzt über mich denkt, wenn ich jetzt mit B. im selben Raum bin, weil ich vorher M. eben gesagt habe, was ich über B. denke. Dabei ist das gar nicht mehr aktuell, denn ich habe die letzten zwei Tage völlig problemfrei mit B. zusammengearbeitet. Aber das geht halt im Verstand ab.

Worauf ich eigentlich hinauswill: Unter dem Aspekt des verstorbenen Jungen und des Zitats über den Weg: Es ist völlig egal, ob ich dumm bin, ob andere wissen, wie ich denke, ob andere die intimsten, privatesten Dinge über mich wissen, sondern es befreit viel eher, wenn soetwas draußen ist, weil damit die soziale Person an ihrem Ende ankommt, und das ist das Schönste, was es überhaupt gibt, denn sie ist das, was einen gefangen hält, knebelt, sich Mutproben abverlangt, guten Eindruck schinden will, geliebt werden will, sich wichtig fühlen will, und eben kontrollieren will, wie die anderen einen sehen.

Ich merke jetzt erst, daß sich da bei mir langsam diese Verdichtung lichtet, denn es war vor ein paar Jahren schon irgendwie komisch, hier im Internet mit Echtnamen aufzutreten. Da könnten einen ja Leute finden, sehen, die schlimmsten Sachen über mich herausfinden! Und ist das nicht das, was jeder gerne um jeden Preis verhindern will, ja selbst die ganzen Prominenten, die ja ohnehin in der Öffentlichkeit stehen, versuchen zu verhindern, daß etwas von ihrem Privatleben publik wird?

Es ist kein Zufall, daß ich alles, was ich hier im Web tue, auch unter dem Namen tue, unter dem ich sonst auch im Alltagsleben bekannt bin und war, unter Familie, Bekannten, Kollegen, Schulkameraden, weil mein Ziel ist es ja genau, die Identifikation mit diesem Hampelmann abzuschwächen! Wieso sonst sollte ich das nämlich tun? Lebenslang habe ich unter dem Irrglauben gelitten dieser Typ zu sein, also wieso sollte ich ausgerechnet das in Watte packen? Wie gesagt, in Wahrheit sieht sowieso jeder wie ich bin, hier oder da kommt es doch sowieso heraus, alleine schon in einem Gesichtsausdruck oder einer Nuance in der Stimme. Was gibt es also zu verstecken? Das, was ohnehin offensichtlich ist?

Es ist ein Indiz: Je weniger die Wichtigkeit der sozialen Person im Vordergrund ist, desto wohler fühle ich mich mit meiner Präsentation hier in der Öffentlichkeit. Und es ist erst recht so: Erst wo das passiert, hat auch das Herz wieder ein Chance mehr zum Zuge zu kommen, wo also nicht mehr Pro und Contra abgewägt wird, sondern wo ich mich voll dem Leben anvertraue.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum

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