Erwachsene und Kinder


Ein Kollege hat letztens über einen anderen Kollegen gespottet, der etwas handwerklich gut hinbekommen hat: Deswegen hast du keine Freundin; wobei, du hast ja eine, also trifft das ja bei dir nicht zu. Diesen Spruch kenne ich aber sehr gut. Wer eine Freundin hat, zeigt, daß er gesellschaftlich dazugehört, kein Sonderling, Freak oder Außenseiter ist.

Es ist genauso grausam, wie es sich anhört. Was sagt das nämlich über das gängige Denken aller Menschen hier in dieser Kultur aus? Bist du anders, hast du was drauf, dann bist du ausgeschlossen, gehörst nicht mehr dazu, bist weg vom Fenster. Frauen meiden dich, Männer finden dich suspekt. Mit dir will keiner was zu tun haben, und dir wird das Gefühl gegeben, daß mit dir etwas nicht stimmt.

Das eigentliche Problem aber beginnt bereits im eigenen Verstand, denn all diese Bewertungen anderer würden nur die eigene Unsicherheit bestätigen. Bin ich selber nicht klar, können andere da hereinfunken, aus der Bahn werfen. Bin ich selber gefestigt, weiß, wer ich bin, und durchschaue die Zweifel des Verstandes, wer soll da noch seinen Müll reinkippen können?

Natürlich ist obiger Spruch humorvoll gemeint, klar, wie sonst auch alles, was hier so los ist. Jeder ist am Lachen, Spötteln, die Lebensfreude in Person. Man spielt sich das gegenseitig vor. Es ist ein Vorgauckeln von positiver Lebenseinstellung, doch dahinter verbirgt sich meist etwas ganz anderes, Frustration, Ödnis und Traurigkeit.

Gut, ist jetzt nicht mein Problem. Aber mich belastet es schon, wenn das in meiner direkten Umgebung passiert. Auch wenn ich z. B. sehe, wie herzlos manche Erwachsene mit ihren eigenen Kindern umspringen. Ja, Kinder können sicher manchmal nerven, sich selber in Gefahr bringen, spontan unvorhergesehene Dinge tun, es ist aber noch lange kein Grund draufzukeulen wie ein Berserker, daraus ein Riesentheater zu machen. Mir scheint, daß erst die Erwachsenen das Chaos reinbringen, mit Streß, Sorgen und vor allem Bewertungen.

Ich jedenfalls fühle mich mit Kindern meist viel wohler als mit Gleichaltrigen oder Älteren. Es ist das Natürliche, Unverfälschte, das mir sofort sympathisch ist. Es ist nicht bei allen Kindern, denn einige sind nicht mehr ganz natürlich, aber im Vergleich zu Erwachsenen sind doch sehr viele noch wirklich lebensfroh, fühlend und schauen in die Augen. Im selben Moment fühle ich mich wieder mit mir selber in Kontakt, denn auch in mir schlummert immer noch diese Unschuld, welche offen in die Welt hinaus blickt, voller Hoffnung, Tatendrang und mit unendlich viel Energie ausgestattet.

Jesus rief ein Kind zu sich und stellte das mitten unter sie und sprach: Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.

- Mätthaus 18,3

Wirklich einer der wenigen zutreffenden Aussagen aus der Bibel. Die Kinder sind die eigentlichen Lehrer unter uns, denn sie zeigen noch, wie unverfälschtes Leben als Mensch aussehen kann. Wer sie mit einer hochnäsigen Nase nicht ernst nimmt, den kann ich nicht mehr ernst nehmen. Es gibt nämlich etwas viel Wichtigeres als äußere Fähigkeiten oder Kompetenzen. Es ist das Leuchten in den Augen, egal, was ich tue, egal, ob ich etwas tue.


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