Nährstoff


Nun komm, der Heiden Heiland, BWV 659, eingespielt von Murray Perahia:

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Ich ruf' zu dir, Herr Jesu Christ, BWV 639, eingespielt von Murray Perahia:

Es ist eine komplett andere Dimension mit diesem zeitlosen Eindruck ins Leben hinauszugehen, z. B. wie ich vorher einzukaufen. Von einer tieferen Warte aus bekommt diese sonst als unwichtig und bekannt eingestufte Tätigkeit eine schicksalhafte Sphäre. Die Menschen werden ganz neu betrachtet, was mitunter sehr wehtun kann.

Was bleibt angesichts all unserer Lage noch, als selber zu leuchten? Wozu erst warten? Auf was? Auf politische Änderung? Auf mehr finanziellen Spielraum? Auf vielleicht kommende positive Begegnungen mit anderen, mit dem anderen Geschlecht? Soll dadurch etwas deinem Leben hinzugefügt werden, was jetzt anscheinend fehlt?

Nein, es fehlt gar nichts. Wenn etwas fehlt, dann ist es immer ein Irrtum, weil alles bereits da ist. Die Welt hat immer schon auf dich gewartet, sie stand dir immer zur Verfügung, und zwar nicht als Erfüllungsfabrik für deine Erwartungen, sondern als Tätigkeitsfeld deines Lebensdrangs. Mehr ist es gar nicht.

Wenn ich aber andere Menschen beobachte, dann erkenne ich einen Mechanismus, den ich auch von mir kenne: Die Welt müßte mir eigentlich mehr geben, und der Umstand, daß es mir schlecht geht, ist dem geschuldet, daß noch nicht genug für mich passiert ist, aber wenn dies oder jenes eintritt, dann bin ich endlich angekommen. Die von außen kommende Gratifikation soll die Lösung sein, sie ist es aber nie, sondern sie macht im Gegenteil alles nur noch schlimmer, weil sie abhängig macht, und das ist wahrlich die absolute Falle.

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Mir gefällt Bach deshalb, weil dadurch sofort ein Sinn aufkommt. Und Sinn leuchtet nur durch echte Gefühle auf, die durch seine einzigartigen Kompositionen greifbar werden. Man kann sagen, ich fühle mich dann erst als Mensch, nicht nur als eine Arbeitsmaschine oder sich selber bloß am Leben erhaltende Biomasse.

Es ist sehr feine Nahrung, wie es auch von Gurdjieff beschrieben wurde, ganz subtil, für die meisten unsichtbar. Aber sie liefert erst die Nährstoffe für dein wahres Selbst.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum