Wie einem der Verstand das Leben vergällt

12/11/2018

Aktueller Vorfall: Vor ein paar Wochen kommt ein Brief an. Die Versicherung wendet sich an mich, und will zu einem Unfall eine Auskunft haben. Ich falle aus allen Wolken, und frage deshalb die Versicherung, was passiert sei. Nach zwei Wochen bekomme ich endlich eine Antwort: Angeblich hätte ich ein Auto in einer bestimmten Straße gestreift. Jemand hätte mein Kennzeichen notiert. An meinem Auto fiel mir jedoch nach genauerem Begutachten nichts auf.

 

Kurz darauf dann ein Brief der Polizei. Sie laden mich als Beschuldigter vor, ich hätte Fahrerflucht begangen, zwischen dem 4. und 5. Oktober. Im Internet recherchiert man in seiner Unsicherheit gerne mal schnell, was in so einem Fall zu tun ist (anstatt vielleicht mal selber Logik anzuwenden). Ein Anwalt wird empfohlen, vom Schweigerecht sollte man in so einem Fall Gebrauch machen, weil jede Aussage falsch ausgelegt werden könnte. Würde ich sagen, ich wüßte von nichts (selbst wenn es wie in meinem Fall stimmt), dann würde mir keiner glauben, die Polizisten kennen doch die Ausreden.

 

Und schon beginnen die Gedankenschleifen, malen sich die größten Horrorstories aus: Führerscheinentzug und Geldstrafe. Das muß ich auf jeden Fall vermeiden! Und damit bin ich also anstatt zur Polizei zu gehen, und ganz einfach meine Sichtweise darzulegen, bei der es absolut gar nichts zu vertuschen gab, zum Anwalt gegangen! Genau richtig, zum Anwalt! Und damit zahle ich schon mal mit Sicherheit, was im anderen Fall noch gar nicht klar war. Man muß nämlich erst einmal beweisen, daß ich an irgendetwas schuld bin, was an dem Datum, an dem Ort passiert ist.

 

Hier ist zu lernen, wie der Verstand agiert, und wie er aus einer Mücke einen Elefanten macht, und damit bereits im Hier und Jetzt genau das kaputt macht, wovon er meint, was in Zukunft, in dem und dem Fall kaputtgehen könnte, und vor dem er angeblich schützen möchte. Durch diese Panikmache geht aber schon alles den Bach herunter, genau dann, wenn diese Gedanken geschürt werden, und eben nicht wenn diese ach so schlimmen Ereignisse eintreten. 

 

Fakt ist nämlich: Ich habe nämlich bereits jetzt schon Geld verloren, und habe noch nicht mal die Gewißheit, was in dem Fall weiter passieren wird. Klar, der Anwalt kann mir da jetzt erstmal zur Seite stehen, aber ernsthaft: In dem Fall kann ich mir nichts vorwerfen, und trotzdem verhalte ich mich so, als müsse ich mich verteidigen.

 

Wie Kafka es in seinen Büchern beschrieb (die ich zwar selber nie gelesen habe, aber hier und da mal mitbekommen habe, was für eine Stimmung darin erzeugt wird), ist die Welt dabei immer automatisch etwas Bedrohliches, was einem an die Gurgel möchte. Man ist dauernd angespannt, und im Modus sich rechtfertigen zu müssen. Und dadurch ist die ganze Realität dann subjektiv auch wirklich eine Bedrohung für dich, selbst wenn noch gar nichts passiert ist. 

 

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Ich weiß nicht, aber anscheinend scheint das schon in meinen Genen zu sein, dieses Sich-fühlen als Opfer, als Spielball des Schicksals.

 

Kurzer Ausflug: Die meisten meiner Vorfahren sind sogenannte Russlanddeutsche, d. h. es waren Deutsche, die eigene Dörfer und Kolonien im östlichsten Europa gegründet haben, bis hin zum Schwarzen Meer, zum Kaukasus und zur Wolga. Durch die Weltkriege änderte sich jedoch die Lage drastisch und dieses Leben wurde akut bedroht. Verschleppungen, Erschießungen und Restriktionen durch damalige Regimes zwangen die Familien näher zusammenzurücken, sich gegen eine Umwelt zusammenzuschließen, die einen bedroht, was auch völlig nachvollziehbar ist. Dieses Band hielt auch die Sowjetzeit durch, als Deutsche die Minderheit waren, und damals vor allem auch in Zentralasien siedelten, z. B. in Duschanbe. Da war man dann unter ganz anderen Völkern, unter Russen, Ukrainern, Tadschiken, Usbeken, Kasachen, Kirgisen. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR, und den Aufständen, der nun sich neu gründenden Nationen, wurden meine Vorfahren wieder durch äußere Querelen gezwungen, sich neu zu orientieren. Die Bundesrepublik öffnete die Pforten, und die Deutschen durften nach mehreren Generationen wieder zurück ins Heimatland siedeln.

 

Hier bleibt aber das Mißtrauen. Die Familie ist der Hort der Unterstützung, und jeder, der das bedroht wird aus Prinzip bekämpft. Chefs, böse Vermieter, die Polizei, der Staat, fremde Menschen, z. B. mittlerweile auch Schwarze, sie alle wollen doch nichts anderes, als dir wehtun. Das Mißtrauen gegenüber der Umwelt wird geschürt, alles, was unbekannt ist, ist ungemein schrecklich. Die Familie aber, da kannst du dich drauf verlassen. Es ist wie eine Kapsel, in der dann alles außen herum als bedrohlich erscheint.

 

Und das ist durchaus die Atmosphäre gewesen in der ich groß geworden bin. Und da ist alles gefährlich, jedes Übertreten von Grenzen, mal ausschweifend zu werden, emotional zu sein, sich ungedeckelt auszudrücken, das geht einfach nicht. Als Kind seinen Spaß haben, rumtoben, rumlaufen, rumschreien, das war nur solange Ok, solange es im Rahmen war. Meinen Großvater empfand ich da doch als ziemlichen Spießer fällt mir jetzt erst auf. Immer wurde alles abgedämpft und beschnitten. Zu gefährlich ist es in der Wohnung zu laufen, draußen in der Nähe der Straße zu spielen. Klar, die Absicht war bestimmt gut gemeint, zu beschützen, aber eigentlich war es auch eine Angst vor dem Leben, eine langweilige, der Existenz arg mißtrauende Art, die das, was wirklich Spaß macht, verbietet. Alles, was Grenzen sprengst, was unkontrolliert abläuft, eine Gefahr für jegliche Sitte und Ordnung!

 

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Dieses Mißtrauen dem Leben gegenüber, dieses Auf-Nummer-sicher-gehen-wollen, die unoffene Art auf eine neue, ungewohnte Situation zuzugehen, genau das ist der gemeinsame Nenner, die mich in dieser Situation, meine Familie und Kafka verbindet. Es ist genau derselbe Verstand, der eine dunkle Ungewißheit aufbauscht und nach Halt verlangt. Zu risikobehaftet scheint das einfache Leben, zu unstetig die Faktoren. Deswegen bedarf alles einer Kontrolle. Überall muß genau abgewägt werden.

 

Und dann passieren auch noch Dinge, die unangenehm sind! Ist das nicht wahnsinnig schrecklich? Jemand beschuldigt mich Fahrerflucht begangen zu haben! Nein, wie kann jemand das wagen! Der versucht mich anzugreifen, zu beschuldigen! Was für eine ungerechte, bitterkalte Welt! So redet man sich das ein, und läuft dann damit durch die Gegend... Was braucht man dann noch weitere Strafen? Es gibt doch keine größere Strafe als das...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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