Es war schon immer eine Gesellschaft der Maskierten 2

Fortsetzung zu Es war schon immer eine Gesellschaft der Maskierten


Wie ich bei mir aber merke, ist da noch ziemlich viel Ego am Werk. Das fiel mir auf, als ich bei einem Kindergarten einen Laufwettbewerb der Kinder sah, bei dem von den Erziehern die Zeiten gemessen wurden. Dabei kam mir auf einen Schlag meine gesamte Jugend wieder hoch, in der derlei Sportaktivitäten einen Großteil des Beisammenseins mit Gleichaltrigen ausmachten. Ich erinnere mich hierbei im Speziellen an einen 800m-Lauf in der 3. oder 4. Klasse, bei dem ich als Erster kurz vor Schluß noch von zwei Klassenkameraden überholt wurde, und das als schwere Schmach empfand. Auch vor den Sparings im Boxtraining war das immer meine größte Angst, zu viel einzustecken, den Kampf zumindest nicht ausgewogen gestalten zu können. Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen, sei es Laufen, Leichathletik, Handball, Fußball, Schwimmen oder Tennis. Überall lief das Vergleichen ab, vor allem weil ich schon das Gefühl hatte relativ sportlich und fit zu sein, und das beweisen wollte.


Dieses Im-Vergleich-zu-anderen-Jungs-eine-Schmach-empfinden, Mich-in-Konkurrenz-stellen, erlebte ich nicht nur im Sport, wo es noch relativ harmlos abläuft, da es ja mehr oder weniger nur ein Hobby ist, sondern ab der Pubertät zunehmend in bezug auf Frauenkontakte. Anstatt jedoch wie im Sport eher oben mitzuspielen, gelang in dieser Hinsicht nicht der gewünschte Erfolg. Es war gar nicht so sehr das Nicht-berücksichtigt-werden oder Übergangen-werden von Frauen, der ganze emotionale und körperliche Entzug, sondern vor allem das Schlechter-abschneiden im Gegensatz zu anderen Männern, woran ich mich aufrieb. Sie alle fingen an ihre Freundinnen zu präsentieren, auf Feten, in Discos, bei geselligen Abenden, während ich alleine blieb. Damit straft mich dann vor allem mein Ego ab, daß sich an diesen Verhältnissen rieb, wozu dann auch zählte, sich in Selbstmitleid zu suhlen.


Meine Maske ist dann eher die des Jammernden, oder des Opfers, des Nun-alleine-leben-müssenden, der die Tendenz hat sich aus Gesellschaften zu entfernen. Vieles macht ja angeblich eh kein Sinn dort, ich werde mißverstanden und - da geht es ja eh nur um das Ego. Scheinbar. Wie ich heute jedoch bei den Livestreams der "Tag der Freiheit"-Demo in Berlin gesehen habe, ist das nicht wahr, denn den meisten dort Teilnehmenden geht es ganz offensichtlich nicht um ihr Ego, sondern um die Sache, um die Wahrheit in diesem Thema. Die Vorstellung ist sicher falsch, daß es immer und überall nur um das Ego geht. Sicher, auch dort gibt es viele Selbstdarsteller, zu denen ich z. B. einen Heiko Schrang zähle, aber einen Thorsten Schulte schätze ich für sein ehrliches Anliegen, wenngleich auch er sicher vielen Irrtümern aufsitzt, was hierbei jetzt aber nicht so wichtig ist.


Für mich ist wichtig, das, was gut ist zu unterstützen, egal ob hier, dort, oder sonst wo, egal mit wem. Es gibt nicht nur das Schlechte wie z. B. die Figur Lord Voldemort aus den Harry Pottern-Büchern darstellt, die alles abgrundtief böse auf sich vereint. Bei mir, wie bei jedem anderen auch ist ein Ego da, welches verstellt und verzehrt, und dahinter immer auch etwas Echtes, das oft völlig verschütt gegangen ist, aber dennoch immer auch angesprochen werden kann, selbst wenn der Verstand desjenigen das nicht begreifen kann.

© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum