Ich bin 1


MAHARAJ: Jeder will aktiv sein, doch woher kommen diese Handlungen? Es gibt keinen zentralen Punkt, jede Handlung erzeugt eine andere, sinnlos und schmerzhaft in endloser Wiederholung. Es fehlt der Wechsel von Arbeit und Ruhe. Finden Sie erst dieses unwandelbare Zentrum, von dem alle Bewegung ausgeht. So wie das Rad sich um eine Achse dreht, so müssen Sie immer im Zentrum der Achse sein und nicht an der Peripherie des Rades.

FRAGE: Wie gehe ich das praktisch an?

MAHARAJ: Immer, wenn in Ihrem Verstand ein Gedanke oder ein Gefühl von Verlangen oder Angst erscheint, wenden Sie sich einfach davon ab.

FRAGE: Durch die Unterdrückung meiner Gedanken und Gefühle werde ich eine Reaktion provozieren.

MAHARAJ: Ich rede nicht von Unterdrückung, verweigern Sie einfach Ihre Aufmerksamkeit.

FRAGE: Muß ich mich nicht darum bemühen, die Bewegungen in meinem Verstand anzuhalten?

MAHARAJ: Dies hat nichts mit Bemühungen zu tun. Wenden Sie sich einfach ab, schauen Sie sich die Gedanken nicht an, schauen Sie zwischen ihnen hindurch. Wenn Sie durch eine Menschenmenge gehen, dann kämpfen Sie nicht gegen jeden einzelnen, den Sie treffen, sondern Sie suchen ihren Weg durch die Menge.

- Nisargadatta Maharaj, Ich bin, Teil 1, S. 165

Was übrig bleibt ist das, was ohnehin schon immer da war. Das kann ich von mir her sagen. Wenn überflüssige Selbstquälerei aufhört, dann ist das Leben so, wie es vorher auch schon war, nur einfach ohne dieses Drama. Und das Drama ist nie das, was mir passiert, sondern der Kampf damit. Das, was mein Leben zu sein scheint, mag unter herkömmlicher Betrachtung tatsächlich nicht als besonders erstrebenswert gehalten werden, z. B. ohne Partnerin, ohne viele Freunde, mit einem körperlich anstrengenden Beruf, aber das alleine erzeugt kein Leiden. Es ist etwas anderes, daß dafür verantwortlich ist.

Die simple Methode, die Maharaj hier vorschlägt, ist, die Gedanken, die immer auch eine bestimmte Bewertung mit sich bringen, als das zu sehen, was sie sind: Bloße, unbedeutende Passanten, völlig belanglos. Beispiel: In einer Unterhaltung nannte ich das Pferd, über das ich mit jemandem sprach, stur. Was heißt das aber, stur? Eine negative Konnotation schwingt mit, dieses Verhalten wäre schlecht, und es wäre besser, wenn es nicht so wäre. Das Leiden wird dadurch erzeugt, daß gemeint wird, daß Pferd solle so nicht sein, solle das tun, was ich gerne von ihm hätte. Es ist immer nur dieser Zwist mit dem, was ist, was hier das Problem ist. Das Pferd weiß z. B. gar nichts von dieser Bewertung, ist neutral. Wieso sollte es sich nämlich bewegen? Nur weil der Mensch sich das ausdenkt, und dann versucht in die Tat umzusetzen?

Worauf ich hinaus will: Das Leben ist viel, viel einfacher. Das unnötige Leiden kann jederzeit beendet werden. Sofort. Was dann die Herausforderung, und die sehe ich für mich, ist, was ich mit der freigewordenen Zeit, mit der großen Leere, die gleichzeitig auch ein großer Raum ist, anfange. Damit fängt der Spaß nämlich überhaupt erst an.


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