Erinnerungen kommen auf

19/02/2019

Die Stimmung draußen, in der Altstadt, war heute durch die Temperaturen sehr erfrischend. Es waren viele Menschen beschäftigt unterwegs. Ich hatte daweil einen eher entspannten Tag, war im Supermarkt, in der "Hofpfisterei" und noch in der Wäscherei. Besonders in der Abenddämmerung, als auch die Vögel zwitscherten, und alles langsam ruhiger auf den Straßen wurde, kam zarte Frühlingsstimmung auf. 

 

In der Wäscherei war anfangs nichts los. Nur eine Frau, etwa in meinem Alter, lief etwas verwirrt umher. Ich sah sie danach nochmal im Supermarkt und in der Altstadt. Es ist lustig, wie klein die Welt in kleineren Städten ist. Man sieht immer wieder Leute, die man vorher schon gesehen hat. 

 

In einem beschaulicheren Ort mit etwas über zwanzigtausend Einwohnern bin ich ja aufgewachsen. Da kennt man viele Menschen einfach vom Sehen her, so kennen dort sicher auch mich viele, auch wenn ich nie so der Ausgängertyp war. Wo ist also das Problem, wenn hier jemand sieht, wie ich wirklich bin? Mich sieht doch sowieso jeder, wenn ich vor die Tür gehe.

 

*

 

Das Thema von gestern beschäftigt mich weiter. So kommen paar Erinnerungen an meine Jugend in Waldkraiburg hoch, die dortige Schulzeit, meine damaligen Kameraden und Kreise. Während ich das erlebt habe, empfand ich alles als vertraut. So auch die Stimmung z. B. in der Realschule von der 7. bis zur 10. Klasse, von 2007 bis 2011. Ganze vier Jahre blieb die Klassengemeinschaft im Kern bestehen, davor und danach gab es einige, mit denen ich länger zu tun hatte. Aus dieser langen Zeit bleibt aber eher ein gemischtes Gefühl.

 

Ich hatte drei, vier Leute dort, mit denen ich in der Pause Fußball gespielt habe, oder einfach dastand, -saß und ratschte. Man ist schließlich dort eingebettet, täglich zusammen, kann nicht weg. Dann ist es halt so, daß man sich mit seinen Mitinsassen (so nenne ich das jetzt mal provokativ) arrangiert. Sticheleien und Hackordnungen gehörten zum Alltag. Bloß keine Schwächen zeigen, immer die Fassung wahren, ansonsten überlebe ich diese Zeit nicht, war unterschwellig immer vorhanden. Natürlich gibt sich das keiner zu, dominieren ja die "Selbstbewußten", "Starken", die Platzhirsche, das Feld. Wer in der Gemeinschaft gut dastehen möchte, steht auf deren Seite, macht sich mit denen, eben, gemein. Oder ist wenigstens sportlich, das imponiert auch.

 

Oft geht es natürlich darum, wie die Schule zu meistern ist, d. h. wie der Lernstoff, wie die Hausaufgaben, die meist nur als Pflicht empfunden wurden, mit möglichst minimalem Aufwand bewältigt werden können, wie auch möglichst akzeptable Zensuren rausspringen können. Dazu macht man sich seine Mitschüler zunutze, schreibt öfter was ab, Einträge, Hausaufgaben, bespricht sich. Es war ein reiner Überlebensmodus, von Begeisterung und Freude war nicht mal im Ansatz die Rede. Von den meisten Inhalten weiß ich heute nichts mehr. 

 

Woran ich mich aber genau erinnere, sind die Stimmungen von damals. Deswegen kann ich sie jetzt auch beschreiben. Es war nicht herzlich. Ich merke jetzt erst, daß ich dadurch sehr gelitten habe. Es waren z. B. zwei Mädels in der Klasse, die mich regelrecht gehaßt haben. Keine Ahnung wieso. Dabei waren aber sie die Wracks, übergewichtig, oder mit Metall im Gesicht. Es war abscheulich. Wenn ich jetzt so zurückschaue, war das wirklich absurd, und vieles kann ich heute nüchterner betrachten: Ich war und bin weiterhin so wie ich bin. Daran irgendetwas rumzudeuteln war nie nötig.

 

Ich sehe in der Rückschau auch eindeutig, daß alles genau so gelaufen ist, wie es laufen mußte. Ist die Gesellschaft nun so kalt und grausam, damit ich selber den Impuls habe, da rauszuwollen? Niki Lauda beschrieb das z. B. so, daß der Widerstand seiner Familie in erst recht dazu getrieben hat, Rennfahrer zu werden, und das dann, wie sich herausstellte, sogar sehr erfolgreich betrieb. Braucht es also diese Menschen, diese Konstellationen, unter denen man leidet, damit das Andere, das Eigene wieder zum Leben erweckt werden will? Es scheint so.

 

Wie ich heute sehe, sind die Zeitgenossen von damals nun in alle Winde zerstreut. Das System hat sie verschlungen. Sie sind unwichtig. Wichtig ist, was ich vom Leben verstanden habe, und ich bin heilfroh, daß dieser Radar aktiv ist, der mich auch zu Einflüssen geführt hat, die mich aus diesem Moloch ziehen. Die großen Traditionen weisen schon immer darauf hin, daß die eigene Lebzeit dazu ist, herauszufinden, wer oder was man eigentlich ist. Die Umstände in denen ich mich wiederfinde sind nur Kulissen, beliebig austauschbar. Bei mir war das so, bei jemand anderen ist das vielleicht etwas abgeändert, aber der Kern bleibt gleich: Das von außen Suggerierte ist falsch, das Echte kann nur von dir selber kommen.

 

Außerdem interessant: Mir kommt mein Leben jetzt im Vergleich zu dem damals, wie ein Grundverschiedenes vor. Das von damals war geprägt von Unterdrückung, Mißgunst, Anpaßung und Mißtrauen, das heute von Mut, Neugier, Zuversicht, Vertrauen und Begeisterung. Das heute ist mein eigentliches Leben, das damals war das Totenreich, auch wenn das Eigentliche immer drunter geschlummert hat. Die Feindseligen schienen das schon damals gewittert zu haben, und haben instinkitiv dagegen gearbeitet. Die Ehrlicheren waren dagegen dankbar mit mir in Kontakt zu treten.

 

*

 

Gut, jetzt würde man sagen: Das ist doch alles nicht - wie ich es beschrieben haben - im Jetzt. Was hat denn das noch für einen Nutzen. Laß das doch Vergangenheit sein, lebe im Moment. Jedoch muß ich sagen, finde ich es interessant, das einfach mal anzuschauen. Die Erinnerungen sind ja da, sie werden im Moment abgespult. Und ich finde es gar nicht mal so falsch, daß sie wieder aufkommen. Es hat durchaus etwas Spannendes, sich vor Augen zu führen, was da passiert ist. Das, was ich wirklich bin, ist ja schon damals da gewesen. Und damit bekommt mein Leben jetzt wieder eine zusätzliche Perspektive. Die Erfahrungen sind nicht umsonst abgespeichert.

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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