Ausklinken aus der Wirklichkeit?

Wenn das nur ginge!


Ich merke bei mir jedenfalls, daß das nicht (mehr) geht. Die Wirklichkeit ist immerwährend da, selbst wenn ich passiv bin, müde im Eck liege oder sogar schlafe. Ich kann vor ihr nicht fliehen. Und deswegen kann ich mich auch nicht an den Umständen dieses Landes herumdrücken, die immer unangenehmer werden, immer mehr den persönlichen Spielraum einzuengen versuchen. Und die mittlerweile auch zig Opfer bis hin zu Tote fordern.


Es gibt keinen privaten Bereich hier, und einen öffentlichen dort. Wo soll nämlich die Grenze sein? Wo soll die Grenze zwischen Familie und Außenwelt, zwischen Beruf und Freizeit, zwischen eigener Lebensgestaltung und dem Zustand eines Gemeinwesens liegen? Richtig: nirgendwo. Die Grenzen sind eingebildet und haben ihren Ursprung in der Vorstellung, als Ich getrennt von der Wirklichkeit existieren zu können, sich da irgendwie herummanövrieren zu können, die Haut bzw. die zu einem gehörigen Standpunkte als Grenzfestung zur sonstigen Umwelt.


Richtig ist: Meine Person ist Teil dieser Gesamtinszenierung. Sie ist jede Sekunde mitten in diesem Spektakel, und kann wie alles andere beobachtet werden (was jeder ohnehin weiß, wenn derjenige einfach mal bei sich runterschaut und merkt, daß er ja den Körper wie die sonstigen Eindrücke der Natur, des Lebens gleichwertig wahrnehmen kann). Mit dieser Erkenntnis wird klar, daß es dann auch nicht mehr genau darum geht, was dieser Fuzzi nun sagt, denkt oder tut, sondern in allererster Linie zu realisieren, daß die wahre Identität dort liegt, wo die Beleuchtung herkommt, und der Fuzzi nur beleuchtet wird, nicht mehr.


Ab da zeigt sich alles erst in seinem eigentlichen Licht, nämlich, daß es völlig unerheblich ist, ob dieser Fuzzi glücklich oder unglücklich ist, denn das ist eine auf der Kippe stehende Situation, die mal in die eine, mal in die andere Richtung tendiert, während das Bewußtsein davon nie tangiert wird, auch nicht mehr oder weniger wird, wenn etwas stärker in eine Richtung ausschlägt. Es bleibt, wie es ist, ein Ankerpunkt, eine Art Heimat, die immer willkommen heißt, egal, wie lange man sich auch in falschen Augenmerken verloren hat.


Das Finden dieses Zuhauses hat aber nichts mit Sich-flüchten aus der Wirklichkeit zu tun. Ganz im Gegenteil: Nun kann alles erst so gesehen werden, wie es ist, ohne Verfälschung durch eine Hoffnung, endlich endgültig beglückt zu werden, indem nur Angenehmes passiert, wie auch Ängste, in völlige Depression und Kaputtheit abzudriften. Ein Nur-unangenehm oder Nur-angenehm ist in der Wirklichkeit nämlich gar nicht vorgesehen, denn ansonsten könnte sie sich gar nicht entfalten. Auch ein kranker Mensch erfährt Freude, wenn Schmerzen nachlassen oder aufhören. Und auch ein Mensch mit scheinbar sehr viel Glück z. B. einem Partner, erfährt Leid, wenn dieser mal nicht da sein kann, man doch mal alleine sein muß.


Die Wirklichkeit kann nie nur eine Seite bieten. Das zu verstehen ist immens wichtig, denn normalerweise trachten die Menschen immer nach der besseren Seite. Dieses Streben kann auch Sucht genannt werden, und zeigt sich bei mir z. B. durchaus auch als Sucht nach attraktiven Frauen, Sucht nach besseren Eindrücken und Erlebnissen, als sie der Alltag oft bietet, Sucht nach Umständen, die mir ein Ambiente bieten, in dem ich mich entspannen kann. Dieses Streben an sich führt aber nur dazu, wie ein Esel einer Karotte hinterherzujagen, die vor ihn gebunden wurde, diese aber nie wirklich erreichen kann. Das Einzige was passiert ist Energieaufwand ohne Sinn und Nutzen.


Schon bei den Mahnwachen vor sechs Jahren habe ich gespürt, daß ich dort endlich mal auf Leute treffe, die nicht nur dieses Trachten nach Beglückung und Genüssen verfolgen, immer gute Laune und ein Witz auf den Lippen vorspielen, sondern sich von Beobachtungen treffen lassen, die damals als Geschehnisse aktuell waren. Die sich eben nicht aus der Wirklichkeit ausklinken, sondern mit den unangenehmen Aspekten und Tatsachen aktiv auseinandersetzen. Es gab mir immer sehr viel Energie, einfach dort zu sein, denn ansonsten kannte ich keine Menschen, die diese Werte hochgehalten haben.


Die aktive Auseinandersetzung, diese Art Energieaufwand wird aber nicht aufgenommen, weil es so angenehm ist, das so zu tun, sondern weil eine Gewissenspflicht dazu auffordert, diesem Impuls zur Wahrheit hin zu folgen. Es ist vielmehr ein Dienen, ein Aufgeben der Haltung, ich würde alles schon irgendwie wissen und verstehen. Nein, es ist Demut, ein Auflösen der eigenen Vorlieben und Wunschvorstellungen. Und das ist auch nicht schade, sondern man wird belohnt, mit grenzenlosem Einklang mit allem, denn nun trennt dich nichts mehr von der Wirklichkeit, du bist eins mit ihr. Etwas Schöneres gibt es nicht.

© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum