Freisinger Dom

Heute etwas im Freisinger Dom umgesehen. Von außen eher schlicht und unauffällig, überrascht das Innere sehr. Nicht mal die beeindruckenden Fresken und Malereien im Rokoko-Stil, sondern die Wirkung des Raumes an sich hatte etwas Wohltuendes.


Eine zeitlang platzgenommen war die Stille förmlich hörbar. Gedanken, selbst die anderer Leute, waren genaustens zu registrieren. Wirkliche Besinnung, man könnte auch sagen Meditation, setzt ein.


Ich bin kein Christ, und würde mich als solcher auch nie wieder definieren können, aber deswegen noch lange nicht Atheist, was einem dann gerne in den Mund gelegt wird. Religiösität hat nichts mit Glaube an übermächtige Kräfte zu tun, sondern mit Hingabe.


Wer sich hingibt, der verliert seine persönliche Konturen und öffnet sich einer höheren Wahrheit, der Einheit (deswegen auch Religion von lat. re-ligia). Das steht jedem offen, und bedarf deswegen auch keinen Übermenschen Jesus, den man bewundern soll, um dahin zu kommen.


Das Kirchengebäude ist hier eine Möglichkeit von vielen, dieser Einheit wieder näherzukommen. Und spiegelt das auch wieder zurück. Der Boden ist z. B. aus Stein, das gibt eine grundsolide Basis, die trägt und sich auch auf das Gemüt wirkt: Alles darf sich erstmal setzen.


Oben dagegen die fast schon Überfrachtung mit Verzierungen, Farben und Formen als gutes Anschauungsbeispiel für das, was ebenso beim Menschen "oben", im Kopf abgeht: Eine ungemein reichhaltige, bunte Welt, hier in weiß und gold.


Zu viel, könnte man sagen, übertrieben. Mag sein. Und doch ist es ein sehr liebevolles Geschenk längst vergangener Tage.


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Das Preisen der Heiligkeit hat für mich jedoch keine Bedeutung. Der Katholizismus bietet keine Antworten, und auch die Priester, Pfarrer und Bischöfe huldigen nur noch einem Kult, dessen Zeit längst abgelaufen ist. Daran hat auch der hier ursprünglich sein Handwerk lernende Papst nichts geändert.


Der Ort aber, der bleibt ein Ort der Religion, der Rückverbindung mit der Einheit, aber er war es auch schon ohne diese Institution der Kirche, wohl schon bei den Kelten an exponierter Lage in der zu drei Seiten offenen Landschaft. 1300 Jahre Glaube, der ursprünglich aus dem Nahen Osten importiert wurde, hat kein ewiges Bleibe- und Heimrecht.


Was wäre nun etwas Einheimisches, etwas, das nicht von außen kommt und so vielleicht gemäßer wäre? Etwas, was aus dieser Kultur wächst, nicht einfach nur ein übernommener Glaube ist, der sowieso schon spätestens seit der Aufklärung kein auch nur halbwegs ernstzunehmender Mensch mehr für wegweisend halten kann?


Wenn ich die Arbeit sehe, die in die Kirche floß, dann sehe ich etwas, was aus dem Deutschen entstehen kann, ganz handfest. Ein Glaubenssystem ist gar nicht nötig. Ich sehe den Fleiß und eben die Hingabe, die die Menschen an den Tag gelegt haben, um etwas Außergewöhnliches zu leisten, was normalerweise unmöglich erscheint, wenn man sich den Kathedralenbau mal anschaut.


Diese Schöpferkraft ist ganz sicher nichts Importiertes, sondern durchaus etwas Einheimisches, etwas, was einzigartig auf der Welt ist. Das Christentum macht gar nichts, hat keine Kraft. Wenn etwas wirklich Neues entstehen kann, dann nur aus der kreativen Schöpferkraft, die jedem zu Gebote steht, und sich in diesem Land schon in vielen Menschen gezeigt hat.



© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum