Moral ist ein Lüge

Als ich heute auf der Baustelle den angebotenen Kaffee genommen habe, löste dieser Akt eine kleine Empörung unter den Anwesenden aus, weil ich nicht gleich auch an die anderen Leute dachte und ihnen zuerst die Tassen reichte, sie sich selber für ihren bücken müßten. Ich habe daran einfach nicht gedacht. Interessant war dabei, wie nicht nur die anderen versucht haben, mir deswegen ein schlechtes Gefühl zu geben, sondern wie auch ich tatsächlich geglaubt habe, deswegen ein böser, egoistischer und rücksichtsloser Mensch zu sein, der eben nur an sich denkt, nur sein eigenes Wohl für relevant hält, andere geringschätzen würde, usw. usf.


Die christliche Prägung hierzulande steckt doch mehr in meinen Knochen als ich gerne zugeben würde. Sei nett, hilfsbereit, liebevoll, denk zuerst an die anderen, den Nächstenliebe geht vor Eigenliebe, sei alles, aber ja kein Egoist, und ähnliche moralische Forderung sind geistige Dogmen, die diese Verhaltensweisen nicht als Möglichkeit vorschlagen, sondern als absolute Verpflichtung einfordern. Bin ich als Mensch jedoch vielleicht nicht in der Laune nach diesen Prinzipien zu handeln, so droht schneller als ich glaube soziale Verachtung und Verurteilung auf eine Art und Weise, die übler nicht sein könnte.


Glaube ja nicht, daß du als Einzelner hier irgendeinen Wert hast! Geschweige denn, wenn du meinst, du könntest wirklich irgendetwas über das Leben verstehen, Stolz ausstrahlen! Überlaß das mal lieber den Experten, Pfarrern, Professoren, Stars, die gehören bewundert. Du kleiner Furz jedoch, beweist deinen Wert erst dann, wenn du für dieses Gemeinwesen zu Kreuze kriechst, dort deinen Dienst möglichst bescheiden und demütig absolvierst. Wenn du Glück hast, kriegst du dann vielleicht auch mal nen Kaffee, oder Anerkennung, Lob oder auch mal Sex, denn besonders Frauen wissen genau, wer zu belohnen ist: Den in Gruppen Beliebten bzw. Konformen, aber nie den Aneckenden, individuell und freiheitlich Agierenden, denn der zerstört ja nur unsere ach so tolle Harmonie aus Licht und Liebe, unser ach so tolles Gemeinwesen, voller glücklicher, erfüllter, strahlender Gesichter.


Vor allem ist wichtig zu verstehen: Dieses Land ist voll von Leuten, die einen runterziehen wollen. Die es hassen, wenn ich selber glücklich bin, ohne bestimmte Anlässe oder Einhaltungen gewisser Gepflogenheiten. Der vielleicht mal nett zu anderen ist, und im anderen Moment vielleicht nicht, weil er eben spontan und nicht nach Prinzipien agiert. Besonders die Deutschen reagieren auf wirkliche Freiheit extrem komisch, da sie dadurch auch ihre eigene Falschheit gespiegelt bekommen und jenes - würden sie das an sich heranlassen - den Tod ihrer gesamten falschen Selbst- und Weltsicht bedeuten würde, womit auch die tiefe Angst zusammenhängt, sozial völlig isoliert zu werden.


Auch ich kenne das nämlich sehr stark von mir, da das eine sehr starke Suggestion ist: Die Angst davor, sozial nicht mehr dazuzugehören, abgelehnt zu werden, kein Teil mehr irgendeiner Gemeinschaft zu sein, die einem auf die Schulter klopft und einen bestätigt. Die Angst davor eben einfach nur ein Mensch zu sein, wie eine Hase auf der Wiese oder ein Fisch im Wasser, völlig banal, normal und ohne Wichtigkeit durch Anschluß an eine übergelagert wirkende Ordnung wie z. B. die deutsche Scheinwelt, an die sich die Menschen durch Radio und TV wie Junkies immer wieder andocken müssen, um nicht in der einfachen Wirklichkeit anzukommen, die eben meist auch sehr ruhig und unspektakulär ist.


Ich war z. B. gestern in der Mittagspause ein kleines Stück in einer kleinen Ortschaft spazieren, und genoß die Landluft, die Weizenfelder, wie auch den Blick auf die hügelige, leicht bewaldete Landschaft mit dem Schäfchenwolken-bespickten, hellblauen Himmel darüber. Es war idyllisch, unmöglich zu perfektionieren, und gleichzeitig so unfaßbar ruhig und klar. Nur in der Ferne hörte man vielleicht noch ein Auto die Landstraße entlangdüsen oder ein Vogel zwitschern. Mehr war da nicht.


Was machen aber die Deutschen? Sie wollen lieber gute Menschen sein, und machen in dieser arroganten Haltung alle Jahrzehnte immer wieder alles kaputt, wofür Generationen hart gearbeitet haben. Aber man ist ja ein guter Mensch, vor allem christlich erzogen, denn dann ist man ja fast schon guter als gut, übergut, megagut. Hauptsache das wird dargestellt, das ist wichtig. Ich muß immer lachen, wenn ich höre, was Leute alles wichtig finden. Die Lebensprioritäten sind völlig verkorkst: Männer haben zwar wenigstens oft noch die Arbeit, oder irgendein Handwerk in dem sie sich verwirklichen wollen (auch wenn das oft in völligem Sich-Verlieren im Tätigsein ausartet, ständig der Verstand tickert, ein Problem nach dem anderen gelöst wird, ohne jedoch jemals anzukommen: der sogenannte Erfolg als Karotte vor der Nase, auch wenn nie klar ist, was denn dann sein soll, wenn er denn tatsächlich mal da ist; was ändert das konkret? Ab welchem Einkommen/Kontostand ist man erfolgreich?), während bei Frauen bis zum Exzeß Beziehungs- und soziale Themen durchgenudelt werden, ohne jedoch jemals dort einen entscheidenden Durchbruch zu erzielen, der ergründet, was da eigentlich wirklich dahintersteckt, und daß diese ganzen Beziehungen im grunde wertlos sind, wenn nicht auch eine Wahrheit durch sie herauskommt, daß einfaches Tratschen und Geselligkeit meist nichts als Zeitverschwendung ist.


Sich von so einer Lügengesellschaft auch noch einreden zu lassen, ich wäre das Problem, grenzt fast schon an einen schlechten Witz. Dieser Dreck soll sich selber auffressen, in seiner eigenen Kloake vor sich hindümpeln, aber mir fehlt dafür mittlerweile immer mehr die Geduld und die Toleranz. Das Leben ist einfach viel zu schön, um sich auf so eine primitive Art einschränken zu lassen. Viel Spaß dabei, ich bin draußen!





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