Wahrnehmen, beschreiben, wahrnehmen

09/01/2019

Heute Nachmittag wieder in der Bäckerei gewesen, die ich schon vor zwei Tagen als angenehm empfand. Wieder ruhig hingesetzt, alles auf mich wirken lassen. Draußen schneite es. Mir ist dabei zunächst was aufgefallen bezüglich älteren und jüngeren Leuten.

 

Als ein älterer Herr an der Theke stand führte er gleich ein sehr herzliches, ungezwungenes Gespräch mit der Verkäuferin. Die freute sich sichtlich über das Interesse. Er sagt ihr nämlich einfach, sie würde so ausschauen, als würde sie Wintersport betreiben. Sie bejahte, daß sie gerne ein, zwei mal im Jahr mit ihrem Mann Skifahren würde. Es ergab sich ein kurzer Austausch.

 

Jüngere Menschen, zu denen ich mich auch zähle, sind da in einem ganz anderen Modus. Für die haben diese einfachen Kontakte nichts Spezielles. Da geht es nur um Effektivität, um das schnelle Befriedigen eines Bedürfnisses, z. B. Hunger auf Brot. Der menschliche Kontakt wird auf einem Minimum gehalten.

 

Klar, Austausch geht nur, wenn man selber die Zeit dazu hat. Manchmal muß es auch schnell gehen, und dann will man nicht lange quatschen. Aber mir geht es hier um etwas anderes. Es hat was mit Dankbarkeit zu tun, also mit einem Genießen der einfachen Begebenheiten. Stattdessen braucht man die großen Dinge: Konzerte, Sex, Partys, Alkohol, Drogen, um überhaupt noch was zu spüren.

 

Ältere Menschen sind im Gros weniger dünkelhaft als Schüler und junge Studenten. Viele haben nämlich mitunter eine Lebensschulung durchlaufen, lange etwas geleistet, haben gearbeitet, Firmen unterstützt oder geleitet, Familien aufgebaut. Die haben auch schwierige Dinge durchstehen müssen, Todesfälle, Krankheiten, Geldverluste. Das hinterläßt Spuren, läßt kleinlauter werden.

 

Ich bin von sowas bisher verschont geblieben. Es war immer alles da. Essen, Trinken, volle Supermärkte, Unterhaltungsprogramme noch und nöcher. Vor allem auch das Internet: Es gibt hier ja alles, jede Information ist nur einen Klick entfernt. Wozu sich selber noch einen Aufwand machen? Es ist doch alles da! Über Amazon kriege ich alles geliefert, was ich will, über Google jeden Fakt, den ich wissen möchte, über Instagram alle Fotos von Bekannten usw. usf. Wozu noch Kontakte pflegen, wozu noch überhaupt einen Finger krumm machen? Intravenös kriegt man doch sowieso alles verabreicht. Und genau das läßt unbewußt, unspontan und energieschwach werden.

 

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Zurzeit ist es bei mir so, daß ich mein Auto schon ein paar Tage nicht mehr gefahren bin, außer als ich kurz meinen Getränkekasten umgetauscht habe. Da war kein Impuls mehr woandershin zu wollen. Davor bin ich fast jeden Tag in der näheren Umgebung irgendwohin gefahren, und habe immer nach etwas gesucht. Ich fand es nicht angenehm einfach da zu sein, und das Fahren hat mich abgelenkt.

 

Jedenfalls ist es schon so, daß ich da in der Metallbox isoliert bin. Als ich damals noch öfter Fahrrad oder mit dem Zug gefahren bin, kam ich mir noch viel verbundener mit allem um mich herum vor. Das bilde ich mir nicht ein. Im Auto bist du abgeschirmt, vom Wetter, von den Sinneseindrücken, auch von anderen Menschen. Im Zug haben sich z. B. hier und da mal Gespräche ergeben. Man war einfach automatisch mehr unter Menschen, und im Auto bist du einfach abgekapselter. Dann noch Musik an, und du bist in Trance.

 

Seit ein paar Tagen ist der Modus anders, mehr ein Bleiben, mehr ein Nach-innen-spüren, als ein in-Richtung-außen-zerstreuen. Das läßt mich auch ruhiger sein, z. B. auch einfach in der Stadt irgendwo sitzen, und einen Café trinken. Einfach ankommen, hier, bei mir, da, wo ich halt eben bin.

 

Wie ich mittlerweile verstehe, stellt sich das Ankommen aber von selber ein. Das einzige was, wenn überhaupt, getan werden kann, ist, Gedankenketten, die immer weiterspinnen, nicht mehr weiter zu füttern, und abzuwarten, ob sie vielleicht von selber aufhören. Also im selben Moment, wo mir bewußt wird, daß ich gerade ein bestimmtes Thema lange Zeit innerlich verfolgt habe, bin ich sofort frei. Dieses Erkennen ist sogesehen schon ein Tun, wenn es neu für dich ist. Es ist nämlich ungewohnt, weil das sonst wie eine Sucht ist, diese Gedanken immer weiter zu nähren. (Man sieht das z. B., wenn Leute miteinander diskutieren, und jeder unverrückbar auf seinen Standpunkt besteht. Ein Loslassen der Meinung, die letztlich nur aus Gedanken besteht, wäre für so jemanden ein harter Schlag, wie ein Entzug von einer harten Droge. / Auch ein starre Mechanik, die ich von mir kenne: Das Sich-rechtfertigen. Ein Verzicht darauf wirkt wie eine Niederlage.)

 

Je mehr diese neue Sicht praktiziert wird, desto eher wird klar, daß dieser Aha-Moment, diese direkte Wahrnehmung des Verfolgens von Gedankenketten, nichts ist, was jemand tut, sondern einfach nur ein Sehen ist, genau wie die Sinne etwas sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen. Das tut auch niemand. Niemand macht etwas, wenn er riecht, wie der Nachbar etwas Leckeres kocht. Der Geruch zieht herein, die Sinne sind ohnehin offen, und im selben Moment ist die Wahrnehmung da.

 

Gedanken sind so ähnlich, aber ähnlich wie Geruch oder Geräusche, sind sie nicht einfach so wegzuwischen, wenn sie nun mal da sind. Du kannst die Nase, die Augen schließen, die Ohren zuhalten, aber den Verstand komplett abschalten geht dauerhaft nicht. Das nur mal als Veranschaulichung.

 

Wie gesagt: So, aha, hier war ich wieder beschäftigt. Ich habe gar nicht gesehen, in was für einer Umgebung ich bin, was hier sinnlich wahrnehmbar ist, welche Menschen hier sind. Momentan mal, ich bin ja völlig verspannt. Wenn sowas passiert, dann ist vorher der entscheidende Schritt schon geschehen. Ich habe bemerkt, daß ich nicht da bin, oder eher: Ich habe vergessen, da zu sein.

 

Diese Qualität des Daseins ist die eigentliche Qualität hinter allem. Weil sie erst ermöglicht, daß alles andere überhaupt erst eine Erscheinung erhält. Ohne Präsenz könnte nichts wahrgenommen werden. Erst sie, und dann kommt erst alles andere.

 

Es ist genau umgekehrt zu allem, was sonst gelehrt wird: Erst kommen das Sozialwesen, der Staat, der Beruf, die Familie, die Freunde und was weiß ich noch wer, und dann erst du. Du hast dich gefälligst unterzuordnen, weil du im Gegensatz dazu nichtig bist. Du hast erst eine Chance, wenn du dazu beiträgst, dir dort einen Namen machst, dort zu Erfolg und Ehre kommst. Präsenz? Was zählt da noch die Präsenz? Die nützt doch nichts.

 

Die Präsenz bekommt dann ihren Wert, wenn außer ihr nichts mehr einen Halt gibt. Wenn z. B. alles zusammenbricht, wenn alle Illusionen zusammenfallen. Wenn in der Wirklichkeit ein Knacks entsteht. Wenn z. B. vorher alles Ok war, und dann plötzlich kriegst du die Diagnose nur noch sechs Monate zu leben. Dann wird schlagartig klar, daß nur deine Position entscheidend ist, weil nur sie für dich eine Relevanz hat.

 

Ich versuche mir das so klarzumachen, weiß aber natürlich auch, daß meine Position damit nicht vergleichbar ist, weil ich nicht in Lebensgefahr schwebe. Ich bin eher genauso ein Teil dieser überdrüßigen Konsumgeneration, die ich oben beschrieben habe. Ihr Sog ist extrem stark, weil es einfach der leichte Weg ist. Weil diese Bequemlichkeit angenehm und gewohnt ist.

 

Aber solange es so ist, ist es natürlich idiotisch zu sagen, man würde das nicht nutzen wollen. Ich nutze das Internet, habe ein Smartphone, bestelle bei Amazon, kaufe im Supermarkt ein. Die Vorteile der Zivilisation sind super. Aber sie alleine sind nicht so wichtig wie man meint. Was bringt einem z. B. die Zeitersparnis, die man durch ein Auto bekommt, wenn sie auf der anderen Seite mit Fernsehen verplempert wird? 

 

Die Qualität des Lebens hat sich auch durch die technischen Vorteile nicht entscheidend verändert. Klar, jetzt können Häuser schneller gebaut, Lieferungen schneller abgewickelt werden, und Kommunikation kann auch über ferne Distanzen erfolgen, aber was nützt es dir? Alberne Gespräche kann ich auch mit Nachbarn hier im Ort führen, ohne Rohstoffe aus China wurden auch früher schon Behausungen in Mitteleuropa gebaut, und die wichtigen Informationen, die relevant waren, haben sich immer über Mundpropaganda rumgesprochen z. B. wenn ein Krieg ausgebrochen ist. 

 

Heute wirst du mit Müll überschwemmt, mit lauter unnützen Informationen, lauter unnützen technischen Neuerungen und Updates, die sowieso kein Schwein braucht und nur scheinbarer Fortschritt sind. Da können sich dann die Techniknerds dran aufgeilen, weil dann noch an mehr Funktionen herummanipuliert werden kann, weil dann sich gewisse Zahnrädchen und Elektronikverbindungen neu konfigurieren und einrasten lassen. Aber einen Wert hat das damit nicht automatisch.

 

Ich weiß gar nicht mehr, worauf ich hinaus will. Schaue gerade aus der Lucke meines Fensters. Draußen ist es still, und weiterhin schneit es. Eine immer dicker werdene, weiße Decke legt sich auf die Stadt. Zum Glück geht die Heizung. Und Strom auch. Und Internet auch. Zum Glück. (Sonst könnte das gar nicht hier stehen)

 

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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