Das Vergleichen | Ich und mein Vater

23/12/2018

Mit ein Mechanismus, den ich bei mir sehen kann: Das Vergleichen. Dabei folgt eine Selbstabwertung oder -erhöhung. Ein automatischer Vorgang.

 

Bei einem Kollegen fiel mir das auf. Er ist im selben Alter, hat vorher im Themenbereich schon studiert, benötigt nicht die Berufsschule, war vorher schon selbstständig, wirkt handwerklich talentiert und vertrauenswürdig, hat eine hübsche Freundin. Irgendwie löst das schon Neid in mir aus. Es ist da, und das kann ich ruhig auch anerkennen.

 

Im Gegensatz dazu findet zu anderen Leuten eine Erhöhung statt. Ich würde offensichtlich vertrauenswürdiger wirken, mache nicht so viele Fehler wie der, wirke engagierter usw. usf. Auch da ist dasselbe am Werk, nur andersherum. Ich bin der, der gut abschneidet.

 

In beiden Fällen stimmt aber etwas nicht. Ich definiere mich von außen, stelle mich in eine Rangliste, oder vorgefertigte Bewertungsskala, in der ich entweder vorbildlich oder miserabel abschneide. Es ist ein Festkleben an scheinbar fixen Eigenschaften, die ich oder andere haben. Jemand ist so oder so, lege das fest, als festes Bild.

 

Die Realität zeigt sich so jedenfalls nicht. Die Identifizierung hält fest, weil es bekannt scheint. Ja, es gibt Beobachtungen, die zutreffen, z. B. das jemand einfach Sachen besser abwickeln kann, schneller und genauer arbeitet oder mehr soziale Fertigkeiten hat. Das kann durchaus sein, ist in beruflichen Fragen definitiv wichtig.

 

Aber hier geht es nicht um berufliche Fragen, auch nicht, daß ich mich durch einen Vergleich irgendwie inspiriert fühle, besser zu werden. Es ist nichts weiter als eine Selbstbestrafung, weil da kein Schauen stattfindet, wo ich etwas vom anderen lernen kann, sondern nur mit dem Zweck mich herunterzuziehen ohne weitere Perspektive. Hauptsache ich verstehe endlich, daß ich ein Niemand bin. Laut Verstand soll ich diese angebliche Wahrheit doch bitte endlich mal verstehen.

 

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Ich werde diesen Mechanismus noch etwas genauer am Werk beobachten müssen, weil es mich verschließt und mißtrauisch macht. Meinem Gefühl nach hat es etwas mit meiner Vaterprägung zu tun. Mein Vater hatte sehr viele Kumpels, die zu uns nachhause kamen, oder die er draußen traf, wo ich dann alleine gespielt habe. Er wirkte dabei immer sehr lebensfroh, während er mit mir meist nicht so ganz diesen Draht aufbauen konnte bzw. wußte ich, daß das nie ganz echt war, wenn er mir das vorführte. Ganz im Gegenteil erlebte ich nämlich noch ganz andere Seiten von ihm, die all sein Gebahren kraß widerlegten. Da war Verachtung bis hin zu Bekämpfung von allen unbeherrschten Gemütszuständen von mir, sei es ein Tränenausbruch, ein Wutanfall oder unbändiges Toben. Da sah er nur noch schwarz, und da war es dann plötzlich vorbei mit dem kumpelhaften Getue, daß er hier und da auch mir entgegenbrachte.

 

Damit nicht genug, hatte ich dann noch das Gefühl, meine Mutter würde da vom Herzen gar kein Contra geben, wenn sie auch die Einzige war, die das hätte effektiv tun können. (Woran ich mich noch erinnere: Die Mutter meines Vaters sagte hin und wieder, er solle nicht so hart zu mir sein. Das war so mit die Einzige, die ihn mal stoppte.) Meine Mutter wirkte in solchen Situationen jedenfalls nie entschlossen genug, auch wenn sie sicher wissen mußte, was da passiert. Im Hinterkopf war immer, daß er den Großteil des Geldes nachhause bringe, und das die Familie ein wichtiges Konstrukt war, unter das sich alles irgendwie ordnen und harmonisieren sollte, koste es, was es wolle, opfere es, was es wolle. Also übernahm mein Vater das Feld, und konnte mir auch immer vor Augen führen, was ich angeblich nicht könne. Dadurch entstand eine Art Schwanzvergleich, bei dem ich immer verloren habe.

