Die Anderen

Die Anderen. Wie oft drehen sich die Gedanken um die Anderen? Was sie einem gesagt oder angetan haben, was sie einem eventuell vorenthalten, oder was man sogar selber vielleicht gesagt oder getan hat, und deswegen auf Stimmigkeit überprüft.


So fängt man an zu überlegen, zu manövrieren, sich innerlich sogar nach dem zu richten, was da im außen als potentielle Reaktion lauert. Diese kann wie gesagt positiv ausfallen z. B. als sexuelle Gratifikation eines Geschlechtspartners, Gehaltserhöhung, Lob, oder auch negativ z. B. als Abgeblitzt werden, Kündigung von einem Chef, Kritik.


Immer ist man dabei aber wie ein Spielball den dabei einprasselnden Stimmungen völlig ausgeliefert. Man möchte, daß alle so reagieren, wie man es gerne hätte, z. B. sehen, wie großartig, intelligent, wohlmeinend und gutaussehend man doch ist. Aber leider passiert das zu selten. Zu selten kommt die ersehnte Anerkennung, zu wenig wird man geschätzt und gewürdigt. Und zu groß die Gefahr verurteilt zu werden, für das, was ich bin.


Sich zu verstecken ist keine Option. Ob man will oder nicht: Man hat als Mensch mit Menschen zu tun, außer man zieht sich auf eine einsame Insel zurück oder lebt in einer Waldhütte. Aber selbst da muß man zusehen, wie das eigene Überleben sichergestellt wird, sei es durch Handel oder Austausch von Fähigkeiten. Alles selber zu können wird auf Dauer schwierig. Es wird früher oder später immer eine Interaktion mit der Umwelt nötig sein, wenn auch deutlich reduzierter. Aber das nur zur Veranschaulichung. Hier in Mitteleuropa ist das definitiv keine Antwort.


Zu sagen, es interessiert einen nicht, was andere denken ist schon mal ein möglicher Ansatz, doch so noch nicht die Lösung, denn ob man will oder nicht, richtet sich trotzdem noch etwas danach. Alleine, daß man sich auf eine bestimmte Art kleidet oder im Straßenverkehr verhält, zeigt ja, daß da immer ein Bezugnahme auf ein von einer Gesamtheit akzeptiertes Regelwerk aktiv ist. Das Sich-danach-richten ist jedoch da normalerweise nicht problematisch. Zum Problem werden ganz andere Dinge.


Ich habe schon öfter beschrieben, was mit der Aufmerksamkeit passiert, wenn ansprechende Frauen in meiner Gegenwart sind, nämlich, daß sie wie hypnotisiert wird. Das passiert in Sekundenbruchteilen, aber es ist schon mal gut, daß ich das mittlerweile im Moment merken kann.


Heute war ich unterwegs und interessant ist, daß es ziemlich stark mit Gier zusammenhängt. Der/die Andere hat etwas, was ich für mich will. Hier mal gar nicht so sehr die sexuelle Lust, sondern die Gratifikation, die einem eine Frau geben könnte. Das zeigt sich vor allem an Eifersucht gegenüber dem Mann in einer Paarbeziehung, der sich eine Trophäe ergattert hat, die ich nie hatte, ähnlich einem Sportler, der noch nie einen Pokal oder eine Medaille gewonnen hat, während alle um ihn herum damit umherlaufen.


Ein Kollege hat mir vor ein paar Wochen vor gesammelter Mannschaft gesagt, als ich meinte, daß ich nun gehen müßte, weil ich noch einkaufen und kochen muß, daß wenn ich mir eine Freundin besorgen würde, sie das für mich machen könnte. Ich hätte entgegen können, - was mir leider erst ein paar Stunden später einfiel - daß ich mir sowas nicht einfach "besorgen" könne, wie ein Konsumprodukt im Geschäft.


Jedenfalls ist das mit den Frauen für Männer - und für mich auf jeden Fall - durchaus immer auch eine Art Wettbewerb gewesen, was sicher ziemlich primitiv und verkürzt wirken mag, aber durchaus zutrifft. Die Denk- und Fühlweise ist hierbei: Mögen einen die Frauen, hat man sogar eine Freundin, so kannst du dich als Mann bestätigt fühlen, bist stark, wirst unterstützt, geliebt. Hast du das nicht, bist du auf dem Trockenen, hast versagt, stehst mit leeren Händen da. Dann bist du wie ich, neben ein paar anderen "Losern" der Einzige auf dem Realschul-Abschlußball ohne Tanzpartnerin. Dann gehst du abends immer alleine von diversen Feiern heim. Dann sitzt du abends alleine zuhause, weil die Kumpels sich nun mal lieber mit ihren Freundinnen treffen.


Ich lamentiere hier nicht, nicht falsch verstehen, ich wollte nur mal diese Dynamik verdeutlichen, und wie jämmerlich sie wirken kann. Man möchte zeigen, daß man auch etwas vollbracht hat, und sei es auch nur eine Frau von sich überzeugt zu haben. Das gilt dann auch gesellschaftlich als Erfolg, und man kann sich selber einreden, angekommen zu sein.


Das drückte sich in meiner Jugend insoweit aus, daß ich mit damaligen Kumpanen ein Versprechen abgeschlossen habe, das besagt, wenn jemand zum erstmals Sex hat, das den anderen berichten muß. Also nicht die Details, nur, daß es passiert ist. Es hört sich wirklich absurd an, aber es zeigt, wie wichtig dieses Thema männlichen Pubertierenden zu sein scheint. Und ein Versagen in diesem Bereich wird gleichgesetzt mit einem Versagen als Mann als solcher. Die ganze Existenz scheint verwirkt! Das männliche Ego lechzt deshalb nach der weiblichen Bestätigung und Aufmerksamkeit.


Um es zusammenzufassen: Frauen sind für Männer die ultimativen Anderen (umgekehrt natürlich genauso). Und damit die größte Quelle für die im ersten Absatz erwähnten Egoquälereien.


Beispiel: Sexualität. Die ultimative Gratifikation. Für einen selber ist die immer etwas Positives. Unangenehme Sexualität habe ich noch nie gehört bzw. gibt es nur, wenn da etwas blockiert oder zurückgehalten wird. Es ist etwas, was von Natur aus bereichert. Das Nicht-Erleben ist aber auch nichts Schlimmes, sondern dann erlebt man halt nichts, ähnlich Kindern oder Senioren, die ja auch froh und glücklich ohne das sind.


Auf alle Interaktionen und Kontakte mit anderen angewendet, zeigt sich, daß es da nicht anders ist: Es ist eine profitable Erfahrung. Ganz egal, wie sie sich ausdrückt. Es kommen neue Seiten von mir ans Licht, kann neue Aufschlüsse gewinnen. Besonders auch in scheinbar eher unangenehmen Situationen, wenn ich ärgerlich, traurig, wütend werde. Es ist einfach Lebenskraft, und der Verstand, der versucht dann natürlich zu kategorisieren, was es damit auf sich hat, was da vielleicht anders passieren müßte, wie etwas sein müßte, daß es auch richtig ist usw. All das ist wieder unnötige Behinderung.


Versteht man das, so löst sich nach und nach dieser bedrohliche Schwall auf, Sozialphobie, Angst vor anderen, und zwar nicht durch Therapie, positives Denken oder Überwindung von Unsicherheiten, sondern durch Begreifen des Zusammenhangs, daß da nichts Schreckliches ist: Die Schlange ist nur ein Seil. Und dieses Seil kann sehr praktisch sein, einem in so vielen Belangen helfen. Und das, was nicht nützt, das kann man getrost vergessen und übergehen.




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