Wenn alles ganz schwer scheint

Bei einer Nachbarin habe ich zufällig folgendes Lied mitbekommen: Bye bye von Cro. Vor ein paar Jahren habe ich mir ihn und seine Lieder auch gerne angehört, denn er hat immer irgendwie einen Nerv getroffen, der junge Leute bewegt.


Die ersten Textpassagen sind mir hängengeblieben, denn ich empfinde sie komplett anders als noch vor ein paar Jahren:


Es ist ein unglaublich schöner Tag
Draußen ist es warm
Er ist auf dem Weg nach Hause mit der Bahn
Schaut aus dem Fenster und lässt Gedanken freien Lauf
Lehnt sich ganz entspannt zurück
Denn er muss lange noch nicht raus

'n paar Menschen steigen ein, andere wieder aus
Er wechselt grad das Lied
Und plötzlich stand da diese Frau
Und er dachte sich "Wow"
Sagte: "Klar, der Platz ist frei"
Sie lachte und er dachte sich nur

Bitte komm
Sprich sie an
Das ist das Schönste, was du je gesehen hast
Und sie hat sicherlich keinen Mann
Stell dich nicht so an 
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Doch alles, was man hört ist mein Herzschlag
Bamm!

Was soll ich nur sagen
Irgendwas knockt mich aus
Ich bin ein Versager, weil ich mich doch nicht trau'
Mein Kopf ist voller Wörter, doch es kommt nichts raus
Sie steht auf
Und steigt aus

Bye bye, bye bye meine Liebe des Lebens
Und ja, wir beide werden uns nie wieder sehen
Kann schon sein, dass man sich im Leben zweimal begegnet
Doch es beim zweiten Mal dann einfach zu spät ist

Jeder Mann kennt sicher diese Stimmung, die er hier in diesem Lied zu beschreiben versucht. Auch ich kenne sie sehr genau, und habe mich deswegen davon sehr angesprochen gefühlt. Diese Zwickmühle, die dann erfordert: Du mußt was machen, dir selber beweisen, daß du über deinen Schatten springen kannst.


Stell dich nicht so an! ... Ich bin ein Versager, weil ich mich doch nicht trau'


Was hier Männer mit sich machen ist wirklich an Grausamkeit nicht zu überbieten. Die ganze Bürde und Verantwortung des Sich-kennenlernens läßt man sich aufstülpen, und nimmt sie auch noch bereitwillig auf sich! Keiner kommt auf die Idee: Wieso muß der Mann den ersten Schritt machen? Wer sagt das?


In jedweder Hinsicht sind Männer und Frauen in dieser Gesellschaft gleichberechtigt, aber in diesem Aspekt wird von Männern alles abverlangt, der ganze Prozeß des Sich-kennenlernens soll von ihnen ausgehen, während die Frauen völlig passiv und unbeteiligt bleiben und das Nicht-Zustandekommen eines Kontakts auf das Versagen des Mannes schieben, der wohl einfach zu wenig Mut aufbringt, zu wenig "Eier in der Hose" hat, den ersten Schritt zu machen.


Diesen Irrtum mal aus dem Weg zu räumen ist mehr als überfällig, denn nur damit hört endlich diese Selbstfolter auf, die viele junge Männer meinen ausstehen zu müssen. Denn besonders die empfindsamen Männer trifft das sehr, weil nur sie die Unsicherheit und Wagnis im Kontakt haben, denn die Holzköpfe, die haben das Problem nicht, weil diese sowieso wie eine Dampfwalze über sich und andere fahren, nichts von sich riskieren und einbringen, weil sie nichts haben. Die haben dann auch kein Problem, Frauen ihren Willen aufzudrücken (was die Frauen dann als männlich oder stark fehlinterpretieren, in Wahrheit aber nur Plumpheit, Abgestumpftheit und fehlendes Spüren ist).


Der empfindsame Männertyp hat eben ein reichhaltiges Innenleben, welches er ja durch eine Kontaktaufnahme aufs Spiel setzt, indem er sich öffnet. Jedes Fünkchen Unsicherheit und Zweifel sind da doch völlig berechtigt und natürlich, niemals ein Versagen. Ganz im Gegenteil: Verletztlichkeit ist hier die eigentliche Qualität, die in der Erotik erst einen tieferen Kontakt ermöglicht.


Was in Frauen vorgeht, kann ich hier leider nicht beurteilen, weil ich das Geschlechterleben natürlich nicht aus ihrer Sicht erfahre. Mir scheint es aber jedenfalls nicht sehr ausgewogen, wenn einzig und alleine Männer schuld daran sein sollen, daß ein Kontakt nicht entstehen kann. Ganz im Gegenteil: Ich sehe bei vielen Männern eine sehr hohe Bereitschaft, ihr Ego hinter sich zu lassen, und Schritte auf Frauen zuzugehen. Diese innere Bereitschaft sieht man ja z. B. eben an diesem Lied, was dieses Innenleben sehr genau beschreibt und thematisiert, mitsamt der ganzen Energie, die da mitschwingt.


Die spätere Beschreibung im Lied, was die Frau in so seiner Situation denkt, bestätigt leider genau das, was ich eben beschrieben habe:


Es ist ein unglaublich schöner Tag
Draußen ist es warm
Sie hat Bock auf Shopping also in die Stadt
Sie braucht so Sachen, die Frauen halt eben brauchen
'nen Bikini, 'ne neue Tasche und außerdem will sie schauen

Also los, ab in die Bahn
Sie zieht sich nen Ticket
Vier Siebzig für die Fahrt
Ist ja ganz schön hart
Doch dann sieht sie diesen Typ
Findet ihn süß
Setzt sich extra zu ihm hin und denkt sich

Bitte, bitte, bitte komm
Sprich mich an
Es ist ganz egal, was du jetzt sagen würdest
Ich spring darauf an
Also komm (komm)
Du bist mein Mann (Mann)
Wir gehören zusammen (sammen)
Wenn nicht jetzt, wann (dann)?

Ich hör mein Herz, Bamm! Was soll ich nur sagen
Irgendwas knockt mich aus
Soll ich es wagen, falls er sich doch nicht traut?
Mein Kopf ist voller Wörter, doch es kommt nichts raus
Ich steh auf
Und steig aus

Bye bye, bye bye meine Liebe des Lebens
Und ja, wir beide werden uns nie wieder sehen
Kann schon sein, dass man sich im Leben zweimal begegnet
Doch es beim zweiten Mal dann einfach zu spät ist

Wieso muß er sie ansprechen? Müssen sich etwa auch nur Jungs im Unterricht melden, während die Mädchen immer nur passiv dahocken, und warten bis sie aufgerufen werden? Was für ein Blödsinn!, kann ich da nur sagen. Natürlich kann auch die Frau den Mund aufmachen, wenn ihr danach ist. Oder irgendetwas fallenlassen, nach einem Taschentuch oder der Uhrzeit fragen. Sicher, der Mann kann das auch machen, aber wieso wird dieser erste Schritt immer nur vom Mann erwartet, während die Frau diesen Druck nicht zu haben scheint?


Ich denke auch, daß Cro mit diesem Text natürlich auch nur seine Vermutung beschreibt, was in der Frau vorgeht. Was in Frauen wirklich vorgeht, bleibt wohl für immer ein Geheimnis (wer vielleicht eine Schilderung kennt, wo eine Frau ehrlich von sich spricht, der möge mir dazu gerne ein Mail schicken; würde mich interessieren).


Ob sie nämlich wirklich will, daß er sie anspricht, wage ich zu bezweifeln. Denn vor allem in alltäglichen Situation sind die meisten Frauen meinem Gefühl nicht unbedingt auf Kennenlernen von Männern aus. Ansonsten würden sie einen sicher auch mal ansehen oder Signale geben. Wie gesagt: Wenn sie es wirklich wollen. Dann gäbe es auch sowas wie ein Kontaktproblem gar nicht. Dann wäre alles auch nicht so schwer und quälend, sondern leicht und freudig.


Wenn zwei offene Menschen aufeinandertreffen, gibt es sowas wie ein Kontaktproblem gar nicht. Sieht man ja auch bei Kindern, die spontan auf dem Spielplatz miteinander spielen, obwohl sie sich vorher noch nie getroffen haben. Da muß sich auch kein Kind überwinden, auf andere Kinder zuzugehen. Wenn es vielleicht schüchterner ist, spielt es eben nur alleine in der Nähe, und ehe man sich versieht, spielt es irgendwann mitten unter den anderen Kindern und lernt sich kennen. So ging es mir nämlich früher oft.


Worauf ich hinaus will: Man kann sich diese düstere Selbstschinderei als Mann endgültig und final sparen. Wenn eine Frau offen ist, wird man das merken und alles geht seinen natürlichen, spontanen, freudigen Gang. Da müssen keine Wände niedergerissen oder Mutproben auf sich genommen werden. Frauen, die solche Wände um sich herum bauen, nicht tangiert und belästigt werden wollen, die sollte man ohnehin weiträumig umgehen und sich selber überlassen, denn würde man die kennenlernen, hätte man ganz andere Probleme an der Backe, als nur die innere Folter beim Kennenlernen.


Wo es spielerisch und leicht ist, da wartet die Wahrheit. Und wenn man solche Frauen, mit denen das möglich ist, nicht antrifft, dann erlebt man Freude halt eben mit offeneren Menschen, mit Tieren oder mit Kindern, die da mitschwingen und froh sind, diese Seinsart teilen zu können.















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