Die Situation

30/11/2018

Es gibt mir richtig viel, hier eine Webseite als Plattform zu haben. Endlich habe ich mir einen Raum geschaffen, in dem ich König sein kann, ganz unabhängig von äußeren Faktoren. Früher wollte ich schon immer so etwas mal machen, wußte aber nicht so richtig wie ich das umsetzen soll. Dachte immer, es fehlt mir ein schlüssiges Konzept, Inhalt. Jetzt passiert es, und das ist einfach toll.

 

Mich hier zu zeigen, mich anderen, vor allem ehrlicheren Menschen zu öffnen, hat mich aus meinem Schneckenhaus befreit. Es ist eine einfache Entscheidung, der ich mich konsequent hingebe. Und die transformiert, immer weiter. Ich sehe auch, daß meine scheinbar ganz privaten, wichtigen Probleme, nicht nur mich betreffen, sondern daß jeder früher oder später an denselben Punkt kommt, und daß auch nichts Beschämendes und Peinliches darin enthalten ist, sich mitzuteilen. Du bist nun mal da, und damit ist es auf dem Tisch.

 

Zum Beispiel bei einem von mir gerne genommenen Thema: Frauen. Bei jedem in meiner Generation präsent, nicht nur bei mir. Ich leide darunter vielleicht etwas stärker, weil ich nicht so eine dicke Haut habe. Andere dagegen halten das kalte Klima in der Gesellschaft eisern aus, können kämpfen, handeln, weiter um Gunst buhlen. Sie betrifft das scheinbar nicht.

 

Wird schon noch, ist doch alles in Ordnung, was hast du denn?, heißt es gerne. Diese pseudomännliche, unantastbare Position kenne ich nur all zu gut, wurde sie mir ja meine ganze Pubertät vor die Nase gehalten. Ja, mit mir stimmt was nicht, aber die Anderen, die haben den Dreh raus. Die wissen, wie man sich eine Frau angelt, sind anscheinend ja nicht so zurückhaltend und beschränkt wie ich. Und das glaube ich bis heute, und beneide heimlich diejenigen, die scheinbar ohne Weiteres Frauen in ihr Leben ziehen können.

 

Natürlich ist auch auf meiner Seite eine Verantwortung: Ich habe in dieser Hinsicht eindeutig unförderliche Gewohnheiten entwickelt. Ich gehe die letzten Monate selten aus, halte mich wenig unter Frauen auf, lerne so natürlich auch kaum welche näher kennen. Da brauche ich mich auch nicht wundern, daß ich oft alleine bin. Das ist etwas, was angehbar ist. Aber meine Erfahrung ist, daß es nur bis zu einem bestimmten Punkt geht, wo es dann endet. Mir ist noch nicht ganz klar, was genau da passiert, aber es verdient noch näher erforscht zu werden.

 

Ja, wenn ich will, dann muß diese Gewohnheit nicht so bleiben. Alleine das wäre schon ein Erfolg. Anscheinend bin ich aber zurzeit mehr an dem Punkt, es eigentlich gar nicht richtig zu wollen. Ansonsten würde ich es ja machen. Ja, ich habe in der Vergangenheit schon ein paar Sachen ausprobiert, aber das hat mich doch relativ schnell ernüchtert, weil ich gemerkt habe, daß ich dabei gar nicht das bekomme, was ich möchte. Die Frage drängt sich natürlich auf, was ich denn möchte.

 

Jeder normale Mensch würde sagen: Sex, ganz klar. Nun, ich hätte das schon haben können. Also Geschlechtsverkehr, wie auch immer. Frauen haben sich mit mir getroffen, sogar schon bei mir im Bett übernachtet usw. usf. Aber mehr geschah auch nicht. Vielleicht waren das einfach nicht die richtigen Frauen, die Chemie stimmte nicht, der Typ paßte einfach nicht zu mir. Aber eigentlich war es noch was anderes.

 

Wie ich jetzt sehe: Da fehlte das Hier und Jetzt. Da fehlte der Genuß, der Sex, die Erotik im Anfang, im Gespräch, im ersten Begegnen, im ersten Berühren. Da wird auch die Zukunft nichts ändern. Das war nicht da, ist nicht da und wird so auch nichts. Meinem Gefühl nach lag das weder an ihr, noch an mir, sondern es war einfach so. Sympathie kann unmöglich erzeugt werden. Und die ist das, was ich eigentlich will. Wo es von Anfang an Spaß macht, wo es nicht um irgendein Ergebnis in der Zukunft geht, um Geschlechtsverkehr, um Heirat, Eigenheim und Kinder, alles, was drumherum gebaut wird. Wo diese ganzen Ideen nicht mehr störend dazwischenfunken.

 

Gut, ja, du Milchbubi. Schon klar, dir geht es nicht darum. Du bist ja ein Romantiker, im Gegensatz zu anderen. Kann ja jeder sagen. Ihr Männer seit doch alle gleich. Tu nicht so, als wärest du anders. 

 

Sex, nun ja, was ich sagen will: Das kann keiner machen, keiner nach seinen Wünschen gestalten. Man könnte sagen, es ist eine unpersönliche Kraft. Du entscheidest auch nicht, wen du attraktiv findest. Es überkommt dich. Genauso wie, ob du einen Menschen glaubwürdig, interessant oder faszinierend findest. Es ist einfach da, oder nicht. Vor allen Einwänden und Vorlieben vom Verstand.

 

Mit Frauen, nun ja, da fand diese Sympathie bisher einfach sehr selten statt, konnte sich auch nie wirklich voll und ungehindert entfalten. Woran das liegt, darüber läßt sich streiten. Vielleicht habe ich gekniffen, oder sie. Wenn jedoch Ansätze von dieser gegenseitigen Anziehung da waren, dann war ich hinterher immer verblüfft, wie das entstehen konnte, weil es so unvorhergesehen und ungeplant war. Die Gefahr dabei ist natürlich dann, das festhalten zu wollen, sei es den Menschen mit dem es so war, seien es die Umstände der Situation, die das ermöglicht haben. Aber das geht nicht. Es war ein Arrangement des Lebens, ein Geschenk, daß dankbar zu genießen ist, solange es eben da ist.

 

Ich kenne das z. B. von beeindruckenden Naturphänomenen. Ein Blick auf die Berge, auf das Meer, auf einen See, ein Sonnenuntergang, ein Wasserfall, ein Regenbogen. Sowas ergibt sich. Definitiv schöne Begebenheiten. Aber sie sind nicht immer da, sind kurz in der Erscheinungswelt auftretende Vorgänge, die dich fesseln, und dann verschwinden. Klar, du hast die Erinnerung, kannst Fotos schießen, darüber erzählen, aber es ist nicht mehr auf diese eine Art wiederholbar. Du kannst nochmal an diesen Ort fahren, kannst warten, bis wieder diese Besonderheit auftritt, aber es wird nie mehr so sein, wie es sich da, in diesem einen Moment, spontan ergab.

 

Genauso ist es auch bei menschlichen Begegnungen aller Art, und vor allem im Geschlechterleben. Auch Frauen sind so gesehen Naturphänomene. Nun, vielleicht etwas intensiver als ein Sonnenaufgang, eher wie eine Lawine. Erst schön, weiß, majestätisch an den Hängen des Gebirges, dann plötzlich laut, gefährlich, überrollend, von der einen zur anderen Sekunde. Und alles noch potenziert, weil es dich noch näher im Kern trifft.

 

Um auf den Punkt zu kommen: Dieser Same ist wichtig, der in den einfachen Begebenheiten des alltäglichen Lebens aufkeimen möchte. Mit allem. Mit Dingen, mit den Elementen, mit Pflanzen, mit Tieren, mit Menschen und als Mann mit Frauen, als Frau mit Männern. Für jeden Einzelnen ist es seine eigene Welt, mit seinen eigenen Eindrücken, die für jeden auf dasselbe hinab zielen: Zu merken, daß es gar nicht um spezielle Erlebnisse geht, um das Festhalten von bestimmten, als wichtig bewerteten, besonderen Erfahrungen, z. B. Sex, Urlaub, Feiern, sondern um das Finden der Qualität in jeder Begebenheit, und wirkt sie noch so banal und unspektakulär, z. B. eine Straße in einem städtischen Industriegebiet bei kaltem Novemberregen, ein Traktor, der ein Feld umpflügt, ein schwerer LKW, der an der Autobahn vorbeirollt, eine kahle Birke am Wegesrand, ein festgeleinter Hund auf einem Supermarkt-Parkplatz. Wer diese Situationen anerkennen und würdigen kann, der ist überhaupt auch erst offen für die scheinbar bedeutenden Begegnungen, die er dann nicht mehr verkrampft anstreben oder festhalten muß. Er kann nehmen was kommt, und loslassen, was gehen möchte. Er ist frei.

 

 

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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