 

Nicht nur körperlich war er immer kräftiger, größer, breiter und dominanter als ich (und auch als die meisten anderen Leute, mit denen er zu tun hatte), sondern er führte mir auch regelmäßig vor, was für hervorragende Fähigkeiten er habe. Zum einen handwerklich, aber auch sozial, mit einer Art Charme, die er meinte zu verbreiten. Viele schienen aber nicht wirklich seinen Humor zu mögen, sondern eher vor ihm zu kuschen, weil er einfach bedrohlich wirkte. Es war wie ein Lachen von Gefolgsleuten, wenn der König einen Witz machte. Es war aus Furcht enthauptet zu werden, nicht aus freien Stücken, z. B. wie beim einstigen König von England, Heinrich, den VIII., der auf die Art sein Königreich regierte.

 

Dazu ging es auch bei meinem Vater zu 80-90% ums Essen. Er rastete aus, wenn meine Mutter mal nichts kochte, wenn er von der Arbeit kam. Wenn ich heim kam, wurde schon vor dem Hallo gefragt, ob ich etwas essen will. Naja, wenn man es fragen nennen kann. Es war mehr eine Aufforderung, und es grenzte an schwere Beleidigung, wenn ich nichts wollte. Aber ich schweife ab.

 

Es war immerhin mein Vater, und das ist und bleibt immer eine innige Beziehung, auch wenn da so viele unfaßbar falsche, herzlose, pseudofreundschaftliche Gesten stattfanden. An meiner Liebe zu ihm wird sich nichts ändern können. Ich liebe ihn von ganzem Herzen, den Rest, der an ihm noch echt ist, der sich an seinen Kumpels erfreut hat, oder Essen, sowie körperliche und technische Betätigungen genoß. Den Teil, zu dem ich immer Kontakt gesucht habe, der aber unter all dem anderen Getue verschütt gegangen ist. Das Getue, was mich dann auch verglich mit anderen Jungs, die besser oder schlechter waren als ich. Die entweder die tollen, sportlichen, muskulösen Hengste im Boxverein, oder angeblichen Weicheier waren, die nicht so abgehärtet mit dem Fahrrad zur Schule fuhren, kalt duschten oder fett- und fleischreiche Allesesser waren wie ich. Das war dann immer die Meßlatte, an der ich mich zu orientieren hatte. Wahrlich, eine Schmach, wenn ich genauso ein Schwächling sein würde.

 

Diese Vergleiche schmerzten. Je schlaksiger ich mit zunehmender, körperlicher Pubertät wurde, desto eher war auch Angriffsfläche geboten. Seinen Kommentar nach einem Handballspiel mit etwa 15 werde ich nie vergessen, daß ich im Vergleich zu den anderen, muskulösen, kräftigen Spielern wie ein Waschlappen wirke, der umhergeschubst wird. Auch sein Bruder merkte enttäuscht an, er habe mich kräftiger in Erinnerung. Das war es also worum es ging: Körperliche Stärke, Dominanz und Fulminanz. Alles, was schwach oder sensibel wirkte, war eine schwere Niederlage. Mit der Logik, hätte er sich wohl eine Kugel gegeben, wenn ich stattdessen ins Ballett oder zum Eiskunstlauf gegangen wäre.

 

Und bis heute bleibt deswegen auch immer dieses Lucken auf andere Typen, auf ihren Erfolg, ihr Auftreten. Sind sie auf der Starke-Pose-Skala über oder unter mir? Kann ich mit welchen über mir mithalten, habe ich die Chance da aufzustoßen, oder kann ich mich jetzt schon besser fühlen, weil da welche sind, die noch kümmerlicher wirken? Es ist an Absurdität wirklich nicht zu überbieten.

 

Diese Skala übersieht nämlich alles Wichtige an einem Menschen. Alles. Die Art wie jemand redet, die erotische Schönheit eines jeden Menschen, selbst wenn dieser Mensch fettleibig, dürr oder alt erscheint, die Intelligenz mit der ein Organismus harmoniert, die Freude, wenn sich jemand bewegt und läuft. Das alles geht verloren, wenn nur die pseudomännliche Pose als Kriterium genommen wird. Und das ist dann in Wahrheit die Schwäche vor der er Todesangst hat, und was ich bis dato übernommen habe, weil ich sonst nicht dieses Bewerten hätte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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