Ramana Maharshi - Last tragen

Auf der Verstandesebene ist Ankommen unmöglich. Wenn du das machst, dies unterläßt, mich durchschaust, dann kommst du ein Stückchen voran, näher an dein Ziel, und nenne es sich Freiheit. An all diesen Manövern ist der Verstand gut zu erkennen.


Der Schlüssel ist schlichtweg: Bin ich mir all dessen gewahr? Sehe ich einfach, was da passiert? Wie eine Art sechster Sinn, der die ganzen mentalen Überlegungen nicht zu verändern versucht, sondern wie Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken einfach nur miterlebt, wie ein Eindruck eindringt. Für all die Sinneswahrnehmungen muß ja auch nichts gemacht werden, sondern sie werden viel eher passiv aufgenommen. Klar, für das Schmecken muß vorher das Essen zerkaut werden, aber der Schmeckvorgang der Zunge passiert ohne Zutun.


Der Macher ist die Krankheit.


Wenn Sie sich der Höheren Macht ausliefern, ist alles gut. Diese Macht ordnet alle Ihre Angelegenheiten. Die Ergebnisse Ihres Handelns fallen nur solange auf Sie selbst zurück, als Sie glauben, Sie wären der Handelnde. Wenn Sie sich stattdessen ausliefern und anerkennen, daß Ihr individuelles „ich“ nur Werkzeug der Höheren Macht ist, dann wird diese Macht Ihre Angelegenheiten samt deren Folgeerscheinungen übernehmen. Sie werden nicht länger von ihnen beeinflußt, und das Werk geht ungestört weiter. Es ändert nichts am Ablauf der Ereignisse, ob Sie diese Macht anerkennen oder nicht. Nur die Einstellung ändert sich. Warum sollten Sie Ihre Last tragen, wenn Sie in der Eisenbahn fahren? Sie befördert Sie und Ihre Last, ob Sie sie nun tragen oder ablegen. Sie erleichtern dem Zug nicht die Bürde, wenn Sie Ihre Last selbst tragen, aber Sie belasten sich unnötig damit. Entsprechend ist es mit dem Individuum, das sich für den Handelnden hält. -Ramana Maharshi, Gespräche des Weisen

Ich merke, daß freie Wahl mit das Schlimmste ist, was einem passieren kann: Rede ich mit diesem Menschen, gehe ich heute trainieren, was kaufe ich heute zum Essen, oder sogar: kündige ich meinen Job? Jeden Tag sind große, wie kleine Entscheidungen zu treffen. Normalerweise denke ich dabei, daß ich nun Pro und Contra abwäge, und dieser Denkprozeß irgendwann dann zu der Entscheidung führt, was passieren wird, wonach sich dann der Körper verhält, damit gewünschtes Resultat zustandekommt.


Bei genauerer Betrachtung ist der Denkprozeß der Wirklichkeit z. B. einer Regung im Körper nachgelagert: Zuerst ist der Hunger da, dann drehen sich die Gedanken über mögliche Einkaufsorte. Zuerst ist der Wille da, sich körperlich bewegen zu wollen, was dann zwangsläufig passiert; man müßte sich zwingen, es nicht zu tun. Interesse an einem Menschen ist entweder da, oder eben nicht, dann kann man aber auch nicht wirklich zuhören (der Verstand sagt dann gerne, daß man trotzdem aus Höflichkeit zuhören muß; auch das läßt sich beobachten). Ich führe einen Job aus, weil ich das will, und wenn nicht, dann wird auch dieser Wille sich im selben Moment in einer Kündigung zeigen. Selbst wenn jemand sagt, er will das nicht, so will er es letztlich doch, weil er es weiterhin macht. Natürlich gibt es Situationen, in die man gezwungen wird, z. B. Steuer- oder Strafzahlung, aber wenn das so ist, dann ist sowieso klar, daß da nichts zu machen ist, und reibt sich nicht.


Worauf das Zitat von Ramana hinaus will, ist, ein Beenden jeglicher Selbstquälerei, weil das, was passiert inklusive des eigenen Fühlens, Denkens und Handelns nichts ist, das von einem Ich zu seinem Gunsten zu beeinflussen wäre, sondern ein Welt-Prozeß ist, wo alles zeitgleich so geschieht, wie es geschehen muß. Es ist sogar eigentlich völlig egal, was genau passiert, selbst wenn man als Penner unter einer Brücke lebt. An sich ist da kein Problem vorhanden. Wenn einem kalt wird, sind wir wieder bei dem Punkt: Körperempfindung diktiert, was zu tun wäre wie z. B. Wärme aufzusuchen.


Das Denken ist eben auch Teil dieses Zugs, und hat deshalb nichts Persönliches an sich. Niemand denkt, sondern was passiert sind Reaktionen auf tatsächliche Begebenheiten. Es kann jederzeit beobachtet werden, daß kein blasser Schimmer darüber herrscht, was einem die nächsten Sekunden oder Minuten durch den Kopf gehen wird. Man kann sich ja vornehmen über etwas Bestimmtes nachzudenken, oder z. B. gar nicht zu denken, und wird merken, daß es nicht geht. Gerade habe ich z. B. eine Textpassage gelöscht, weil ich sie nicht mehr passen fand. Hätte das vorher nicht so gedacht, weil ich es da noch gut fand. Das Experiment kann jeder für sich anstellen.


Wichtig zu verstehen, ist, daß dieser Zug bzw. die Welt nirgendwo hinfährt bzw. -führt. Wohin sollte sie am Ende führen? Zum großen Endknall? Viel Utopien haben sich mittlerweile als Idiotien herausgestellt, die so gar nicht eintreten können wie z. B. Kommunismus. Wieso? Weil die Natur das gar nicht braucht, so schon in Harmonie ist. Und der Mensch ist da genauso, scheint das aber durch das Ich-Mensch-sein irgendwann vergessen zu haben, und nun auf völlig abstruse Art und Weise da wieder ankommen zu wollen, indem diese Wahn-Ideen der Wirklichkeit übergestülpt werden sollen. Zum Glück kann man nur sagen, zum Glück braucht es sie gar nicht. Man kann sich bereits jetzt häuslich einrichten, und sich den ganzen, unnötigen Rest sparen.

© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum