Selbstmitleid


Punkt: Ehrlichkeit

Ich möchte genauer nachbohren: Was genau ist der Mechanismus, der mich hilfsbedürftig wirken läßt? Das Mitleid-erregen-wollen, es ist durchaus eine Egomasche. Die arme Welt ist böse zu mir, hält mir viele Dinge vor, Geld, Partnerin, Talente, Fähigkeiten, passende Freunde und Umfeld. Dann noch diese unerträglichen, gesellschaftlichen Umstände, womit habe ich das nur verdient?

Gerne stelle ich mich dann unschuldig: Ich kann ja nichts machen. Auch meine Prägung, andere haben mir das angetan. Den Punkt, daß ich irgendwelche Aussagen oder Bewertungen über mich ja glaube, den unterschlage ich dann. Taten oder Nicht-Taten irgendwelcher Leute, und auch meiner Eltern, ich bin nicht gezwungen sie zu verinnerlichen. Ich kann sie mir klarmachen, jetzt, und damit der Vergangenheit überlassen.

Ja, mein Vater hat mir nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die ich mir gerne gewünscht hätte. Es hat mich aber, wenn ich recht überlege, nie wirklich belastet. Was mich belastet hat, war der oben beschriebene Mechanismus des Selbstmitleids, und das ist die eigentliche Krankheit. Ich bin nicht gut genug, andere mögen mich nicht, ich bin alleine und verlassen, andere sollten mir helfen, Frauen, Kumpels sollten mich lieben, sie tun es aber nicht, das ist viel eher mein Ego-Problem.

Ich kenne von mir Phasen, in denen ich mich regelrecht darin gesuhlt habe, regelrecht geschwommen bin in diesen Emotionen, und ich tue es auch weiterhin. Erkennen andere meinen Wert an, so eine gängige Überlegung z. B. was meinen Internetauftritt angeht, aber auch berufliche Performance. Eigentlich habe ich es ja drauf, nur wird das leider zu selten gesehen.

Wenden sich aber andere Menschen tatsächlich mir zu (was ich doch immer gehofft habe), so mache ich zu, scheue die Nähe, antworte auf Fragen nicht. Ist das nicht interessant? Es geht hier also nicht um die Aufmerksamkeit und Lösung für meine Probleme, sondern ich möchte durchaus einfach wichtig sein, im Rampenlicht stehen. Schüchternheit, Bescheidenheit sind Etikette, die nur ein Paket überkleben, in dem eigentlich etwas anderes drinnen ist. Ich rede mir sehr gerne diese edelmütigen Charakterzüge vor.

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Ich weiß, daß ich anders war und auch anders kann. Wo ich nicht nach außen schaue, ob andere mich auch würdigen. Das ist nämlich gar nicht der Punkt. Es verhält sich sogar eher so: Je unerhörter Lebensäußerungen von mir sind, desto interessanter entfalten sich die Reaktionen, wie auch mein Empfinden. Frech, böse, ungehalten, das sind durchaus noch Bewertungen, die ich mit mir rumtrage, und ich tendiere sogar mich für solche Verhaltensweisen zu entschuldigen, was wirklich absurd ist. Entschuldigen müssen sich eigentlich diejenigen, die die Chance verpassen zu fragen, die innerlich schon so tot sind, daß sie nicht mehr wahrnehmen, wenn Lebenskraft zum Ausdruck kommt, es sogar als störend, beängstigend und belastend empfinden.

Aber es soll nicht um andere Leute gehen. Ich wollte viel mehr den Mechanismus des Anpassens beschreiben, mit dem ich mir selber alles vermiese. Ob andere dann Widerstand leisten ist dann ja schon egal, weil ich mir bereits vorher selber den Schneid abgekauft habe.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum