Licht in die Welt bringen

Ich kann mir kein seligeres Wissen denken, als dieses Eine: daß man ein Beginner werden muß. Einer, der das erste Wort schreibt hinter einen jahrhundertelangen Gedankenstrich. - Rainer Maria Rilke

Hier hat Rilke wirklich einen Nerv getroffen. Es geht sogar um weit mehr als wie gestern beschrieben die eigenen kleinkarierten Gewohnheiten. Was ich zu leben scheine, was jeder zu leben scheint, das sind doch nichts weiter als einem Zirkusäffchen beigebrachte Kunststückchen, die unhinterfragt einfach so nachgeahmt und geglaubt wurden, ohne je auf Sinngehalt erforscht zu werden.

Da ist z. B. die Lügenmoral der einzementierten Partnerschaften, die in eheähnlichen Vereinigungen jahre- wenn nicht lebenslang durchgehalten werden, weil es eben alle schon immer so gemacht haben und weiter machen. Ob das aber für einen selber wirklich praktikabel und erfüllend ist, auf diese Idee würde nicht mal im Traum jemand kommen.

Oder die gängige Vorstellung von Politik hier in Deutschland: Ein Sich-degradieren der Einzelnen und Aufgeben der Souveränität zugunsten einer übergeordneten, scheinbar viel wichtigeren Herrschaftsstruktur, die diese Machtübertragung maximal mißbraucht und all jene gängelt, die dem nun ausgeliefert sind, während die Eigenverantwortung für diesen Zustand unter den Teppich gekehrt wird.

Oder das religiöse Verbrechen, das an allen Generationen begangen wurde, die sich selber als Sünder brandmarken ließen für einen Mann, der vor zweitausend Jahren gestorben ist. Dafür soll man sich gefälligst schlecht fühlen, denn wer ist man schon, um selber frei, kraftvoll und glücklich zu sein? Das hast du doch nicht verdient, du unwichtiges, kleines Würstchen!

Ich könnte die Irrglauben noch endlos weiter fortsetzen. Der Punkt ist: Durschauen und Ansprechen, das ist wahrlich ein revolutionärer Akt. Es ist nicht selbstverständlich wahrzunehmen, das muß ich immer wieder schockierenderweise feststellen! Praktisch alle Meschen um mich herum haben nämlich noch nie etwas anderes gehört! Wenn man selber schon eine zeitlang auf dem Trip der Roten Pille ist, dann scheint es völlig normal und naheliegend, in allen genannten Punkten und vielen weiteren, hinter die Kulissen zu schauen und sich entscheidende Fragen zu stellen. Und dann geht man automatisch davon aus, daß es so sicher in einer ähnlichen Form so in anderen Menschen abläuft. Falsch gedacht!

Es ist sehr oft, daß ich wirklich entsetzt bin, wenn ich mitbekomme, was andere Menschen so von sich geben. Wenn die sich nur selber reden hören würden, denke ich dann. Oder: Wieso denkt dieser Mensch nicht mal eine Sekunde nach? Es klingt mysteriös, aber es ist wohl tatsächlich ein jahrhundertealter Bann, dem die Masse der Menschen erliegt, und dem nichts entgegenzusetzen ist. Wer es sehen kann, der ist draußen, ein für alle mal. Aber sein Leben wird eine Wirkung haben, ganz gewiß, eine revolutionäre sogar, nur nicht die, die er meint.

Wahrheit findet immer die Richtigen, selbst wenn diejenigen sich sogar nie begegnet sind, die sie teilen. Z. B. hat Tim K. in seinen Videos öfter mal das Wort "Invasion" benutzt, wenn er über die Massenimigration gesprochen hat. Ich kenne nur sehr wenige Leute, die das so benennen, aber ich glaube, daß es immer eine Wirkung hat, wenn Dinge klar und eindringlich beim Namen genannt werden. Es muß nicht spektakulär sein, nur griffig und verständlich. Von Mensch zu Mensch verbreitet sich so eine Erkenntnis, dessen Urheber diesen Menschen wohl für immer unbekannt bleibt. Aber auf den kommt es gar nicht an. Wichtig ist das Licht, das nun in der Welt ist, nicht der, der es in die Welt bringt.

© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum