Der eigentliche Sinn: Heilung vom Ego

Menschliche Schwierigkeiten in Gruppen, Vereinen, Betrieben jeglicher Art sind keine normalen Zwischenfälle, bei denen unterschiedliche Interessen gleichwertig gegenüber stehen. Das würde nämlich voraussetzen, daß es unterschiedliche Perspektiven, Meinungen und Ansichten gäbe, was einem die Alltagsdenkweise gerne zu suggerieren versucht.


Das Ego ist wie überall der Knackpunkt, der möglichst nicht angetastet werden soll: Alle sollen das Gefühl haben, recht zu haben, wir leben angeblich in einer Demokratie in der jeder seine berechtigen Standpunkte hat usw. usf. Dann wird rumdiskutiert, und so lange im Kreis geredet, bis alles das Gefühl haben, in ihrer Wichtigkeit berücksichtigt zu werden. All das ist keine Wahrheitssuche!


In der Selbsterkenntnis gibt es keine unterschiedlichen Standpunkte! Weil jeder im Kern genau dieselbe Erfahrung macht, wie jeder andere. Jeder ist in dieses Leben geworfen worden, mit all seinen Aufgabenstellungen, und jeder sieht sich z. B. mit der Tatsache des Geldverdienen-müssens, Umgangs mit Sexualität, aber auch Älterwerdens und Sterbens konfrontiert, ob er das wahrhaben möchte oder nicht. Wie kann man aber dann noch von unterschiedlichen Wegen und Perspektiven sprechen? Klar, manch einer wird Staatspräsident, ein anderer Bäcker, einer wächst in Deutschland in besseren Verhältnissen, ein anderer in Kenia in einem Dorf ohne Strom und Wasser auf, und doch bleibt das Schicksal das eines Menschen. Jeder will Essen, Trinken, ein Dach über den Kopf, jemandem zu reden.


Geht es rein handwerklich um eine Aufgabenstellung, so ist jedem sofort ersichtlich, daß es rein faktisch eine richtige Herangehensweise bzw. ein Zielergebnis gibt. Meinungen dazu sind völlig irrelevant. Ein Arzt versucht die Heilung für eine Krankheit zu finden, ganz egal, was irgendjemand davon hält. Meist haben sich auch für verschiedene Dinge schon bestimmte Verfahren als richtig erwiesen. Das Rad muß ja nicht ständig neu erfunden werden.


Interessant ist, daß wenn es um das Ego geht, diese klaren Gesetze nicht mehr gelten sollen. Da hat dann plötzlich jeder ein Mitspracherecht, und spricht man Leuten, die darin keine Kompetenz haben, dieses ab, so ist man ein Unmensch, man wäre intolerant, bösartig, nicht gesprächsbereit, würde sich absolut setzen. Etwas, was man aber einem Zahnarzt nie sagen würde, weil man weiß, daß es mehr als notwendig ist, daß jemand unterstützend zur Seite greift, der Ahnung hat.


Der Unterschied zu normalem Handwerk in Berufen ist, daß das Ego etwas ist, worunter zwar jeder leidet, aber praktisch niemand darüber spricht. Es ist wie wenn jeder mit Zahnschmerzen umher läuft, das aber keiner zugibt, obwohl alle leiden. Wenn ich mir meine Mitmenschen so anschaue, dann sieht man diese Krankheit des Egos im Gesicht, in der Haltung, in jeder Faser des Körpers, besonders auch in dieser zersetzenden Phase der deutschen Kultur. Die Menschen leiden, sind unfroh, frustriert und haben außer Essen, Sex und vielleicht einem Hobby wenig worüber sie sich freuen können.


Dieser permanente Schmerz ist, nicht mehr in der Einheit zu leben, was irgendwann im Laufe der Kindheit eingetreten ist, und nur durch den nächtlichen Tiefschlaf unterbrochen wird. Ohne den gäbe es wohl weit mehr Ausagieren von Frust und Gehässigkeit, als es ohnehin schon der Fall ist. Im Tiefschlaf endet zeitweise der Alptraum der ständigen Auseinandersetzung mit der Umwelt und es ist entspannte Losgelöstheit da, die auch dem Körper wieder Erholung von dem Egowahn gibt.


Wie schon mit den Grundbedürfnissen beschrieben: Unterschiede sind an der Basis fiktiv. Zwischen zwei Menschen, sogar Lebewesen gibt es keine, weil alle genau dieselbe Präsenz erfahren. Es gibt jedoch eine Kompetenz, nämlich wie sehr jemand diese Präsenz schon erforscht, mit ihr gearbeitet und vor allem verstanden hat, wie wichtig, nein, sogar essentiell sie ist. Es ist aber eine andere Art von Kompetenz als die normal Verstandene, weil dafür eben keine bestimmte Fähigkeit erforderlich ist. Sie kann sich aber natürlich auch in Fähigkeiten ausdrücken, das schon. Wenn man so will, ist die einzige Qualität, die jemand unbedingt mitbringen muß Ehrlichkeit gegenüber der selber erfahrenen Präsenz.


Grundbedürfnisse sind da, können sich zeitweilig sicher auch unterschiedlich ausdrücken: Einer hat Hunger, einer will schlafen, der andere will Sex, jemand anderes will Sport machen, einer etwas kaufen, ein anderer genau das verkaufen, was ein anderer will usw. usf. Auf dieser Ebene zeigen sich scheinbar ganz viele unterschiedliche Interessen. Das eigentliche Interesse eines jeden, das eigentliche Bedürfnis und Anliegen ist jedoch immer die Wirklichkeit, ob derjenige das weiß oder nicht. Die Sinnesgenüsse und -erfahrungen sind nur oberflächliche Sticker. Die Erfahrung als solche, das ist worum es geht, und an dem Punkt ist es sogar völlig egal, was man nun konkret erlebt, ob Erfolg oder Mißerfolg, Gratifikation oder Ablehnung, Wärme oder Kälte, nette oder unfreundliche Umgebung. Es sind alles nur Attribute der Wirklichkeit, aber nicht sie selber. Sie drückt sich in diesen Polaritäten aus, ist aber jenseits davon.


Wer mit der Selbsterkenntnis Kontakt aufnimmt, nimmt mit dieser übergeordneten Dimension Kontakt auf, und kann damit nicht mehr mit gängigen Schablonen erfaßt werden, weil sie immer einschränkend sein werden. Manchmal kann derjenige dann überheblich wirken, total desinteressiert und abwesend, ein andermal total demütig, weil nichts mehr von einem selber übrig bleibt, weil etwas so stark erschüttert.


Es gibt also durchaus Menschen, die ganz genau wissen, daß das entscheidend ist, andere haben hier und da schon mal etwas angedeutet gefunden (Ich habe schon mit 17/18 z. B. zum erstenmal Videos von Osho gesehen, mich mit Buddhismus beschäftigt oder mal ein indisches, hinduistisches Buch gelesen; da sind zum Teil neue Anregungen eingestreut, die einem zeigen, daß es noch etwas anderes gibt, als das gängige Weltbild, wo eben das Ich als maßgeblich gilt; es muß aber auch nichts Östliches sein, Castaneda/Don Juan wirkten ja in den USA/Mexiko, Gurdjieff in Europa), aber es muß einem klar sein, daß die meisten Menschen weder zur ersten, noch zur zweiten Kategorie gehören, da sie noch nicht einmal ansatzweise etwas davon gehört oder gelesen haben. Für diejenigen ist all das nur verrücktes Zeug, völliger Humbug, und das muß man dann auch so lassen können.


Ob jemand damit etwas anfangen kann ist sowieso unerheblich, sondern wichtig ist in allererster Linie, ob ich selber von der Krankheit freiwerde.



© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum

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