Gefühle, Gedanken und die Welt

11/12/2018

Unter dem Verstehen, daß ich nur selber für meine Gefühle verantwortlich bin, kann auch klar gesehen werden, daß weder die Eltern, noch die Schule, noch die derzeitige Zeitgeistlage mich davon entbinden können. 

 

Das gesamte Elend dieser Welt, z. B. auch die derzeitige Lage in Deutschland, das löst in mir durchaus Ekel, Frust und Wut aus. Das ist real für mich. Wenn ich im Krieg angeschossen werde, wäre das real für mich. Aber die Schmerzen, die Pein, die trage nur ich alleine aus. Niemand nimmt mir dieses Erleben ab.

 

Damit bin ich schon einen Schritt näher an mir selber. Ich schaue nicht mehr auf die Gesellschaft, wie dumm die Menschen hier sind, wie verblödet und selbstverleugnend, nein, meine Realität ist, daß nicht die Dinge selber unerträglich sind, sondern wenn, dann nur das, was ich in mir dazu erlebe. Die Umstände sind nichts weiter als eine beliebig austauschbare Kulisse.

 

Immer geht es um den Einzelnen in der Show, und je aberwitziger und krankhafter sie ist, desto eher besteht die Chance, daß sich so jemand davon abwendet und sich dem eigentlich Wichtigen widmet - sich selber.

 

Folgenden Text habe ich gestern in "Schamane in Deutschland II - Band 1" gefunden, und lasse ihn weiter auf mich wirken, weil er genau diesen Schlüssel enthält:

 

Ramana Maharshi: Jetzt, wo Sie wach sind, sagt Ihnen da die Welt, daß sie wirklich ist, oder sagen Sie das?

 

Frage: Natürlich sage ich es, aber ich sage es von der Welt.

 

Ramana Maharshi: Nun denn, diese Welt, die Sie für so wirklich halten, macht sich über Sie lustig, weil Sie ihre Wirklichkeit beweisen wollen, während Sie Ihre eigene Wirklichkeit noch nicht erkannt haben.

Sie wollen darauf bestehen, daß die Welt wirklich ist. Wo ist das Maß für Wirklichkeit? Nur das ist wirklich, was aus sich selbst existiert, was sich durch sich selbst enthüllt und was ewig und unwandelbar ist. 

Existiert die Welt aus sich selbst? War sie jemals sichtbar ohne die Hilfe des Geistes? Im Schlaf gibt es weder Denken noch Welt. Beim Aufwachen gibt es Denken und Welt. Was bedeutet diese unabdingbare Gleichzeitigkeit? Sie kennen die Prinzipien der Logik, die die Basis wissenschaftlicher Untersuchungen ist. Warum beantworten Sie nicht die Frage nach der Wirklichkeit der Welt im Lichte dieser akzeptierten Logik?

Sie können von sich sagen "Ich existiere". Das heißt, Ihre Existenz ist nicht bloße Existenz, sondern eine Existenz, derer Sie sich bewußt sind. Sie ist in der Tat eine Existenz, die mit Bewußtsein identisch ist.

 

Frage: Die Welt mag sich ihrer selbst nicht bewußt sein, aber sie existiert.

 

Ramana Maharshi: Bewußtsein ist stets Selbstbewußtsein. Wenn Sie sich irgendwelcher Dinge bewußt sind, sind Sie sich im Grunde Ihrer selbst bewußt. Nicht-selbstbewußte Existenz ist ein Widerspruch in sich; das ist überhaupt keine Existenz (...)

Die Welt existiert nicht aus sich selbst, noch ist sie sich ihrer Existenz bewußt - wie können Sie von solch einer Welt annehmen, daß sie wirklich ist?

Und was ist das Wesen dieser Welt? Ein dauernder Wandel, ein unentwegtes Fließen. Eine abhängige, sich ihrer selbst nicht bewußte, sich ständig wandelnde Welt kann nicht wirklich sein.

 

Frage: Warum hat sich das Selbst als diese elende Welt manifestiert?

 

Ramana Maharshi: Damit Sie es suchen. Ihre Augen können sich selbst nicht sehen. Halten Sie ihnen einen Spiegel vor, und Sie sehen sich. Genauso ist es mit der Schöpfung.

"Sehen Sie erst sich selbst und dann die ganze Welt als das Selbst."

 

Ich bin also nötig, damit überhaupt so etwas wie eine Welt entstehen kann bzw. ich erschaffe sie mir Moment für Moment neu. Vor allem Denken, aber auch Fühlen, das ist der erste Same, der eine Welt entstehen läßt, an der ich mich dann abzuarbeiten meine. Zunächst ist da aber nur das blanke Dasein, eben wie im Schlaf.

 

Da ich aber nicht nur schlafe, ist natürlich die Frage, was denn nun da ist, wenn ich wach bin. Das ist nun nicht so leicht zu beantworten, aber ich gehe einfach von dem aus, was ich tagtäglich erfahre.

