Alte Pinakothek

11/06/2018

 

Die Gemälde ziehen mich doch ziemlich in einen Bann. Diese alten Abbildungen, vor allem die von realen Begebenheiten oder von Menschen, von Jagd, von Landschaften, Porträts, Gruppen von Leuten, von vor 500 Jahren, sie alle wirken sehr vertraut. Auch damals lebten Menschen, und in ihren Gesichtsausdrücken, ihren Mimiken zeigen sich genauso die Antriebe und Hoffnungen von Menschen aller Zeiten.

 

Die Maler bilden so etwas Zeitloses ab, etwas, daß uns alle im Kern betrifft. Es wirft gleichzeitig auch die Frage nach der Endlichkeit dieser Existenz auf, und dem Drang, keine Sekunde dieses kostbaren Augenblicks zu vergeuden, denn all die Personen auf den Bildern sind weg. Ein Gemälde ist so quasi eine Fotografie eines flüchtigen Moments, und unser ganzes Leben ist von der Basis betrachtet nichts weiter als eine Abfolge genau dieser Abbildungen, alles nur scheinbar in Bewegung.

 

Wie gesagt, das, was zeitlos ist, eben auch wie die Natur des Menschen, war schon immer gleich, auch immer schon gleich beschränkt, und doch auf ihre Art schön. Angst, Verärgerung, Neid, Belustigung, Haß oder Zuneigung, alles nur festgehaltene Fotografien. Peter Paul Rubens z. B. hat das immer sehr gut getroffen in seinen Porträts (Selbstporträt: Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube (1609)). Auch die Landschaftsaufnahmen von Claude Lorrain mit dem Einfluß der klassischen Bauwerke am Bildrand erzeugen genauso eine natürliche Qualität, die einen bereichert staunen läßt (Die Verstoßung der Hagar (1668)).

 

Eine Abbildung bildet einfach ab, ohne Bewertung; sie zeigt einfach das, was ist. Genauso wie ich jetzt an der Universität sitze, und diese Zeilen schreibe und die Menschen auf der Straße flanieren und die Autos die Straße passieren sehe, genauso kann dieser Eindruck festgehalten werden, durch Innehalten, oder durch ein Foto, ein Gemälde oder wie hier eine schriftliche Dokumentation. Dieser eine Moment wird ewig neu beschrieben werden können.

 

Der Mensch hat sich so gesehen auch nie wirklich verändert, fällt mir durch die alten Gemälde auf. Nur die äußere Form, die Kleidung, die Fortbewegungsmittel, die Art zu wohnen, die hat sich geändert, aber die Art wie Glaubenssätze wirken, die ganzen inneren Antriebe nach Glück, die verschiedenen Ängste, vor allem auch die sexuellen Hoffnungen zwischen den Geschlechtern, die sind seit eh und je die Gleichen. Auch die Abbildungen von Besäufnissen zeigen, daß es genauso schon einst eine starke Tendenz im Menschen zur Besinnungslosigkeit und Selbstvergessenheit gab.

 

Diese Gemälde können eines in jedem Fall entstehen lassen: Ein neuen Blick auf das alltägliche Leben, diese Zeugnisse von längst verschwundenen Seelen. In den Bildern sind sie unsterblich geworden.

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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