Der wahre Frieden

Ich habe vor kurzem mal ein Lied auf Telegram geteilt "Wir könnten": Wir könnten die Welt so leicht ein bißchen besser machen, wer Frieden will verkauft keine Waffen. Wir könnten uns alle die Hände reichen, wir setzen ein Zeichen.


Ich mochte das Lied, weil es eine positive Botschaft hat: Mehr Mitmenschlichkeit, mehr Vertrauen zu wagen. Etwas besser machen zu wollen. Dieses ehrliche Anliegen ist eindeutig lobenswert, und vor der Arbeit der Musiker kann ich nur meinen Hut ziehen. Etwas Entscheidendes hat mich jedoch ziemlich gestört.


Was gesagt gehört, und es wäre eindeutig falsch es für mich zu behalten: Diese Leute haben - so positiv ihr Engagement auch ist - kein wirkliches Verständnis darüber, was sie da besingen. Und damit meine ich nicht nur ihre Vorstellung von Geld oder Wirtschaft, die völlig an der Realität vorbeigeht - denn Geld, Profit und Gewinnstreben sind nicht per se schlecht und böse - nein, ich meine hier vor allem ihre Vorstellung davon, was Frieden angeblich sei, was unbedingt näher erforscht gehört.


Frieden ist in ihren Augen: Keine Kriege im politischen Bereich, und im persönlichen Bereich: Harmonie, keine Konflikte zwischen den Menschen. Für mich ist das alleine aber kein Frieden. Es ist ein bestimmter Zustand, der angestrebt wird, ein vorgestellter Idealzustand im Verstand, welcher alleine an sich schon wieder Unfrieden erzeugt, weil der Wunschzustand ja nicht da ist, aber da sein sollte. Das Leben braucht aber keine bestimmten Zustände, sondern ist, wie das Leben nun mal ist.


Einfache Beispiele: Ein Typ versucht dich über's Ohr zu haben, will dich um eine Rechnung betrügen, dir das Geld nicht zahlen. Oder: Du wirst bestohlen und verlierst Werte für die du lange hart gearbeitet hast. Oder: Bestimmte Tyrannen, Machthaber, Intreganten in deinem Lebensumfeld (oder auch in dem Staat, in dem du lebst) zwingen dir bestimmte Verhaltensweisen und Vorgaben auf, die du einzuhalten hast, auch wenn sie völlig sinnlos sind.


Wer kann dann noch friedlich, ausgeglichen und positiv bleiben? Beobachte ich mich selber, so merke ich von Verzweiflung, Ärger, Zorn bis hin zu Verachtung, ja Gewaltfantasien weit mehr als einfach nur "Frieden". Frieden in mir kann wenn dann nur eintreten, wenn ich all diese anderen Aspekte nicht einfach nur als unerwünscht verdränge, sondern genauso als Teil meiner Existenz sehe und durchlebe, was auch sehr unschön werden kann.


Frieden ist nichts im außen, so wie diese Friedensaktivisten es sich vorstellen, sondern wenn überhaupt kann es sich nur da einstellen, wenn ein Mensch in sich Frieden findet, aber nicht durch Stille und Meditation, sondern Ausagieren aller Energien, auch der moralisch als unerwünscht deklarierten.


Dennoch: Stille und Meditation sind vor allem da wichtig, diese inneren Beschäftigungen und Augenmerke, die mich belasten, überhaupt einmal zu bemerken: Ungerechtigkeiten, Tumulte, Streitereien, Meinungsverschiedenheiten mit anderen Menschen kommen dann nämlich im Inneren Dialog erst zu Bewußtsein, fallen dann erst auf. Das ist dann aber keine Haltung, sondern faktische Beobachtung.


Frieden als statischer Zustand in der Welt ist reine Utopie, naive Kindergarten-Vorstellung. Denn die Welt ist nun mal chaotisch, hat Ungerechtigkeiten, ist oft auch, wie man leider zunehmend sieht, grausam, unerbittlich, unbarmherzig. Kinder und Alte leiden, Unternehmer und Arbeiter werden drangsaliert, diese ganze Gesellschaft macht gerade eine große Krise durch. Jeder Einzelne hat diese Lernerfahrung und Situation zu durchleben. Aber diese dunkle Phase ist nun mal da, sie gehört zum Leben dazu. Mit Frieden hat das aber rein gar nichts zu tun. Frieden und Ruhe ist vielleicht da, wenn man gestorben ist. Dann ist keine Welt mehr da, dann gibt es auch keine Konflikte mit anderen mehr, keine Schmerzen, keine depressiven Stimmungen. Im Leben selber ist Frieden so aber nicht vorgesehen. Dort heißt es, sich in diesem Auf und Ab einzurichten, und nicht zu hoffen, endgültig auf eine bessere Seite zu kommen wie das Wir könnten die Welt so leicht ein bißchen besser machen suggeriert.


Z. B. die Hoffnung, politisch wäre alles wieder in Butter, wir hätten demokratische Verhältnisse, jeder würde gehört werden und alle Meinung wären akzeptiert. Oder die Hoffnung, daß durch eine Partnerin mein Glückslevel dauerhaft höher sein könnte, was es aber oft nicht ist, wie man an langjährigen Paaren sieht, wo sicher der Sex körperlich zu Spannungsabbau führt, aber trotzdem Lebensqualität nicht garantiert ist, weil Partner sehr oft durch ihre Eigenart auch einschränken, bevormunden und beeinflussen können. Das endgültige Gelangen auf eine angenehme Seite ist, so hart diese Erkenntnis erstmal wirken mag, im Leben auch gar nicht vorgesehen. Das gilt natürlich auch für all die Zeugen Coronas, die meinen, durch ihre Masken und Abstandsregeln und was weiß ich noch für Gebote, nie wieder mehr an irgendetwas zu erkranken. Niemand wird es schaffen, immer gesund zu bleiben, so leid es mir tut. Ganz im Gegenteil: All die Sachen, die jetzt als Allheilmittel befolgt werden, führen eher dazu, daß man krank wird, durch verunreinigte Mundlappen, wie auch Überverwendung von Desinfektionsmitteln und zunehmend psychischen Folgen wie Depression, Isolation und emotionale Vernachlässigung, die der Gesundheit weit mehr schaden können als jeder Erreger. So viel jedenfalls zum Auf-die-eine-sichere-Seite-kommen-wollen... In dieser degenerierten Gesellschaft sieht man, daß dadurch genau das Bessere in ganz weite Ferne rückt.


Je mehr der Verstand diese Suche nach schnellen, einfachen Lösungen kultiviert, desto eher gerät die Balance, im wirklichen Leben mit wirklichem Verständnis zu leben, ins Wanken. Denn nur das bietet wirkliche Perspektiven, echte Antworten und Möglichkeiten, wie sich auch tatsächlich wertvolle Aufschlüsse durchsetzen können, die dem Leben nicht nur im Kopf, sondern ganz konkret Qualitäten und bessere Ansätze zuführen.


Das Besser wartet nämlich nicht in irgendeiner Forderung z. B. "Liebe Waffenindustrie, verkauft bitte keine Waffen mehr. Oder: Liebe Leute, gebt doch Geld nicht so einen Wert." , sondern im Verstehen der Hintergründe, wieso diese Dinge, so sind, wie sie sind, weil nur so auch das Handeln im Leben klarer und verantwortlicher stattfinden kann. Oder wie soll ein Blinder ein Auto sicher durch den Verkehr lenken? Es ist doch klar, daß sehr wahrscheinlich Schaden entstehen wird, wenn jemand so durch die Welt brettert, oder? Und mit der Forderung, er solle doch bitte sehen, ist doch keinem geholfen, besonders, wenn man selber genauso blind umherrennt...


Helfen tut nur ganz konkret: Sehen, oder Licht reinbringen. Aufzeigen, wie etwas wirklich zusammenhängt. Die Waffenindustrie wird solange Waffen verkaufen, wie Nachfrage danach da ist. Das mag man moralisch verwerflich finden, und man kann sich dadurch natürlich auch besser fühlen, in dem man es kritisiert, aber das sorgt nicht dafür, daß die Millionen Arbeitsplätze, die Millionen Menschen ernähren, einfach so mal eben geschlossen werden. Die sind nun mal da. Natürlich sterben durch die Waffen auch Menschen, und jeder, der das durch seine Arbeitskraft mit unterstützt, sollte sich auf jeden Fall fragen, ob das einen wirklich befriedigt, eindeutig, aber ich bin ganz sicher nicht der Moralapostel, der von der Kanzel all diesen Leuten vorpredigen will, was sie zu tun haben. Das ist nicht meine Aufgabe. Auch das ist Licht: Sehen, was kann ich tun, was ist weniger sinnvoll. Sinnvoll ist zu sehen: Ich will z. B. Geld verdienen. Geld hat für mich einen Wert, nämlich: Ich bekomme mit Geld auch Freiheiten als Mensch. Keiner kann mich dann noch irgendwie abhängig von sich machen, sondern ich entscheide selber. Habe ich wenig Geld, so muß ich mich von Vorgesetzten, Kunden, der Bank oder am schlimmsten: dem Staat, abhängig machen. Wer Geld hat, ist eindeutig freier, also wieso soll ich so tun, als hätte Geld keinen Wert? Haben die Sänger etwa kein Interesse an Geld? Das wage ich mal zu bezweifeln.


Der Punkt ist: All das sind Zusammenhänge, die kann man als Mensch doch einfach mal an sich heranlassen und sind auch wirklich nicht schwer zu verstehen. Aber das scheint den meisten schon zu schwierig. Das Ding ist halt: Nur mit diesem Verständnis, kann sich Klarheit einstellen, die Voraussetzung für jede Art von Zufriedenheit ist. Ohne Klarheit laufe ich verwirrt in der Gegend umher, und schaffe damit automatisch Rastlosigkeit, Ungeduld und damit auch Frust, Streiterei bis hin zu Konflikten und Kriegen. Die Saat liegt schon in dem Mangel an Sachkenntnis, in starren Annahmen und Überzeugungen. Wieso meinen z. B. Sozialisten, sie bräuchten kein Geld, verlangen aber dennoch Werte von anderen in einer Gesellschaft, für die aber hart gearbeitet werden muß? Was gibt diesen Leuten das Recht, das einfach so einfordern zu können? Weil sie lieb, nett und mitfühlend sind? Das alleine reicht, damit sie durchgefüttert werden sollen? Wer hier Unfrieden und Ungerechtigkeit sät, sind nicht die bösen, geldgierigen Bosse, sondern derjenige, der das aus moralischer Arroganz einfach so für sich beansprucht.


Ich will nicht sagen, daß diese Sänger das so klar bei sich merken, während sie z. B. Geld kritisieren, aber im Kern ist die Ideologie dahinter nichts anderes: Es ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden, der versucht, hier in dieser Gesellschaft durch seinen Fleiß und sein Engagement eine Existenz aufzubauen. Geld ist nämlich das Äquivalent für Wohlstand, welches Ergebnis von Arbeit und Einsatz ist, und fällt nicht automatisch vom Himmel (im Gegensatz zu Falschgeld, welches tatsächlich nach Belieben gedruckt werden kann, aber das würde hier jetzt zu weit führen; Falschgeld wie Euros und Dollars, sind eben kein echtes Geld, was viele nicht verstehen). Oder meint jemand, alleine auf einer einsamen Insel würde alles, was es zum Leben braucht, einfach so vom Himmel fallen? Klar, es gibt Früchte von Bäumen oder Wasser aus Regen und Quellen, aber das will erstmal gesammelt oder aufbereitet werden. Außerdem gibt es als Mensch noch viele weitere Bedürfnisse, die erstmal bereitgestellt werden müssen, wie Wärme, Unterkunft, warme Speisen, Hygiene und vieles weitere. Man will ja nicht einfach nur Überleben, sondern auch Leben also auch Kunst, Musik, Malerei, Literatur erleben. Auch diese Dinge, die unser aller Zusammenleben bereichern, fallen nicht vom Himmel. Und Geld bemißt in einem Gemeinwesen wie unserem einfach nur, was eine Leistung Wert ist. Da gibt es moralisch nichts zu beurteilen.


Frieden ist, wenn ein Gemeinwesen diese eigentlichen Selbstverständlichkeiten wieder als Ausgangsbasis nimmt. Dafür braucht es keine Forderungen, kein Programm, keine Postulate, keine übernommenen Anschauungen, sondern die einfache Logik des Leben selbst. Dann würden auch automatisch Dinge wegfallen, die keiner braucht, wozu z. B. unnötige Bürokratie oder auch Parlamente gehören, die ohnehin an Leuten vorbeistimmen, die so ein Ding erst bezahlen. Waffen würde es aber trotzdem wohl geben, weil Menschen sich vielleicht auch wehren müßten, ihre erarbeiteten Werte verteidigen müssen gegenüber anderen Gruppen, die diese vielleicht einfach so haben wollen. Auch da wäre es falsch ein endgültiges Urteil zu fällen, wie, daß Waffen per se Unfrieden bedeuten. Tun sie nicht. Klar, sie können gefährlich sein, sogar töten, aber sie können z. B. auch Konfliktfreiheit gewährleisten, weil zwei Seiten ein Waffengleichgewicht haben, keiner den anderen deshalb angreifen wird.


Worauf ich hinauswill: Diese ganzen Urteile sind genau der Ursprung von Unfrieden, weil sie sich etwas anmaßen, was gar nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Waffen oder Geld sind völlig neutrale Dinge, wie ich ausführlich bewiesen habe. Diese Dinge an sich richten noch keinen Schaden an. Schaden richtet - wie ich von Tag zu Tag immer mehr feststellen muß - der Beton in den Köpfen von Leuten an, die zu träge oder zu unwillens sind, sich für ein paar Sekunden ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen. Die nicht versuchen, ihre Prinzipien auf Tatsachen zu überprüfen. Dieser Beton, der unflexibel, steif und festgefahren ist, ist lebensfeindlich, denn das Leben ist so nicht. Das Leben maßt sich keine fixen Urteile an, ist immer frisch, neu und unbedarft. Es hält nichts von festgemauerten Ansichten, die als Lösung über alles gestülpt werden, was noch nicht eingenommen ist. Das Leben ist tausendmal intelligenter. Und nur im Einklang damit, ist überhaupt Frieden, Einheit, Glückseligkeit und Ankommen möglich.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum