Getriebenheit oder Ankommen?

Durch Meditationen die letzten knapp drei Wochen, wie auch zwei längere Nur-Sitzen-Übungen die letzten drei Tage, bin ich wieder mehr an einen klaren Punkt angelangt, zu sehen, was für mich hauptsächlich zählt: Es ist nicht so sehr die Expansion, das Anhäufen von Dingen, Lösen von Problemen, Verfolgen und Aufplustern von Gedankenketten, sondern eher das Loslassen von Unnützem, Unnötigem und Überflüßigem, das Wegschmeißen von Ballast. Diese Erleichterung empfinde ich als eigentliche Qualität.


Einen Unterschied zu früher merke ich heuer zum ersten Mal: Ich empfinde es nicht mehr als Defizit, den inneren Dialog nicht mehr weiter zu füttern. Oft passiert es durchaus, und das ist auch keine Schande, daß sich mit irgendetwas beschäftigt wird. Momentan z. B. meine Fußverletzung und die dadurch verursachte Zwangspause. Wenn ich jedoch merke, daß ich mich da beschäftige, dann verstehe ich gleichzeitig, daß es da ja zu keiner Lösung durch das Denken kommt. Die Umstände sind wie sie sind, ich war schon beim Arzt, mehr als die Dinge ruhen zu lassen, kann ich nicht tun. Trotzdem wird dann darüber nachgedacht, was das nun für den Beruf bedeutet, wie es da weitergeht, was andere von meiner Abwesenheit halten, ob das jemals wieder so wird wie früher usw. usf.


In dem Moment zu merken: Ok, ist ja gut, daß mich das beschäftigt, aber nun ist es nicht das Thema. Jetzt ist nämlich alles gut. Jetzt paßt alles. Auch in dem Handicap. Wenn etwas wieder akut wäre, irgendein Handeln erforderlich ist, dann kann ich mich dem wieder widmen, aber jetzt ist mir wichtig anzukommen. Diese Priorität zu setzen ist wichtig, weil sonst der Verstand verselbständigt immer weiter rotiert. Etwas, was ich bei praktisch allen Menschen um mich herum erlebe, die ständig wie Getriebene von einer Sache zur nächsten hetzen, das dann besonders sinnvoll und wichtig finden, und was dann von der Gesellschaft auch gerne als regsam, fleißig oder enthusiastisch positiv honoriert wird. Ankommen gibt es da aber schon lange nicht.

Das Ankommen wird da immer in die Zukunft verlagert: Wenn ich nur dieses eine Problem gelöst habe, dann geht es mir besser. Wenn ich nur diese eine Partnerin für mich gewinne, dann komme ich an. Wenn ich nur so und so viel Geld auf dem Konto habe, mir dieses Haus, Auto, Boot leisten kann, dann komme ich an. Wenn diese Firma diesen bestimmten, erfolgreichen Status auf dem Markt hat, dann komme ich an. Wenn diese Partei bei den nächsten Wahlen so und so viel Prozent hat, dann gewinnen wir mehr Einfluß, und dann kommen wir an. Wenn meine Forderung bei diesen bestimmten Leuten durchdringen, dann komme ich an. Wenn ich so und so viele Abonennten auf Telegram habe, dann komme ich an. Wenn ich beliebter als der oder der werde, dann komme ich an.


Es ist immer eine Abhängigkeit-von-etwas. Es ist sicher nicht falsch gewisse Ziele oder Perspektiven zu haben, ungelöste Probleme zu lösen, nur sollte man sich fragen, ob es wirklich wert ist, daß sie einem ständig den Moment versauen, denn das macht der Verstand unentwegt. Der Verstand kann nämlich mit Leere, mit Ruhe und Stille, der dabei vorhandenen Einfachheit des Lebens, absolut nichts anfangen. Da sitzt er auf dem Trockenen, ist wie ein Fisch ohne Wasser.