 

Es sind im Kern drei Grundfunktionen, die auftreten, wenn ich da bin: Zuallerst ein Handeln, wie Atmen, Verdauung, Gehen, Essen, tätig sein, praktisch etwas tun. Das ist sofort für jeden wahrnehmbar, ohne große mentale Aktivität. Du tust einfach, erlebst es direkt. Dann Fühlen. Wie fühle ich mich in einer bestimmten Situation? Unbehaglich, zufrieden, wütend, fröhlich, traurig, offen? Auch das ist an sich unkompliziert und problemfrei. Alles ist so wie es ist Ok.

 

Das Denken macht es dann schwierig. Da wird nämlich angefangen, diese Ist-Zustände in Körper/Welt in bekannte Einordnungen wie gut/schlecht, akzeptabel/unmoralisch zu kategorisieren, zu vergleichen mit Erinnerungen, in eine Zukunft zu projizieren, sie anders haben zu wollen. Das Denken ist geformt, von Kulturen, von Familien, von Religionen. Da wird überhaupt erst zu trennen angefangen, zwischen Körper hier und Welt da.

 

Wichtig sind aber nicht diese Einflüße, sondern wieder bin ich selber gefragt: Bin ich gezwungen diese Einflüsterungen für voll zu nehmen? Sind Menschen gezwungen sich Müll im Fernsehen anzuschauen, und bei lebendigem Leibe zu verblöden? Sind in der Welt böse Mächte, die die armen, ahnungslosen Seelen manipulieren und hinter's Licht führen?

 

Nein. Ein Mensch, der für sich die Verantwortung übernimmt, wird auch für alles die Verantwortung übernehmen, was er von außen aufgenommen hat. Jeder Glaube, jede Meinung über sich, über die Welt, über einfach alles, alles was da im Kopf herumschwebt. Diese Gedanken machen dann im Normalfall 99% der angeblichen Wirklichkeit aus. Die Dinge werden nicht so gesehen, wie sie sind, sondern durch diesen Filter. 

 

Wird diesem nicht mehr der alte Raum eingeräumt, bleiben noch die direkteren Wahrnehmungen, eben Taten und Gefühle. Das scheint dann aber dem aufgepumpten Denkapparat als leer, als unspektakulär. Ein einfaches Leben mit den einfachen Sinneswahrnehmungen? Wo bleibt dann die ganze Beschäftigung, die Ablenkung? Wo bleibt dann noch meine wichtige Aufklärung der Massen? Wo mein Versuch Eindruck bei Freunden zu schinden? Wo mein Versuch, meinen Eltern zu zeigen, daß ich doch was drauf habe?

 

Der Irrtum ist aber auch der, daß man meint, daß das Wegfallen des Fokus auf den Verstand dich automatisch glücklicher macht wie z. B. Meditationsfetischisten meinen. Es ist viel eher ein Vakuum, was sich ausbreitet, was aber schon vorher latent als innere Leere immer irgendwie unter einem gewartet hat. Es ist viel mehr so, daß einfach Überflüßiges abfällt. Ich mache mir keinen Druck mehr, setze keine Idealvorstellungen vor mein Leben, denen ich hinterherzulaufen habe. Zugegeben: Das ist definitiv ein freieres Leben.

 

Ich kenne das z. B. indem die Idealvorstellung da ist, eine Freundin zu haben, und mit ihr eine schöne Zeit zu verbringen. Die positive Vorstellung in die ich mich reinfantasiere, kann ja nur da sein, weil ich dieses Gefühl kenne. Ich weiß wie es ist, angekommen zu sein, voll da zu sein, einfach zufrieden zu sein. Dieses Gefühl wird dann an die Bedingung "Freundin" geheftet. Ich übernehme das vielleicht von einer Gesellschaft, die das als erstrebenswert einstuft, ein Leben ohne das als verloren bewertet usw. usf. Der Punkt ist jedenfalls, daß ich dieses Übernehmen mache! Ich ganz alleine, und niemand sonst. Und ich alleine leide, wenn das nicht erfüllt wird, ich alleine habe das auszubaden. 

 

Dieses Leiden ist ganz einfach als irreal zu entschlüsseln: Würde ich immer noch leiden, wenn diese Gedanken nicht da wären, oder wenn andere Gedanken da wären? Natürlich nicht. Im nächsten Moment könnte ich schon wieder am Klavier sitzen, mir mein Abendessen zubereiten oder ein Bad nehmen. Wo ist dieses angebliche Problem dann noch?

 

Es ist auch ein Teil des Egos, nein, es ernährt sich regelrecht davon. Das Ego braucht diese persönlichen Schwierigkeiten um nicht in eben dieses Vakuum zu fallen, wo nichts mehr zu sein scheint. Was wäre ich dann noch? Völlig unwichtig. Ich würde nur noch da sein, wo ich bin, aber die ganzen, wirklich großen Dinge, die die Anderen ja alle erleben, die gehen doch total an mir vorbei. Genau so redet der Verstand. Sogar noch unzusammenhängender und penetranter. Vor allem ohne Beweise, ohne Fundierung. Woher weiß er, ob die Anderen so zufrieden sind? Woher weiß er, was die wirklich wichtigen Augenmerke sind? Angelesen, angehört?

 

Die Freiheit, im Denken kann sie niemals verstanden werden, weil sie genau die Abwesenheit davon ist.

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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