Getriebenheit und Ankommen


Beim Klavierspielen vorher gemerkt: Ich spiele doch bereits mein Lied! Mein Projekt seit einigen Wochen ist Schafe können sicher weiden von J. S. Bach. Da es mitunter durchaus anspruchsvoll ist, war ich die ganze Zeit in der Verfassung, ich könne es noch nicht, und müsse weiter üben. Und da mir das Lied sehr gefällt, bin ich nun doch stetig dran gewesen, habe so gut wie täglich daran gesessen.

Als ich vorhin also anfing zu spielen, ging alles so flüssig, bis zu der Stelle, die ich bisher kaum geübt habe. Aber bis dahin ging es, und das zählt doch bereits! Das fiel mir auf, denn normalerweise ist es so, daß ich mich so sehr auf das konzentriere, was ich noch nicht kann, daß all das einfach als selbstverständlich schon überflogen wird, was ich schon kann. Und das ist doch ziemlich traurig.

Es ist doch mit allem im Leben so: Immer geht der Fokus auf das, was scheinbar noch nicht läuft. Und dabei vergesse ich all die Privilegien, die ich habe, alles, was ich mir durchaus schon aufgebaut habe, alles, was ich mir früher erhofft habe und nun habe, aber das nun selbstverständlich ist, wie Wohnung, Job, Auto, Geld, einen produktiven, elanvollen Lebensstil.

Mir ist auch beim Fahren durch die Stadt aufgefahren, wie an jeder Ecke Baustellen sind. Wird eine Sache fertiggestellt, muß wo anders wieder repariert oder neu gebaut werden. Eines ist jedoch sicher: Es hört nie auf. Das ist mir schon als Junge aufgefallen. Nie ist mal alles perfekt, fertig gestellt, in Schuß und erledigt. Ständig wird perfektioniert, verbessert und erneuert, besonders hier in Deutschland. Das ist nun nicht unbedingt schlecht, in anderen Ländern geht alles kaputt, aber was ist der Sinn von diesem ständigen, getriebenen Vorwärtsdrang, wenn nicht auch mal das Ergebnis der Arbeit genossen werden kann?


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum