Die Lebenskulisse als Abenteuer verstehen

Ich hatte gestern ordentlichen Energieüberschuß, so daß ich morgens aufgebrochen bin, um nach Garmisch zu fahren, und von dort dann den Zugspitzaufstieg über das Reintal zu wagen. Nach etwa acht Stunden langer Wanderung und steilen Aufstiegen ist das schlußendlich auch geglückt.


Weniger als die großartigen landschaftlichen Eindrücke (es war besonders auch in den Höhenlangen viel Bewölkung vorhanden, so daß die Aussichten meist eher eingeschränkt waren) faszinierte mich entweder das qurilige, glasklare Wasser der Partnach oder anderer Bäche, wie später oben auch die Gesteinswelt unter den Füßen, welche nicht unlebendig, sondern einfach wie ewig in sich ruhend gewirkt hat, unerschütterbar.


Der Gipfel war im Gegensatz zu den Eindrücken auf dem Weg ziemlich uninteressant. Zum einen, weil die Aussicht durch die Wolken noch mehr eingeschränkt war als weiter unten, zum anderen aber, weil die dort gebaute Plattform samt Restaurant und Souvenirshop ziemlich überlaufen war, vor allem von Touristen oder Ausländern, die alle mit der Seilbahn ganz leicht hochkommen (mit der ich dann aber auch runtergefahren bin, um mir den Abstieg zu ersparen, da mir alleine der mehr als zwanzig Kilometer lange Aufstieg schon gereicht hat).


In der Seilbahn, wie auch in den Innenräumen galt aber wieder die Maskenpflicht, was mir umso mehr klarmacht, daß man nirgendswo mehr sicher davor ist. Überall wo Zivilisation ist, wird man damit konfrontiert: Nicht nur Handel und Mobilität, auch kulturelle, freizeittechnische Einrichtungen sind davon bereits vergiftet. Ich habe immer weniger Lust noch irgendetwas zu besuchen, was nicht notwendig ist. Das wurde mir dort noch deutlicher.


Morgens wurde in der Parnachklamm, einem Tunnelsystem durch den Felsen an der Partnach vorbei, auch die Maske vorgeschrieben. In der Natur. Das muß man sich mal vorstellen! Da es dort ziemlich dunkel war, und ich kaum andere Leute direkt angetroffen habe, habe ich diese aber gar nicht erst angezogen. Auch später beim Warten in der Schlange draußen auf die Zahnradbahn vom Eibsee wieder runter nach Garmisch-Partenkirchen wurde Maskenpflicht vorgeschrieben. Wohlgemerkt draußen! Eine Aufseherin ist auch oft durchgegangen und hat Menschen genau beobachtet, ob sie auch die Maske über die Nase gezogen haben. Ein Paar, das gerade etwas gegessen hat, wurde angegangen, sie hätten die Masken anzuziehen. Der Mann reagierte ungewillt, murmelte was von "Maulkorb". Ich sprach sie darauf hin an, daß sie einen noch nicht mal essen lassen. Ich wurde lauter, und meinte, daß das hier also nun ein richtiger Polizeistaat geworden ist. Wo sind wir hier nur hereingeraten? Sei das also nun der Punkt, an dem wir mittlerweile angelangt sind?, rutschte mir heraus, was natürlich auch alle Leute um uns herum vernommen haben, deswegen aber auch einen befreienden Effekt für mich selber hatte.


Etwas nicht zu tun, ist eben nie die Antwort. Hier ist aber zu unterscheiden: Ist mein Tun geplant, d. h. mit dem Verstand vorher so abgesprochen, oder passiert es im Moment, d. h. völlig unvorhergesehen und überraschend. Die Bergbesteigung habe ich nämlich z. B. von langer Hand geplant, also die Route grob analysiert, geschaut, ob es machbar ist, was die Gefahren sind. Auch: Wie ist der Verkehr dorthin, wo parke ich, was sind die Öffnungszeiten? Daß ich es schließlich gestern gemacht habe, war erst ein Entschluß am Abend vorher, nachdem ich gesehen habe, daß das Wetter einigermaßen Ok ist, und ich die Zeit dazu habe.


Wichtig zu verstehen ist: Der Verstand ist an solchen organisatorischen Punkten genau richtig und kann die Rahmenbedingungen der Erfahrung ordnen und abklären. An lebenskrafttechnischen Punkten wie z. B. bei meinen spontanen Anmerkungen später, ist der Verstand nur hinderlich. Je durchlässiger er an diesem Punkt ist, desto eher springt spontan etwas über. Und nur das macht letztlich wirklich glücklich, denn es ist wie eine Überraschung: Ein Geschenk. Interessant ist dann nämlich auch, daß es überhaupt nicht wichtig ist, ob dazu Reaktionen kommen. Gestern war nämlich nichts dergleichen zu vernehmen, alle schwiegen, obwohl es eindeutig sehr viele Leute gehört haben. Für mich war bloß entscheidend, daß innerlich etwas zur Ruhe kam, sich setzen konnte, was immer ein gutes Zeichen ist.


Diese Ruhe kann aber nie und nimmer angestrebt oder per Methode erreicht werden. Ich kann jetzt nicht sagen, wenn ich dies und das mache, das so passiert. Auch Energieverausgabung kann das nicht hervorrufen, denn nach dem Bergaufstieg war ich viel eher müde und geschafft, als in mir ruhend. Das Eine führt nicht zum anderen. Es geht aber eben auch gar nicht um die Ruhe, auch nicht darum glücklicher, freier, mehr im Einklang zu sein. Das sind alles schon Ideale, die irgendwo übernommen wurden. Im Grunde sind alle Zustände völlig unwichtig. Sicher, es ist schön zufrieden und ausgeglichen zu sein, aber das alleine hilft noch nicht weiter, denn von hinten packt einen wieder der Verstand, der diesen Zustand am liebsten für immer festhalten will, Angst erzeugt, diesen wieder zu verlieren und damit gleichzeitig auch wieder Unzufriedenheit und Verspannung eintritt.


Ich sehe das z. B. sehr deutlich, wenn ich andere Paare sehe. Sicher ist es angenehm, diese körperliche Erfüllung zu erleben, wenn man sich berührt, streichelt, küßt usw. Das ist unbestreitbar. Im Gegensatz zu früher beneide ich jedoch Menschen, die das erleben, nicht mehr. Ich weiß nämlich, daß diese ganzen positiven Erfahrungen eine Riesengefahr bergen, nämlich die Kehrseite, die des Was, wenn ich das nicht mehr erlebe/habe? Was, wenn sie/er nicht da ist? Was, wenn sie/er mich verläßt? In dem Moment bin ich nämlich Gefangener meines Glücks, weil ich mich davon abhängig mache. Und Abhängigkeit ist immer die Vorstufe von Unfreiheit, welche sich zwangsläufig zu Unglück hochschaukeln muß.


Wahre Zufriedenheit kennt keine Kehrseite. Dafür ist sie nach außen hin nicht sichtbar, denn sie ist im einfachen Sein gegründet, wie schon erwähnt, ganz egal, welcher Zustand auch da ist. Auch tiefe Traurigkeit oder Gefühle von Einsamkeit oder Unverständnis sind darin enthalten. Klar, auch gute Laune oder Glückserfahrungen sind möglich, sollten nicht abgewehrt werden, aber sie erzeugen nicht, im Gegensatz zur herkömmlichen Meinung, die Zufriedenheit. Die strahlt in Wahrheit immer aus sich selbst heraus, denn nur ungebunden und unabhängig hat sie diesen Namen überhaupt erst verdient. Aus ihr heraus sind natürlich auch alle weiteren Erfahrungen möglich, klar, nur verlieren sie deutlich an Wichtigkeit und Schwere, weil von ihnen nicht mehr etwas erwartet wird, was sie nicht geben können. Mag sein, daß sich dann auch eine gewisse Nüchternheit und Distanziertheit ergeben mag, aber damit ist ganz sicher nicht Kälte gemeint.


Ich habe z. B. in der Zahnradbahn ein paar kleine Kinder (vielleicht fünf, sechs Jahre alt) gesehen, die alle eine Maske über die Nase gezogen bekommen haben. Die Eindrücke, die sie momentan erleben, werden sie für den Rest ihres Lebens prägen, das muß man sich mal vorstellen! Dabei meine ich nicht nur das Fehlen von frischer Luft über einen langen Zeitraum, sondern vor allem der Anblick dieser Art Gesellschaft zerstört doch jegliches Grundvertrauen in das Leben. Zwangsläufig müssen psychische Langzeitfolgen und traumatischen Einkerbungen eintreten, werden diese Menschen ihr Leben lang begleiten, das ist eindeutig. Zumindest sehr sensible Kinder werden damit zu tun haben, einige vielleicht als Erwachsenen sogar reflektieren, was ihnen da angetan wurde. Selbst ich habe schon Albträume, wenn ich diese gesichtslosen Menschen mit den leeren Blicken sehe, was besonders in den öffentlichen Verkehrsmitteln ein Grauen ist. Zum Glück habe ich ein Auto und bin darauf normalerweise nicht angewiesen, denn die Menschen in Bussen und Bahnen wirken weit mehr entrückt, als z. B. Menschen im Supermarkt, da diese durch ihre Aktivität noch halbwegs menschlich wirken. Ich meine, durch diese Dinger ist ja noch nichtmal ein normales Gespräch möglich, geschweige denn normales menschliches Miteinander. Klar, die Leute tun so, als würde die Maske nicht einschränken, als könne alles seinen gewohnten Gang gehen, nur merke ich bei mir, daß mein Gehirn so nicht arbeiten kann.


Worauf ich hinaus will: Das alles läßt mich nicht kalt. Ich habe da wahrscheinlich sogar mehr Mitgefühl, als viele andere, weil ich es genauso kenne, wenn in Kindheit und Jugend so ein unwiederbringlicher Schaden angerichtet wird. Das, was hier momentan passiert, nüchtern so sehen zu können, wie es ist, hat nichts mit emotionaler Entrücktheit zu tun. Ganz im Gegenteil: Wer hier mal die Dinge ohne Puffer an sich heranläßt, der sieht alles überhaupt erstmal klar, und kann dann überhaupt erst auch richtig an diese Situation herantreten. Nicht als Konzept, sondern im Moment kommen dann auch die richtigen Gedanken und Gefühle zum Vorschein. Und das kann sich auch ganz wenig nüchtern ausdrücken, das muß klar verstanden werden.


Ja, auch viele Redner auf den Demos werden emotional, nur wissen diese Menschen nicht, wer sie sind, weil sie sich damit irgendwelche Erwartungen auf Veränderungen erhoffen. Es geht aber gar nicht darum, daß die Dinge anders sind, als sie sind. Der Vorteil dieser, ich bin jetzt mal hart, Drecks-Umstände, ist der, daß nun jeder Einzelne für sich erst in seine eigentliche Kraft finden kann. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Intelligenz trennt sich von Dummheit, welche jetzt sofort sichtbar wird (früher vielleicht erst nach ein, zwei Gesprächen, näherem Kennenlernen herauskam). Das ist in Wahrheit alles eine Riesenhilfe! Womit ich wieder bei dem Punkt bin: Wie wird man als Mensch zufrieden? Es scheint wirklich so, daß genau solche Umstände einen da erst richtig hinführen können. Mein Gefühl ist, daß das, was wir hier gerade erleben, erst der Anfang ist. Womit ich aber keine Angst machen will, sondern eher die Möglichkeiten betonen, die für einen selber hier warten.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum