Das perfekte Leben

Wann tritt es ein: Das perfekte Leben? Das kam mir vorhin plötzlich. Ich kenne von mir, daß ein ständiges Streben danach vorherrscht, sei es beruflich, persönlich, wie auch im gesellschaftlichen und politischen Kontext. Leider werde ich jedoch ständig mit Dingen konfrontiert, die eben noch nicht ganz in Ordnung sind: Fehlende Partnerin, nicht genügend eigene Zeitgestaltung durch das Angestellten-Dasein, nie genug Geld (es ist eigentlich immer mehr drin), fehlende Bewunderung durch die Mitmenschen (sei es im Alltag oder im Web), Mißstimmungen mit anderen, die eigentlich aber nicht da sein sollten usw. man setze die Reihe fort, vom politischen Hoffen auf eine freie Gesellschaft ganz zu schweigen. Immer scheint etwas zum PERFEKTEN Leben zu fehlen...


An anderen Menschen ist diese ständige, unterschwellige Nörgelei und Zeterei sehr schnell zu merken. Immer fehlt etwas zum Glück, und sei es nur ein Wetterumschwung. Lustig ist dabei, daß es nie paßt: Wenn es regnet ist es zu naß, wenn die Sonne scheint ist es zu heiß, wenn es im Winter zu warm ist, sollte es kälter sein, wenn es im Sommer zu kalt ist, sollte es wärmer sein usw. Die Idiotie dahinter sollte klar sein.


Ich für mich muß sagen: Etwas Dümmeres kann es nicht geben. Ich merke das jetzt vor allem an der zunehmenden Beschränkungen der Freiheitsrechte in diesem Land. Die Illusion ist hier: Uns wird hier etwas genommen. Gut ist es erst, wenn wieder der Zustand eintritt, der vorher war, ohne all diese Einschränkungen, Regeln, Ge- und Verbote. Erst wenn das aufgehoben ist, ist alles wieder in Ordnung und richtig, so wie es schon immer war und immer sein sollte. Dann und nur dann paßt wieder alles. Es ist sicher richtig, die Aufhebung der Maßnahmen anzustreben, aber im Kern ist diese Phase momentan eine hervorragende, einmalige Lernmöglichkeit, die genutzt werden will. Die Vermutung ist sicher zutreffend, daß hier noch ganz andere Verschärfungen und Eingriffe in den Lebensalltag kommen werden, und der vorher gewohnte Zustand für längere Zeit nicht mehr eintreten wird. Umso größer der potentielle Aha-Effekt für einen selber, vielmehr als in "normalen" Zeiten, wann auch immer die sein sollen.


Der Betrug am Volk ist auf der einen Seite sicher traurig, auf der anderen Seite aber auch eine Riesenchance, weil damit das, was vorher einfach als selbstverständlich genommen wurde, nun erst die Wertschätzung bekommt, die es verdient. Dazu zählen z. B. Geselligkeit, menschliche Austausche, freies Sich-bewegen in der Öffentlichkeit, in Gebäuden, auch freies Sprechen, Meinungsäußerungen auch von kontroversen Ansichten, unzensiertes Publizieren usw. Das sind alles Werte, die erst jetzt als solche sichtbar werden. Genau wie jemand der krank ist oder Schmerzen hat, erst dann die Qualität der Gesundheit wiedererkennen kann, so sind auch die momentanen Umstände zu verstehen: Eine bittere, aber leider wohl irgendwo auch notwendige Entwicklung in einem Gemeinwesen. Die Menschen werden erst wieder wissen, wie wichtig eine Demokratie und Meinungsfreiheit ist, wenn sie ihnen genommen wird.


Ich persönlich habe die letzten Jahre auch zunehmend zu schätzen gelernt, wie wichtig freier, lustvoller Lebensausdruck ist, weil er durch Zensur, moralische Vorgaben und Einschränkungen meines Vaters zwei Jahrzehnte nur verkümmert und gedeckelt herauskommen konnte. Bevormundung, wie ich zu sein, was ich zu lassen, wer ich zu werden habe, ließen Tag für Tag nichts anderes zu als Verdrehung meiner Art zugunsten der gewünschten Haltung. Ein Gefängnis für Körper und Geist, durch die Mangel genommen ohne Auswegsmöglichkeit.


Durch diese Erfahrung weiß ich jedoch, wie wichtig die ursprüngliche Lebendigkeit ist, die jeder andere Mensch als völlig selbstverständlichen Teil des Lebens erlebt, wie z. B. auch Sexualität. Jeder Mensch erfährt das völlig korrekt und berechtigt als natürlich und gut, sich selber auch als berechtigt, das zu erleben und mit dem anderen Geschlecht zu teilen. Ein Mensch, der wie ich und viele andere auch in dieser zum großen Teil kaputten Gesellschaft, eher gebrochen ist, sieht vielmehr, daß diese Dinge nicht völlig selbstverständlich sind, und nicht automatisch zum Leben gehören. Ich weiß das vor allem deshalb, weil ich am eigenen Leibe bitter miterleben mußte (und zum Teil aufgrund der irreparablen Prägung weiterhin erlebe), daß einem diese Dinge genommen und schlechtgeredet werden, man als unwürdig, untalentiert, verachtenswert und nicht liebenswürdig herabgesetzt wird, und damit jegliches Grundvertrauen in sich und das Leben verliert. Jedes Fünkchen Selbstwert, das ich anfange wieder zu spüren und zu erkennen, ist wie ein wiedergefundener Schatz, den ich umso mehr wertschätzen und genießen kann, nach all den Jahren der Folter und Mißachtung. Jemand, der immer schon so sein konnte, wie er ist, ohne Angst haben zu müssen, abgestraft, beleidigt und niedergemacht zu werden, wird das vielleicht nun durch die Politik erleben, die Meinungsdiktatur, die Einheitsvorgaben, und in so einer Phase dann auch verstehen, wie wichtig eigentlich die Freiheit ist, der ungebändigte Selbstausdruck in allen Facetten, Farben und Formen. In der kommenden Phase, wird dieser Wert unweigerlich wieder an Gewicht gewinnen, je mehr die Diktatur die Zügel anzieht, dessen bin ich mir sicher.


Und wenn es kein so ein Regime gibt? Dann ist das Leben ohnehin schon perfekt. Anders betrachtet: Tiere genießen das Leben ja genauso, ohne daß sie so eine Tortur durchstehen müssen, wie Menschen in solchen Kollektivgesellschaften wie der deutschen. Das ist sicher auch wahr. Tieren fehlt aber dafür das tiefere Verständnis, was es bedeutet, hier als Wesen in dieser Wirklichkeit zu sein. So gesehen ist auch das nicht unbedingt beneidenswert. Und auch da gibt es Grausamkeiten, Tiere, die andere fressen, Gifte, Bewehrung, Dürre, Leiden und Tod. So gesehen stecken alle hier zusammen im selben Boot, und auch ein Frauenheld, Millionär, Präsident oder Weltstar ist da nicht weiter als jeder Wurm in der Erde, der sich vorm Ertrinken an die Oberfläche zu retten, Schmerzen und Leiden zu vermeiden versucht, nur um dann von einem Vogel an seine Kücken verfüttert zu werden. Er macht halt das, was er machen muß, und selbst das reicht vielleicht eben nicht. Aber es gibt da eben nichts zu erreichen. Das Leben eines Wurms muß auch nicht drei, anstatt zwei Wochen dauern. Für die Einheit spielt das keine Rolle. Und auch was ein Mensch so alles erlebt, ist auch gar nicht so relevant, ob Diktatur oder nicht, ob Freiheit oder Einschränkung. Wichtig ist nur ob dieser Mensch in der Wirklichkeit ist. Wie lange, womit er dabei beschäfigt ist, was dabei herumkommt ist sekundär.


In diesem einen Moment ist das Leben in allen Umständen perfekt. Auch im Sterben, Verlieren, Verfall. Besonders da. Es gibt nichts zu gewinnen, nur um es dann wieder verteidigen zu müssen, weil man Angst hat es zu verlieren. Leben selber ist schon Gewinn. Mehr ist nicht notwendig.



© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum