Horowitz - 3. Klavierkonzert Rachmaninoff 2



Ich muß noch weiter auf das eingehen, was diese Einspielung in mir auslöst und bewirkt, nachdem ich sie mir die letzten zwei Wochen doch sehr oft angehört habe, und aus dem Staunen nicht mehr herauskomme.


Wie ich weiß - und mir würde das vor nicht allzu langer Zeit genauso gehen - wird dieses Stück für viele wie Geklimper, wie völlig zufällig und durcheinander angereihte Töne klingen, die irgendwie langweilig wirken und nicht weiter interessieren.


Es ist aber nicht einfach nur Musik, die nebenbei gehört werden kann, quasi als Hintergrund-Gedudel, sondern sie transformiert den wirklich auf sich wirken Lassenden auf eine Weise, die den meisten sicher eine zu extreme Angst machen würde, würden sie genau zuhören.


Man würde nämlich anfangen, schärfer im Alltag wahrzunehmen, die ganzen menschlichen Untertöne, die Umwelt wäre viel prägnanter, fließendes Wasser, der Himmel, Pflanzen, alles wäre plötzlich viel direkter, lebendiger und das Hier und Jetzt plötzlich sehr real. Man könnte plötzlich nicht mehr im üblichen Trott mitblödeln, wäre irgendwie draußen, bräuchte nicht mehr die üblichen Ablenkungen und wäre damit in dieser Art Gesellschaft deshalb auch irgendwie eher allein.


Ich sage aber jedoch, daß die alleine und verlassen sind, für die ihr Leben einfach so an ihnen vorbeizieht, ohne daß sie jemals mit dieser Qualität in Kontakt treten. Die wahren Reichtum nie kennenlernen.


Man nehme z. B. die Passage ab Min 34:30, die ich in Worten gar nicht beschreiben könnte. Selbst Marcel Proust würde sich da schwertun. Da ist einfach nur unbegreifliches Sich-fragen, wieso ich das in meinem Leben erfahren darf? Aus was für einem Grund habe ich das verdient? Habe ich etwas besser gemacht als andere? Hat es das Schicksal etwa gut mit mir gemeint, daß ich das hören darf?


Ich könnte noch x-beliebig weitere Passagen nehmen, der kraftübertragende Effekt bleibt der Gleiche (Min 9:40! Im Grunde alles bis Ende des 1. Abschnitts bei Min 17:30). In meinem Leben mußte ich schon viele Rückschläge hinnehmen, vieles einstecken, auch sehr viel Dreck aufnehmen, aber wenn ich etwas dermaßen Schönes und Bereicherndes hören darf muß ich sagen, daß ich nun doch ein Gewinner bin, jemand, der deswegen nie aufgehört hat, das Wertvolle zu verfolgen, aufzunehmen und wenn möglich selber anzuwenden. Letztlich konnte mich nichts wirklich brechen.



© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum