Das Gemache führt nicht automatisch zu einem selbst

Hin und wieder brauche ich meine Ruhephasen. Wo ich einfach ohne Beschäftigung, ohne Problemwälzen sein kann. Das ist nicht immer möglich, denn der Verstand stürzt sich schnell und gerne auf Eindrücke: Vergleiche mit anderen, die angeblich viel glücklicher leben, sind das ideale Futter, wie z. B. Fotos von alten Bekannten oder Verwandten mit ihren Partnerinnen oder Kindern. Oder auch Leute, die von ihren großen Plänen oder Projekten für die Zukunft erzählen, während ich da keine konkreten Ziele vor Augen habe, da irgendwie total visions- und perspektivlos wirke. All das sind so Anlässe, die dafür sorgen, daß ich mir selber mein eigenes Leben künstlich kaputtmache, und zwar für nichts und wieder nichts!


Ganz vermeiden lassen sich diese mentalen Beschäftigungen nicht, denn einmal im Bewußtsein werden eben Stimmungen ausgelöst, aber ich komme nach und nach mehr dahin, den Mechanismus dahinter zu verstehen, der nichts weiter ist, als momenthafte Verdunkelung der im Hier und Jetzt letztlich nie zerstörbaren Glückseligkeit.


Woher kommt diese Glückseligkeit? Nicht aus Erfahrungen, aus Dingen, die ich erreicht habe, auch nicht aus etwas, was ich tue, auch nicht durch nette Erlebnisse mit anderen, bis hin zu Sex, Familie, Freunde, nein, diese Glückseligkeit benötigt keine dieser Bedingungen, sondern steht für sich. Sie strahlt von innen her auf alles, was ich dann letztlich tue, oder eben nicht. Das ist das Schöne: Es ist dann letztlich völlig egal, was ich mache, denn ich erwarte vom Tun nichts.


Erst in dem Moment ist freies Handeln möglich. Wenn nämlich klar wird, daß ich dadurch kein anderer werde, ohnehin der bleibe, der ich bin, endet diese ständige Getriebenheit und Suche nach neuen Gratifikationen und Kicks.


Dann wirst du doch lethargisch, kraftlos, apathisch und ein Langweiliger, heißt es dann gerne, wenn man nicht die nächsten Vorhaben und Ideen im Kopf hat, wie das eigene Leben gestaltet, und freizeit- und karrieretechnisch mit Aktivitäten gefüllt werden soll. Nichts könnte jedoch realitätsferner sein: Wer im Hier und Jetzt lebt, braucht diese ganzen Pläne gar nicht, denn sie stören nur, bauen unnötig Erwartungen auf, die enttäuscht werden müssen, weil sie doch gar nicht halten können, was sie versprechen, nämlich: einen glücklicher machen, aus dem Frust befreien, aus dem Spannungsfeld von angenehm und unangenehm endgültig auf die Seite 'angenehm' buchsieren. Das erhofft sich doch schließlich jeder irgendwie nicht? Wenn ich nur dieses eigene Haus abbezahlt habe, diesen idealen Job mit den idealen Bedingungen, Kollegen, Kunden gefunden habe, diesen Kontostand z. B. eine Million habe, diese perfekte, attraktive Frau meinen dann neidischen Bekannten präsentieren kann, ein Level von Berühmtheit in meiner lokalen, regionalen, vielleicht sogar landesweiten Umgebung erreicht habe, dann komme ich irgendwie mehr in meinem Leben an. Ist das so?


Die meisten Menschen laufen so herum, und das sieht man alleine schon an ihrer Mimik sehr deutlich: Das, was ist, ist nie genug, es muß was passieren, denn ansonsten droht... ja was eigentlich? Es ist schon bescheuert, wie dumm Menschen in ihrer eingebildeten Überlegenheit sind. Wie aufgescheuchte Hühner laufen sie umher, ohne zu merken, daß sie ihr Gemache nur dahin bringt, wo sie eh schon die ganze Zeit waren, auch als Kind schon: Nirgendwohin. Da kommt nichts Großartiges, da droht auch nichts Zerstörerisches. Die Dinge laufen, wie sie laufen, bieten mal Erfreuliches, mal Erschreckendes, bis es eben vorbei ist. Da gibt es nichts anzuhäufen, um es dann als Rentner festzuhalten. Ist man sein Leben lang schon vor sich weggelaufen, so wird man auch dann nicht plötzlich anfangen, sich mit wichtigen Fragen auseinanderzusetzen, wenn man vielleicht mehr Zeit hat. Das funktioniert so nicht.


Das ganze Gemache, wie es besonders auch in Deutschland sehr extrem betrieben wird, hat alleine noch nicht den Effekt, jemanden zu sich selber zu führen, auch nicht nach längerer Zeit Gemache. Die Antwort ist aber schon seit Jahrtausenden dieselbe: Erkenne dich selber, und dann schaue, ob dann überhaupt noch ein Impuls da ist, viel zu machen. Ich möchte nicht zuviel vorwegnehmen, aber da ist dann nicht einfach nur Nichts, sondern durchaus noch ein Impuls "etwas zu machen"; dann jedoch nicht blind und getrieben von Gier und Geltungssucht, sondern aus einem Überfließen in Schaffensfreude, weil es einfach meine Natur ist, beizutragen, zu helfen, mitzuwirken, auf meine Weise, immer auf die Anforderungen des Moments bezogen. Deswegen ist es dann auch so idiotisch, darüber nachzudenken, was in der Zukunft passiert, weil ganz egal wie, was passieren mag, so wird dieser Vorgang davon nicht beeinflußt: Ich bringe ein, was ich kann, wie eh schon jetzt. Es kann sein, daß ich dann vielleicht mehr Fähigkeiten habe, routinierter, kompetenter, was auch immer bin, aber das ist alles nicht so wichtig. Wichtig ist, diesen ersten Ansatz nicht zu vergessen, der frei vom außen macht. Das verstanden beginnt ein neues Leben.


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Der Esel und die Möhre


Erzählt mir nicht, daß Menschen, die so agieren, würdevoll, frei und glücklich sein können!

© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum