Nonkonformität

01/03/2018

Durch das spontane Laufen entsteht automatisch ein Akt des Ausstiegs aus einem zivilisierten, akzeptierten Schema X, an das sich alle anpassen. Ich habe das gemerkt, als ich bei Erledigungen in der Stadt einfach losgezogen bin, und für eine gewisse Strecke ziemlich mühelos vor mich hingelaufen bin. Es ist wie wenn man allen, die vor sich hintraben (und vor sich hinleben) ihre lebensunwillige, apathische und gelangweilte Art vor's Gesicht hält und sie gleichzeitig spielerisch dazu animiert, da rauszukommen. Das Laufen zeigt nämlich gleichzeitig die Lösung auf, die leicht und gewitzt ist. Im selben Moment, wo ich damit spiele, belohne ich mich schon selber.

 

Irgendwann konnte ich jedoch spüren, wie mein Waden es nicht gewohnt sind diesen Federungseffekt an den Tag zu legen, denn durch den Natürlichen Laufstil werden nun auch Muskelpartien benutzt, die davor nie genutzt wurden. Das ist so meine Vermutung, denn ich glaube nicht, daß ich da viel falsch gemacht habe. Und in Alltagsklamotten bin ich auch ziemlich schnell ins Schwitzen geraten. Aber eine gewisse Strecke zu laufen, gibt einem nochmal einen ganz anderen Eindruck von der Innenstadt, einen Gesamteindruck, so als wäre ich dabei an allen Orten gleichzeitig, während ich mich bewege.

 

Ab Nachmittag befand ich mich dann in der Handballhalle und ich saß anfangs auf der Zuschauertribüne. Statt der Spiele, die unten stattfanden, interessierte mich mehr die Agilität der Kinder auf dem Gang vor der Tribüne. 5 bis 7 Kinder verschiedenen Alters zwischen 3 und 9 haben da herumgetobt und sind auch regelmäßig, so als wäre das vollkommen selbstverständlich, hin- und hergesprintet. Es war auch immer ein Spiel miteinbezogen, manchmal hielt der eine, den anderen am T-shirt und sie spielten Pferd und Reiter, ein andermal gab es den Hopserlauf oder sie sprangen die Treppen rauf und runter. Da gab es keinen Zwang, kein Kollektivdruck, sondern der Spaß war der Antrieb. Ganz anders als das Warmlaufen vor den Handballspielen: Alle in einer Reihe, im selben Tempo, die selben Übungen gleichzeitig. So gesehen ziemlich krank.

 

Mit dieser Inspiration ging ich mit der gesamten Herrenmannschaft nun etwas in der Umgebung der Halle spazieren. Mich hat das jedoch gelangweilt, also habe ich dabei mit verschiedenen Gangstilen experimentiert. Ich wollte einfach herausfinden, was denn überhaupt die natürliche Art zu gehen wäre. Teilweise bin ich dann im Hopserlauf bis zu 50m vorgehopst, während alle noch hinten getrabt sind. Ich fühlte mich ziemlich locker in dem Moment, der Körper fühlte sich sehr wohl, ja fast schon heimatlich an. Beine und Arme waren verspannungsfrei (vielleicht spielt da auch die Kundalini-Meditation eine Rolle), oberer Rücken jedoch nicht wirklich.

 

Jedenfalls bin ich also fast immer voran oder neben der Gruppe gegangen, ich habe gemerkt, daß über mich getuschelt wird. Das bestätigte meinen Verstand in seinen Zweifeln. Mir fiel auf, daß der Verstand wirkliche Freude haßt. Es hat einfach viel zu viel Freude gemacht nonkonform zu sein, auch wenn mich alle für bekloppt hielten. Sollen die doch kommentieren, was sie wollen. Einer hat gemeint, er wolle auch das Zeug nehmen, was ich genommen habe. Aber ich habe ihn nur zum Mitmachen ermuntert, und wenn er das nicht will, dann ist es sein Problem.

 

Es war wirklich lustig, und ich hatte schon sehr lange nicht mehr diese spielerische Freude empfunden. Dieses normale Gehen wie alle anderen, nur um nicht aufzufallen, wie öde und uninspiriert! In „Der Club der Toten Dichter“ gibt es ja auch die Szene, wo der Lehrer die Schüler dazu auffordert, die konforme Gangart zu durchbrechen und den eigenen Stil zu finden. Daran konnte ich mich dann auch wieder erinnern. Das Aussteigen aus diesem Einheitsblock ist nicht schwer, nicht hart, nicht selbstquälend, sondern es ist echt nichts anderes als das Wiederentdecken der unverfälschten Kindlichkeit, die Spaß macht, und keinen Pfifferling auf etwaige Beobachter nimmt. Die sind doch echt die armen Würstchen hier, die alleine aus sich heraus keine Freude empfinden können, sondern sich immer auf andere stützen und berufen müssen, andere herunterputzen oder lustig machen müssen, mit ihrem unechten, falschen Lachen, damit sie überhaupt was in ihrem Leben haben.

 

Letzten Endes, fast zum Schluß des Spaziergangs, hat sich dann doch jemand angeschlossen und auch kurz probiert, wie es ist, seinen eigenen Gang zu gehen. Man kann wirklich niemanden dazu zwingen oder überreden, wer will sich denn schon was sagen lassen? Dazu muß auch der Verstand mit seinen Sabotage- und Einflüsterungsversuchen durchschaut werden, der die Scheinsicherheit in der Menge bevorzugt. Und diese Menschen sind ja ihr Verstand, v. a. sind sie in meinem Verstand; die Zweifel, die sie äußern, sind ja schließlich nur meine Zweifel, denn sonst wäre es mir ja egal (Was würde es mich denn kümmern, wenn jemand sagt ich wäre fett? Mir wäre es egal, denn so etwas denke ich gar nicht über mich.)

 

Das Natürliche Laufen oder spielerisches, freies Bewegen an sich ist schon die Revolution, gefühlsmäßig eher ein Schlüpfen aus dem Ei, in eine neue, hellere, frischere Welt. Und das Gute ist, ich kann aus mir heraus Freude daran empfinden, brauche dazu keinen, kann es überall und jederzeit machen und vor allem ist es nicht nur im Kopf, es sind nicht nur neue Gedanken, sondern diese Emanzipation ist ganz konkret im Körper. Und dadurch ordnet sich automatisch alles andere, ich bin lockerer im Umgang mit Menschen, mit Tieren, mit Aufgabenstellungen im Leben.

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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