Ich beobachte vor allem bei jungen Leuten, daß diese das gar nicht kennen. Die sind alle eingespannt, sei es im Beruf, in der Familie, in Vereinen oder sonst wie gearteten Betätigungen. Sicher, der Körper hat die Energie, will sich ausagieren, und das ist sicher nicht falsch, aber wohin das ganze führen soll, braucht man keinen fragen, weil niemand darauf eine Antwort weiß. Da existiert nur das Außen, das Gemache, das Weiter, Besser, Höher, Schneller, in völliger Besinnungslosigkeit. Dabei ist etwas Innen schon immer da, was wartet aufgesucht zu werden, was keinerlei Entwicklung benötigt, was bereits ein ständiges Zuhause darstellt und völlig unabhängig von Lebensergebnissen ist. Mit Verabschieden aus dem Leben und Flucht in Innerlichkeit hat das aber rein gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: Aktivitäten können sich nun erst richtig entfalten, da die Motivation nicht die ist, im außen etwas bekommen zu wollen, sondern nur die, in einem Akt der Freiheit beitragen zu wollen. Mehr muß einem das Leben nicht geben.


ICH BIN hat z. B. Nisargadatta Maharaj gesagt. ICH BIN - im Erfolg oder Mißerfolg, in Gesundheit oder Krankheit, in Geschäftigkeit oder Erholung. ICH BIN ist die Antwort, ICH BIN ist mehr als jeder Mensch benötigt, ICH BIN ist der Ursprung und das Ziel. Es heißt explizit nicht ICH BIN Herr Müller, ICH BIN Deutscher, erfolgreicher Geschäftsmann, Vater von drei Kindern, anerkannter Publizist, Doktor, Professor und Fachmann für Politikwissenschaften, nein, sondern einfach ICH BIN, ohne Attribute. Es ist das Einzige, was zeitlebens so bleibt, wie es ist, egal ob als Kleinkind, Jugendlicher, junger, mittlerer, älterer Erwachsener oder Greis, es ist immer bei einem, mit einem, für einen da. Wieso das nicht mal einfach anerkennen? Wieso immer den Fokus lenken, auf Dinge, die ohnehin nie von Dauer sind. Selbst ich als junger Mensch merke z. B. gerade an der Verletzung, daß Gesundheit etwas ist, was nicht dauerhaft gepachtet wurde, etwas ist, was sehr schnell verloren gehen, von einen Moment auf den anderen Futsch sein kann. Es ist also sicher nicht die einzige Sache, auf die ich mich verlassen sollte, auch wenn die Gesundheit sicher gewertschätzt werden kann, solange sie da ist. Auch so Dinge wie Geld, Besitztümer, Beziehungen, Erinnerungen, alles, was normalerweise als wertvoll und wichtig erachtet wird, können verloren gehen. Auch äußere Freiheiten, die momentan ja genommen werden. All das kann einem jederzeit durch die Finger rinnen, hat man sie vielleicht einmal erworben. Ich merke z. B. auch, daß je mehr Geld ich mir anspare, umso größer auch die Sorge wird, was ich damit nun mache und damit gleichzeitig auch die Sorge wächst, das alles wieder verlieren zu können. Wie gesagt, dasselbe auch mit der Gesundheit: Alles, was ich zu haben scheine, ist äußerst fragil.


Die Antwort ist: Sich vom eigenen Verstand da nicht binden zu lassen. Es ist nur die Identifikation, die einen gefangen hält, und die Identifikation ist nicht mehr als ein Hirngespinst, das, wenn das Interesse da ist, früher oder später in sich zusammenfällt. Ein leerer Kopf ist nicht schlimm. Man ist deswegen auch nicht dumm oder wird zu einem senilen Hohlkopf. Vielmehr ist so erst recht intelligentes Vorgehen möglich, weil nun die Energie nicht für selbstquälende Gedanken verpulvert wird, die einem Zufriedenheit und eben Ankommen in Umständen versprechen, die dafür gar nicht zuständig sind. Diese Welt ist nicht dazu da, einen glücklicher zu machen. Sie schuldet einem nichts. Man hat von ihr nichts zu fordern. Alleine, daß man hier ist (ICH BIN) ist schon das größte Geschenk, das jemand überhaupt bekommen kann, daß jemand atmet, daß das Herz schlägt, daß jemand riecht, fühlt, spürt, sieht, hört und auch Dinge machen kann. Etwas Großartigeres braucht einem deswegen auch nicht zustehen, weil allein das schon großartig ist.



© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum