Sagen, was ich denke

Letztens in einer Folge Dr. House:


Ein Mann wird eingeliefert. Er hat eine schwere Störung: Er sagt, was er denkt...

Kollegen, Ehefrau, und auch die Ärzte sind aufgebracht. "Wie kann er nur". Nichts könnte schlimmer sein, als das. Tränen fließen, Gefühle werden verletzt, alle fühlen sich betroffen, bis der Tumor endlich entfernt wird... Endlich Ruhe. Alle lieben sich wieder.


Die Art wie dieses Thema aufgebracht wurde, ist wirklich genial, denn wer hat nicht Angst davor wirklich zu sagen, was er denkt? Wer macht sich nicht darüber Gedanken, was andere von einem halten? Jeder, der behauptet, es sei ihm egal, der lügt in meinen Augen. Ob man will oder nicht: Es beschäftigt einen irgendwo.


Die Frage ist: Was hat es nun mit mir zu tun, was ein anderer von mir denkt, und das eventuell sogar ausspricht? Muß es deswegen etwa automatisch stimmen? Natürlich nicht. Wenn es mich betroffen macht, so muß ich doch fragen, wieso ich mich so fühle, wieso ich dem Gesagten so eine Bedeutung beimesse.


Kritisiert jemand z. B. mich, meine Art, meinen Blog so muß ich doch erstmal schauen, ob Aussagen so überhaupt fundiert und berechtigt sind. Wenn nicht, so können mir die Aussagen doch völlig gleich sein. Wenn ja, dann kann ich schauen, ob da vielleicht neue Möglichkeiten für mich rausspringen können, etwas anders und besser zu machen. Wenn es nur Beleidigungen sind, dann brauche ich das sowieso nicht ernstnehmen. In allen Fällen bin ich frei.


Etwas, daß ich so nicht immer von mir kenne. Es gab da mal einen Fall in meiner Jugend, der mich damals sehr aufgebracht hat: In den Sommerferien habe ich oft mit den Nachbarskindern draußen gespielt, und dabei immer an den Türen geklingt, ob jemand rauskommen möchte (damals waren Handys und Smartphones noch nicht so verbreitet). Jedenfalls machte bei einem niemand auf, und so spielte ich nur mit einem anderen Jungen. Später kam der andere, bei dem wir vorher klingelten, an uns vorbei, ignorierte uns aber aus Trotz als wir ihn begrüßten. Er meinte dann, wir hätten ihn nicht herausgerufen, was wir aber eigentlich vorher versucht haben. Er war beleidigt und sauer. Ich fühlte mich irgendwie verantwortlich und es gab einen Riesenkrach, der damit endete, daß ich heulend nachhause ging.


Der Fehler wird mir erst langsam bewußt: Ich habe mich für etwas verantwortlich gefühlt, daß gar nichts mit mir zu tun hatte. Die Klarheit, die ich ja durch mein faktisches Handeln, nämlich das Klingeln vorher, hatte, habe ich durch das Glauben unberechtigter Vorwürfe verwässern lassen. Da war nur noch ein abgehobener, aufgebauschter Gefühlswall komplett entkoppelt von den Fakten. Ich habe nicht verstanden, daß wenn ich selber in meinen Aktionen und Taten klar bin, mit dem, was der andere da empfindet, absolut gar nichts zu schaffen habe. Wenn derjenige sich beleidigt und übergangen fühlt, dann muß er damit klarkommen, nicht ich. (Außerdem natürlich: Wieso war ich überhaupt gezwungen, ihn herauszuholen? Das war doch alleine seine Forderung... . Auch: Wieso habe ich überhaupt gemeint, mit diesem Menschen befreundet sein zu müssen, und deswegen dann leide, wenn etwas nicht mehr paßt.)


Wie dem auch sei: Dieser ganze Beziehungs-Eiertanz ist das verstanden für immer beendet. Nie wieder Streit, nie wieder Vorwürfe, nie wieder Ego-Kriege für mich. Was zählt sind nur die Tatsachen, und nicht wie sich jemand fühlt. Auch alle Meinungen sind damit vom Tisch, die die Menschen sonst ja immer für wichtig halten.


Auch ein wichtiger Punkt: Das verlogene Spiel in der Gesellschaft ist, den, der Tatsachen ausspricht, als schuldig zu erklären. Nicht die angesprochenen, faktischen Begebenheiten werden dann genauer untersucht, sondern derjenige als Unruhestifter in eine Außenseiterposition gedrängt, der es wagt seinen Mund aufzumachen.


Natürlich ist es oft auch besser, zu schweigen, nichts zu sagen bzw. es so zu formulieren, daß sich niemand angegriffen fühlt, weil es meist tatsächlich nur zu Ärger führt. Aktuell z. B. stark wenn es um politische Themen gibt, oder um allgemein angenommene Behauptungen. Ich habe schon lange aufgehört, bei den durchschnittlich Informierten - wenn ich merke, daß sie von ihrer Sicht absolut überzeugt sind - irgendeine neue Sicht anzubieten. Entweder ich wechsle dann das Thema oder verabschiede mich, was sicher auch berechtigt ist.


Authentisch zu sein soll nämlich nicht heißen, ständig beleidigend oder gefährlich zu werden. Nur angemessen zu agieren, bzw. für einen selber möglichst im Einklang und im Klaren mit den Tatsachen zu sein, was im grunde auch jede mögliche Verhaltensweise mit einschließt, selbst negativ assoziierte wie Wut, Lachen über dummes Verhalten und ähnliches. Wer sich dann nämlich attackiert fühlt, der muß das mit sich ausmachen, und nicht die Ausdrucksfreiheit als solche hinterfragt werden.

© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum

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