Die Sackgasse der Naturwissenschaft

Ich muß etwas von Grund auf klarstellen: Die Naturwissenschaft ist eine Sackgasse. Sie kann wirkliche Antworten nicht liefern. Sie ist im Kern nichts anderes als eine Leiche, die nur darstellt, als wäre sie quicklebendig, als würde wichtige, entscheidende Forschung betrieben. Man muß sich nur mal genau die Leute anschauen, die das als heiligen Gral und Weg zur Erkenntnis propagieren: Wie leben sie? Was für eine Ausstrahlung haben sie? Sind sie Vorbilder im Leben einer wirklichen Antwort, die sie meinen gefunden zu haben?


Ich bin einfach nur entsetzt, ja sprachlos, wenn diese Menschen einem weismachen wollen, sie hätten die Antwort auf das Leben gefunden, indem sie sagen, daß sie weniger als ein Sandkörnchen in einem schier unendlichen Universum sind, welches nach berechenbaren, mechanischen Gesetzmäßigkeiten abläuft, worin sie eben kurz auftauchen, und dann ebenso bedeutungslos wieder verschwinden. Gruselig, wenn ich daran denke, daß solche Menschen auch noch Kinder haben oder sogar Lehrer, Professoren sind, und dann auf junge Generationen losgelassen werden.


Der Groschen fiel mir vor wenigen Jahren beim Lesen des Buchs Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert Pirsig. Vor allem dabei das Beispiel mit dem Motorrad: Die Abläufe in der Maschine im gesamten Zusammenspiel erfordern höchste Logik und Denken, um verstanden zu werden. Hier ist die Rationalität völlig richtig am Platz, und Gefühle würden da nur unnötig stören. Der Sinn eines Motorrads wird so aber letztlich nie ganz erfaßt, denn das Fahren eines Motorrads durch die Landschaft, das Fahrgefühl auf dem Gerät, da hat Denken nicht nur keinen Platz, es würde alles zerstören, vor allem das pure Lebensgefühl dabei: Freiheit, Freude, Abenteuergeist. Das Funktionieren der Maschine ist dafür natürlich Voraussetzung, das ist klar und gehört nicht vernachlässigt, aber nur da ist der Verstand nützlich und angebracht. Vielleicht noch bei Verkehrsregeln. Und das wars.


Jeder Techniknerd muß doch anerkennen, daß das Funktionieren einer Bastelei oder Apparatur doch nicht sein Denken stimuliert, sondern das Echte in ihm findet es spannend zur Lösung eines Problems zu kommen. Das Denken ist nur Werkzeug, reines Mittel zum Zweck, aber nie die wahre Sache! Das Echte ist das bewußte, interessierte Erleben eines Vorgangs, diese Intensität: Ja, ich bin! Ich bin lebendig! Ich bin da, ich kann dies tun, ich kann das tun, ich kann dahingehen, damit arbeiten, damit dies und jenes anstellen! Ist das nicht geil! Da soll mir mal jemand das rational erklären. (Und schon kommen die Hirnforscher, die genau wissen, daß das Hormon X ausgeschüttet wird, wenn Y passiert, und das die und die Reaktion in einem auslöst, z. B. Freude; wer damit jemals froh werden kann, viel Spaß).


Ich sage nicht das Denken schlecht ist, genausowenig Logik, Präzision, Verstehen rationaler, kausaler Zusammenhänge. Sie haben ihren Platz, aber nur in den Themen, in denen sie praktisch etwas bringen. Alles andere würde dadurch nur vergiftet, nur dazu führen, daß die Menschen immer mehr verkümmern und vertrocknen, weil sie das Eigentliche verpassen, einer toten, kalten Welt angehören, die grausamer und liebloser kaum sein könnte. Zum Glück ist das nicht die Wirklichkeit.


Ich meine gut: Rein physikalisch gesehen mag mein Körper wirklich nur ein Billiardstel des Alls sein (der Einfachheit halber, ist wahrscheinlich sogar weit weniger). Trotzdem bin ich ja hier. Was mache ich mit dieser Weisheit der Wissenschaft? Mich den Rest meines Lebens lang ohnmächtig, klein, verloren und irrelevant fühlen, weil die Wissenschaft eben bewiesen hat, daß meinem Körper eben diese Eigenschaft hat? Oder was mache ich nun mit diesem Körper, die Lebzeit, die mir zugestanden wird? Vom Bewußtsein her steht ja nur der mir zur Verfügung, ich nehme ihn wahr, Tag für Tag, das ganze Innenleben, stehe mit ihm auf, gehe zur Arbeit, interagiere mit anderen. Das ist die Wirklichkeit, wie sie sich für mich darstellt. Was für eine Konsequenz hat dort obige Erkenntnis?


Beispiel: Ich höre gerne Musik. Sie kann genauso rational, wie emotional aufgefaßt werden. Jemand wie Johann Sebastian Bach hat in seinem Wirken gezeigt, daß beides sich nicht ausschließt, sondern in Wahrheit zusammengehört, perfekten Einklang erreicht und Musik in ihrer bisher stärksten Essenz darstellt. Musiktheoretisch sind seine Tonfolgen bis ins Detail mathematisch und wissenschaftlich, strahlen dabei aber eine spirituelle Komponente aus, die bis dato unerreicht ist. Wie läßt sich dieser scheinbare Widerspruch klären? Ganz einfach: Der Mensch ist in sich nicht gespalten, auf der einen Seite Kopf, auf der anderen Herz, Bauch, Körper, sondern er ist und bleibt ein ganzes Wesen. Auf der höchsten Stufe jedes einzelnen Zentrums gibt es keine Unterschiede mehr, da verschmelzen die Grenzen.


Oder das Beispiel Technik. Sie ist generell sicher nichts Schlechtes, schafft aber nur scheinbar einen Sinn. Die moderne Medizin ist sicher sehr gut und nützlich, kann dafür sorgen, daß Menschen länger leben können, weniger Schmerzen haben müssen. Aber sie bietet keine Antworten, was für diesen Einzelnen in seiner Lebensspanne passieren kann, so lang sie auch dauern mag. Das kann die Medizin nicht leisten. Genauso wenig der Komfort, der uns zur Verfügung steht, wie Autos, Flugzeuge, Fahrstühle, auch das Internet: Das alles macht das Leben in vielerlei Hinsicht einfacher, sicherer, aber nicht automatisch qualitativer, erfüllender. Es entsteht nicht automatisch ein Gewinn dadurch.


Alleine wenn man sich die Entwicklung von immer komplizierten Waffensystemen anschaut, so muß einem doch schlagartig klarwerden, daß sich hinter technischer Finesse und Klugheit auch eine unbeschreiblich große Dummheit und Arroganz tarnen kann.


Aber wahrscheinlich bin ich wohl einfach zu gefühlsduselig. Ein beschränkter Romantiker, der die Härte des Lebens nicht verstanden hat, und sich etwas in seinen rosaroten Vorstellungen einbildet, was so aber nicht existiert. Die Natur ist hart, ein Ausleseprozeß, ein grausamer Kampf der Elemente, in dem man sich behaupten muß, aufpassen muß, nicht unter die Räder zu kommen. Wer sich in so einem Weltbild zurechtfinden kann, dem kann ich nur viel Glück wünschen. Möge er lange und hart kämpfen.


Ich sage nicht, daß das Leben nicht auch Unangenehmes bereitstellt. Ich für meinen Teil brauche aber kein Weltbild, keine Theorie, um diesen Ansturm bewältigen zu können. Um Platon's Höhlengleichnis zu verwenden: Ich muß mich nur umdrehen, aus der dunklen Höhle rausschauen und sehen, was wirklich ist, während alle anderen in der Höhle meinen, die Schatten und Echos wären echt. Sie nehmen nicht wahr, gehen nicht auf die Suche, geben sich damit zufrieden, was ihnen verabreicht wird: gängige Theorien, Anschauungen, Meinungen und Ansichten des Zeitgeistes, alles aus zweiter Hand, vorgekaut, vorgefertigt. Wer sich damit abspeisen läßt, der hat auch nichts anderes verdient. Wer hingegen eine Antwort wirklich sucht, der wird sie auch garantiert finden.


Ich empfehle Platon jedoch nicht. Das Gleichnis ist hilfreich, weil ich es für mich anwenden kann. Es verbildlicht den Auslöseprozeß aus dem Alltagsdenken sehr klar. Das meiste andere des großen Denkers der Antike interessiert mich wenig, weil es eben nur das ist: Gedanken. Philosophie. Und genau die hat uns in die naturwissenschaftliche Sackgasse geführt, weil das Denken nur bis zu einem bestimmten Punkt führen kann, und ab da nicht mehr weiterhilft. Die Sinn- und Perspektivlosigkeit der westlichen Kultur hat heute wahrlich ihren Höhepunkt erreicht, 2400 Jahre nach Platon, Sokrates und wie sie alle heißen. Der technische Fortschritt wird uns nicht großartig mehr Komfort bieten können. Viele Berufe sind ja durch Technik erleichtert worden, leistungsstarke Maschinen, hohe Rechenleistung usw. Viel älter als heute werden Menschen auch nicht mehr werden. Und auch auf einer Mond- oder Marskolonie würde es genau wie auf der Erde um die Bereitstellung der einfachen Grundbedürfnisse des Lebens gehen: Nahrung, Obdach, Fortpflanzung. Das ist eine Endlosschleife, und da gibt es keine Entwicklung.


Aber das ist nun das kulturelle Phänomen. Für einen selber ist das gar nicht so relevant. Ich kann es durchschauen, jeder kann es, und im selben Moment frei sein von dieser Verrücktheit. Und natürlich trotzdem sein Auto mit Sitzheizung oder Stereoanlage mit Subwoofer genießen. Diese ganze Welt mit all seinen Möglichkeiten ist ja für einen selber da! Für wen denn sonst, wenn nicht für einen selber? Das Universum und du: tritt gemeinsam auf, und gemeinsam ab. Selbst wenn man sich vorstellt, es wäre ganz anders, so ändert das nichts an dieser Erfahrung.



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