Demobesuch 2

Es gelang mir, die Demo auf dem Königsplatz in München zu besuchen. Brach deshalb auch früher auf, da ich ja extra in die Stadt fahren muß, und kam so auch knapp zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn an.


Die Teilnahmerzahl hielt sich zu meiner Überraschung aber auch mit Veranstaltungsbeginn ziemlich in Grenzen. Auch außerhalb standen, so weit ich das mitbekam, nämlich keine Leute, so daß sich die Zahl der Teilnehmer wohl tatsächlich auf ca. 500 bis 600 einpendelte. Im Vergleich zu Bildern, die ich im Internet vor etwa einem Monat bei der Theresienwiese sah, war das doch sehr überraschend. Da gab es nämlich einen deutlich größeren Andrang außerhalb.


Jedenfalls war es ein schöner Sommertag, und ich genoß das Wetter, den blauen Himmel, die Wolken, die Bäume und die Vögel in dieser doch sehr reizvollen Atmosphäre mitsamt der Architektur am Königsplatz (die Veranstaltung fand direkt vor den Propyläen statt). Allgemein ist dieser Platz mit mein Lieblingsplatz in der Stadt, da ich schon vor ein paar Jahren regelmäßig dort war, da ich an der FH ein paar hundert Meter weiter für zwei Semester studiert habe.


Ich sprach kaum mit den dort anwesenden Menschen, hatte dazu irgendwie keine Lust, weil ich spürte, daß da für mich nichts Neues herauskommen würde. Mir reichte es dort zu sein und alles auf mich wirken zu lassen. Es war durchaus ein Ort, an dem ich mich sehr wohl gefühlt habe. Etwas, was ich sonst eher selten unter vielen Menschen erlebe. So gesehen war dieser Besuch doch schon sehr wertvoll für mich. Man weiß einfach: Es ist eine gute Sache, die ich gerne unterstütze. Und man weiß auch: Die Menschen dort um einen herum sehen das ähnlich, und das verbindet, erzeugt ein positives Gefühl nicht nur, weil ich einfach Teil irgendeiner Masse bin und in ihr aufgehe, sondern weil es auch sachbezogen stimmig ist und auf einer Intelligenz basiert, die jeder Einzelne mitbringen muß, um überhaupt zu durchschauen, wieso es relevant ist, dort zu stehen.


Vorbildlich, wie die Deutschen nun mal sind, hielt sich auch fast jeder an die Abstandsregeln (auf dem Boden waren alle 1,5 Meter orange Punkte markiert). Auch die Reden waren zum großen Teil sehr gut und eindringlich. Bis auf einer Christin, die wieder in die Kirche will, und einem Fußballtrainer, der unbedingt wieder seinen Sport ausgeübt haben will, konnte ich fast alle Anliegen voll unterschreiben. Wichtiger finde ich nämlich, daß die Punkte angesprochen wurden, die wirklich alle betreffen z. B. Maskenzwang, Wirtschaftsdeckelung oder Einschränkung fundamentaler Freiheitsrechte. Daß jemand gerne wieder seinen gewohnten sozialen Kontext hätte, ist sicher verständlich, erachte ich aber nicht als Hauptaugenmerk. Es wurde auch gesungen und zu Beginn der Veranstaltung war sogar ein kleines Orchester vor Ort, daß zwei Stücke vorgespielt hat. Das trug zu der unglaublich schönen Atmosphäre bei.


Es ist aber tatsächlich so: Auch eine viel höhere Teilnehmerzahl würde nichts am Gang der Dinge ändern, weil die Entscheidungsträger so oder so ihre Agenda verfolgen und davon keinen Millimeter abweichen werden. Es ist eine Illusion zu meinen, daß diese Demonstrationen, wie auch etwaige Briefe oder Forderungen irgendetwas am Gang der Geschichte beeinflussen würden. Wenn das passieren würde, so wäre es mit Sicherheit das erste Mal so, daß in Deutschland Änderungen aufgrund von Druck seitens des Volkes auftreten.


"Was soll man denn dann machen?" Würde man den Menschen die Aussichtslosigkeit des Unterfangens klarzumachen versuchen, die Politik beeinflussen zu wollen, so wäre das sicher die erste Frage. "Man muß doch schließlich was machen! Ansonsten ist ja alles hoffnungslos!" Meinem Gefühl nach geht es aber gar nicht um die Hoffnungen, Erwartungen oder Forderungen, die eintreten sollen, sondern bereits in dem, was jetzt schon eintritt, wenn man sich z. B. die Dankbarkeit über die Atmosphäre auf solchen Veranstaltungen nimmt. Was braucht man mehr? Sicher, das gibt einem nicht die Freiheitsrechte zurück, denn die täglichen Einschränkungen, die viele auch in ihrem Beruf erleben müssen, die Kinder erdulden müssen, bleiben, verschärfen sich zum Teil, sicher, das streite ich nicht ab, nur ist der eigentliche Wert, den jeder hat, der sieht, was hier passiert, das Sehen als solches. Jeder Einzelne kann dankbar über seine Intelligenz sein, dafür, daß er eben nicht auf diese Propaganda reinfällt, daß er erkennt, was wahr ist, weil das die Qualität ist, die Mensch-sein erst ausmacht. Diesen Wert kann einem keine Regierung kaputtmachen, da kann sie noch so viele Maßnahmen treffen. Und das kann immer und überall hochgehalten bzw. eben demonstriert werden, ob auf einer Demo, auf der Straße, im näheren, menschlichen Umfeld. So eine Demonstration ist dann immer ein Erfolg.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum