Was ist eine Diktatur?

Das Wort Diktatur wird im Zusammenhang der momentanen Beschaffenheit der Bundesrepublik besonders in alternativen Kreisen recht häufig, und sicher auch zurecht benutzt. Was macht jedoch eine Diktatur aus? Was ist die reale Bedeutung dieses doch sehr drastischen Begriffs?


Diktatur kommt ja von Diktat, und da fällt mir immer sofort die Übung in der Schule ein, bei der der Lehrer Sätze vorgibt, die die Schüler möglichst richtig schriftlich nachbeten sollen. Da gibt es keinen Freiraum in der Interpretation oder Satzbildung, sondern alles muß exakt so sein, wie vorgegeben, um in dem gegebenen Rahmen Lob, Anerkennung oder eine gute Zensur zu bekommen.


Das Diktat ist vielleicht mit eine der effektivsten Gehorsamsmethoden in der Schule, denn eigenes Denken wird damit nicht gefördert, schon gar nicht eigene Schöpferkraft und Inspiration angeregt, sondern es muß schlichtweg nichts weiter getan werden, als aufmerksam zuzuhören und wiederzugeben, wie es z. B. auch Papageien tun, die genauso menschliche Töne wiedergeben können, ohne jedoch zu verstehen, was sie da eigentlich sagen. Das einzige, was möglicherweise gelernt werden kann, ist richtige Rechtschreibung, aber die kann auch anders gelernt werden, braucht kein Repititieren von Texten, die meist sogar total uninteressant für einen selber sind.


So ähnlich wie im Diktat läuft das mit den jungen Leuten in dieser Art Gemeinwesen, die genauso jeden Tag, wie ich schon gestern beschrieb, mit Lügen bombadiert werden, die sich aber alle als alternativlos geben. Es gibt nur diese eine Sichtweise. Daran merkt man das Diktat. Es müssen noch nicht mal andere Sichtweisen offiziell verboten werden, denn die tauchen gar nicht auf. Die gibt es schlichtweg nicht. Es gibt nur diese eine, propagierte und als wahr verkaufte Sicht, denn schließlich weiß das doch jeder und es ist ja total offensichtlich, daß es so ist.


Die Art, wie wir zusammenleben: Muß so sein. Jeder lebt so, schon immer. Etwas anderes kann es deswegen gar nicht geben. Damit meine ich z. B. die Ehe- oder Familiendoktrin, die eine eisern durchgezogenen Einheits-Massen-Denke ist, die so durch die Natur noch nicht mal begründet ist; auch viele kritisch dem System gegenüberstehende, sind völlig diesem Dogma erlegen, was vor allem daran zu erkennen ist, daß sie keine alternativen Lebensmodelle kennen, ja noch nicht mal im Traum darauf kommen, daß so etwas möglich ist, und daß so etwas auch durchaus sinnvoller sein könnte (Nur als Beispiel: Es gibt in Afrika oder in der Südsee ganz andere Arten des Zusammenlebens, nicht als isolierte Familiengruppe sondern mehr in einer Art Sippschaft, in der alle Kinder von allen aufgezogen worden, nicht nur vor allem auf ihren Eltern hocken. Es gibt auch Lebenmodelle, wie sie in bestimmten Kommunen praktiziert wurden, in denen es keine feste Partnerbindung gab, da keine Verpflichtungen herrschten.). Damit sage ich nicht, daß Familienleben an sich schlecht ist. Ich sage nur: Kennst du auch Alternativen, oder bin ich jetzt hier der Erste, der eine mal nennt? Wenn du eine kennst, und du lebst trotzdem das gängige Modell, dann bist du nicht Opfer des Diktats, sondern dein Horizont ist und bleibt weiter, du siehst mehr, auch wenn du äußerlich nur eine Sache real lebst, weil es z. B. nicht genug Gleichgesinnte gibt. Du hast aber nicht mehr ein Brett vor dem Kopf, sondern die Ketten deines Verstands bereits gesprengt.


An dem Beispiel sieht man sehr gut, daß eine Diktatur noch nicht mal Gewalt anwenden muß, wenn sie sich sicher ist, daß das Verinnerlichte auch sitzt. Dann scheint alles toll, friedlich und angenehm, aber ist es das wirklich? Sind die Leute wirklich so glücklich, mit dem Diktat? Warum aber lassen sich so viele Paare wieder scheiden, warum gibt es so viele Alleinstehende, Verbitterte oder sogar heimliche Affären, wenn dieses Lebensmodell angeblich so überzeugend und richtig ist? Sicher, es kann für den ein oder anderen funktionieren, aber daß es alle so machen, sollte einen erst recht stutzig machen, ob das tatsächlich auf freiwilliger Entscheidung beruht, oder nicht doch eine Vorgabe des von der Kultur konditionierten Verstandes ist, der keine Alternativen kennt und auch nicht will.


Die Alternative ist der Todfeind des Diktats. Und außer Verbot gibt es keine Möglichkeit, diese aus der Welt zu schaffen. Wobei das Verbot umso mehr das aufbauscht, was zu verhindern versucht wird, weil das, was verboten werden soll, durch das Verbot, umso mehr Aufmerksamkeit bekommt. Am effektivsten ist hierbei also das Totschweigen der Alternativen, denn existieren sie nicht im Bewußtsein, so sind sie auch keine Bedrohung mehr.


Wenn also die Diktatur bereits im Bewußtsein etabliert wird, so ist damit auch klar, daß Freiheit nicht irgendwie im außen zu erlangen ist, sondern vor allen Dingen erst einmal im Bewußtsein aufkeimen muß, um real zu werden. Benötigt wird die freie, offene Aufmerksamkeit, die sich nicht binden läßt. Das ist auch das Thema, das mir bei der Russin aufgefallen ist, die ich auf der Demo kennengelernt habe, und mit der ich mich nun auch auf Telegram austausche: Sie reibt sich sehr daran, was ihre Tochter da in der Schule erlebt, allgemein, was alles zurzeit im Rahmen der Maßnahmen auf uns einwirkt. Sie ist völlig gebannt von den Plakaten, Zeitschriften oder Zeitungen, die regelmäßig Propaganda präsentieren, wie ich ihr auch zustimmen muß. Doch wieso sollten mich diese Berichte fesseln? Was erwarte ich denn von diesen Schreibern in diesen Gazetten? Daß sie die Wahrheit berichten? Wieso sollten sie das tun? Im selben Moment, wo ich das erwarte, peinige ich mich selber doch unnötig, völlig ohne Grund. Ich muß doch diese Zeitschriften mit ihren Irrtümern gar nicht lesen, und selbst wenn ich irgendwelche Plakate in der Innenstadt zwangsweise kurzzeitig aufnehme, so weiß ich doch, daß nicht stimmt, was da propagiert wird, weil ich die Fakten kenne. Und das eigentliche Problem, das haben doch die Leute, die nicht die Fakten kennen, weil sie in einer Scheinwelt leben, die ihnen früher oder später auf den Kopf fallen wird. In deren Haut möchte ich nicht stecken. Ich tue nichts weiter, als mich selber unfrei zu machen, wenn ich das wichtig nehme, worauf ich sowieso keinen Einfluß habe und etabliere so eine Diktatur in mir.


Natürlich sind die Zustände momentan an Zwanghaftigkeit kaum zu überbieten. Das gegenseitige Überwachen auf Konformität ist wirklich auf einem unheimlichem Level angelangt. Doch keiner dieser Leute zwingt mich letztlich zu was. Ich halte mich nur an die Regeln, weil ich weiß, daß ich mir ansonsten ziemlich viele Probleme an den Hals binden würde, wofür mir aber meine Zeit und Energie zu schade ist, die ich lieber anderweitig nutzen möchte. Deswegen zahle ich auch einfach die Rundfunk-Gebühr, weil ich nicht den Nutzen sehe, da große Kämpfe auszutragen, die am Ende nur Streß bringen und Nerven kosten, allein damit ich am Ende sagen kann, daß ich recht habe. All diese Zwangsvorgaben machen mich noch lange nicht unfrei, wenn ich sie befolge, denn ich sehe durch sie hindurch, weiß, daß es eben die Einschränkungen sind, die in dieser Kultur, an diesem Ort, in dieser Zeitperiode, in diesem Zeitgeist einzuhalten sind; ich glaube jedoch nicht an sie, wie viele Mitläufer, denn sie sind nicht absolut und immer gültig, was ihre Bedeutsamkeit drastisch verringert. Dafür einfach mal die Grenze überqueren, und schon gelten andere Regeln (daran sieht man sehr gut, wie der Verstand arbeitet: Er hält mentale Richtlinien für realer als die Wirklichkeit). Auf der kulturellen, gesellschaftlichen Ebene ist ohnehin nie endgültige Freiheit zu erringen. Oder hatte die französische Revolution tatsächlich einen nachhaltigen Effekt, was die Optionen und Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen anging? Kam nicht irgendwann mit Napoleon der nächste Tyrann, der ganz andere Dinge vom Volk einforderte als die Könige davor je konnten?


Aber ich bin kein Geschichtsexperte. Mir war es wichtig aufzuzeigen, was genau eine Diktatur ist, und wie damit umzugehen ist. Das hat gar nicht so viel mit den Umständen zu tun, sondern vielmehr mit meiner Bereitschaft über Zwänge, Gewohnheiten und festgefahrene Sichtweisen hinauszusehen. Erst, wo ich da Neuland betrete, fängt die Freiheit an, nicht bei Widerstand gegen äußere Regularien.


© 2020 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com, Impressum