An der Front - Der Film "Im Westen nichts Neues"

Ich genieße den heutigen Feiertagmorgen sehr. Jetzt kann sich erstmal alles setzen, fühle mich ausgeglichen. Einzig mein Darm macht mir wieder ein wenig zu schaffen. Die Ernährung kann es nicht sein, denn ich habe in letzter Zeit sehr gesund gegessen, viel Gemüse, Obst und auch weiterhin nach jedem Training das Hanfprotein, was immer sehr wohlbekömmlich war. Mir scheint eher, daß das einen ganzheitlicheren Hintergrund hat, so als würde die ganze Welt da mit hineinspielen, alles, was ich erlebe, auch das Innenleben, was sich eben im Bauch zeigt.


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Die Eindrücke von Im Westen nichts Neues sind gerade sehr präsent. Ich fühle mich seltsamerweise extrem verbunden mit der gesamten Geschichte, den Schicksalen, die im Ersten Weltkrieg in den Grabenkämpfen regelrecht abgeschlachtet wurden. Es ist zwar ein Roman, aber die Geschichten sind durch die persönlichen Eindrücke des Autors sehr realitätstreu wiedergegeben.


Es mag weit hergeholt klingen, aber ich schätze die heutige Situation in Deutschland/Europa ebenfalls als Kriegssituation ein, auch wenn sie sich natürlich anders darstellt. Gleichermaßen wird die heutige jugendliche Generation verheizt, nicht wie damals an der Front, sondern noch viel direkter: Im Herzen, im Zentrum jedes Einzelnen, der heute hier lebt.


Diese Geschichte soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Sie erzählt nicht von heldenhaften Abenteuern, denn der Tod ist kein Abenteuer für die, die ihm Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen. Es soll nur den Versuch gemacht werden, über eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkamen. - Der Anfang aus "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque


Es stimmt: Heute fallen keine Granaten. Etwas anderes passiert: Es werden das Gehirn, wie auch das Herz, der Bauch, die Libido, einfach alles an jungen Menschen bis zum Exzeß verdreht und zersetzt. Der Lebenskeim wird am Nerv abgetötet, die vitalen Eigeninteressen werden ausgeredet, durch moderne Medien wird eine gigantische Scheinwelt aufgebaut, die nichts mehr mit den Tatsachen zu tun hat. Jeder der nur etwas Beobachtungsgabe hat, wird diese Aussagen bestätigen können. Allen anderen ist sowieso nicht zu helfen.


Beeindruckend waren hierbei die Szenen, in denen Paul Bäumer in der Heimat auf Genesungsurlaub ist, und dort mit Eltern, Bekannten und dem ehemaligen Lehrer spricht, die gar nicht verstehen, was wirklich an der Front vor sich geht. Wie in einer Traumblase philosophieren diese vor sich hin, rezitieren ihre Meinungen und führen sich noch als Experten auf, wenngleich sie keinen blassen Schimmer haben, was wirklich vor Ort passiert.


Mutter, in diesem Zimmer lebte ich, bevor ich Soldat wurde. All meine Sachen sind hier und meine Bücher, meine geliebten Bücher, aber sie sprechen nicht mehr, wie sie es früher taten, denn ich bin nicht mehr derselbe, der ich einmal war, als ich in diesem Zimmer wohnte. Soldat bin ich jetzt und meine Bücher schweigen. Sie haben sich mir entfremdet in der Zeit des Tötens.
Vom normalen Leben weiß ich nicht mehr viel, aber ich weiß, daß es ein Fehler war zurückzukommen. Alle Männer an der Front denken so wie ich. Es gibt keine Diskussion über den Sinn des Lebens, weil es keinen Sinn hat. Es ist mir klar geworden. Hier bin ich fremd und allein, die Kameraden sind jetzt meine Bücher, die Familie, mein Leben. Ich verlasse mich auf sie, wie sie sich auf mich verlassen.
Mutter, es ist schrecklich so etwas auszusprechen, aber ich habe das Gefühl, daß ich jetzt wieder nach Hause fahre, zu meinen Kameraden an die Front. - Paul Bäumer zerreißt diesen Brief an seine Mutter kurz nach dem Verfassen, aus "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque

Natürlich bin ich kein Soldat, ich befinde mich ja nicht in akuter Lebensgefahr, und doch resonieren diese Aussagen stark in mir, so als würde da etwas ausgesprochen, was ich tagtäglich so im Alltag erlebe: Ich fühle mich fremd in dieser Welt. Die Menschen sprechen zwar, aber sie schlafwandeln, sie leben nicht in der Wirklichkeit, ihre Worte sind völlig abgehoben von den Tatsachen, genau wie damals die Leute gesprochen haben, die nicht hautnah erfuhren, was an der Front war. Hier ist die Front direkt vor der Haustüre, die ganzen Lügen, Irrtümer und Selbstbetrügereien, die man antrifft, sind so ungeheuerlich, es ist schon fast ein Wunder, daß hier überhaupt noch die Supermärkte voll sind, die Post kommt oder der Müll abgeholt wird, bei so wenig Kontakt mit der Wirklichkeit.


Spätestens seit der Massenimmigration sollte klar sein, daß hier ein offener Krieg gegen meine Generation geführt wird, und sie wird wohl in die Geschichtsbücher als die ersetzte Generation bezeichnet werden, wie schon die Weltkriegsgeneration als verlorene Generation bezeichnet wurde: Sie soll verschwinden, ausgelöscht werden, vom Erdboden verschwinden. Sie hat keine Existenzberechtigung mehr, ist unerwünscht und soll deswegen ausgetauscht werden. Es ist fast schon schlimmer, als jede mit Waffen geführte Aggression. Der eigentliche Krieg ist nämlich nicht der gegen ein Feindesland, sondern der einer Lügenagenda gegen das natürliche Streben eines jeden Menschen. Und wie genau dieses Streben umprogrammiert ist gar nicht wichtig: Es passiert genau vor unseren Augen, wie damals. Genauso werden gigantische Lügenkonstrukte in Kinder und Jugendliche regelrecht eingehämmert, mit denen sie zu gefügigen Vertretern des herrschenden Denkens gemacht werden, und dafür sogar bereit sind, ihr Leben zu opfern. Sie opfern es jetzt schon, indem sie aufhören selber zu existieren, selber nachzudenken, selber ihre Stimme zu erheben. Das ist nämlich bereits der vorweggenommene Tod; das Ende des biologischen Körpers ist im Gegensatz dazu nur ein nebensächlicher Vorfall.


Die Verdrehung findet hier also genauso statt, wenn nicht noch perfider, weil subtiler, als es bei einer Materialschlacht im Krieg passieren würde. Wobei natürlich noch unklar ist, was hier noch alles passieren könnte: Stromausfälle, Lebensmittelengpässe und daraus folgende Versorgungskämpfe, Gewaltausbrüche und Hungersnöte sind ja nicht auszuschließen, wie sie bei einem Geldsystemzusammenbruch zwangsläufig resultieren würden.


Das mag für manche wirklich weit hergeholt klingen, wie total absurde Fantasievorstellungen, ich weiß, aber mein Gefühl sagt, daß ich mir hier nichts einbilde. Man muß nur mit offenen Augen auf die Straße gehen, sehen, wie prekär die Situation in den Menschen ist. Äußerlich, wie gesagt, mag sein, daß alles noch ziemlich friedlich und ruhig aussieht, aber innerlich, wenn ich mir die Menschen mal richtig anschaue und hineinspüre, was in ihnen vorgeht, dann brodelt es gewaltig. Besonders hier in Deutschland, denn die Lebensenergie ist ja weiterhin da, sie kann ja nicht irgendwie verpuffen. Auf die eine oder andere Art wird sie sich entladen müssen.


Für mich selber ist es extrem wichtig, das genau so zu sehen, nicht wieder irgendwelche Puffer einzubauen, die alles relativieren wollen. Klar, der Krieg ist ein extremes Beispiel, aber ob ich die Intensität, Prägnanz und Direktheit des Lebens an mich heranlasse, hat nichts mit den Umständen zu tun, sondern nur, ob ich meine Situation, die Situation von jedem, so sehe, wie sie wirklich ist, und nicht beschönige. Jeder ist Teil dieses Krieges, ob er will oder nicht. Es gibt aber keine Sieger, sondern der Sieger ist wenn dann nur der, der für sich seine Lehren daraus zieht. Wenn all das Leid einen Nutzen hat, dann nur den, daß die, die das verstanden haben, anfangen, ihr Leben zu leben.


Bäumer, du Träumer! - Lehrer zu Paul Bäumer, "Im Westen nichts Neues"

Lustigerweise wurde ich auch oft so bezeichnet. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Heute verstehe ich das besser: Das ist, weil die von sich selber entrückten Menschen, ihr Träumen auf einen nachdenklichen, beobachtenden Menschen projizieren.

© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum