Ego = Erwartungen

15/03/2019

Was ist der Grundmechanismus des Ich/Ego? Es stellt den Anspruch, die Wirklichkeit müsse sich den eigenen Erwartungen beugen, und darauf hat es ein Recht! Vor allem sind andere Menschen, ist die Welt dazu da, dieses Ich glücklicher zu machen! Und: Wehe das passiert nicht! Wehe!

 

Ich kann das bei anderen Leuten, wie auch bei mir sehen. Teilweise kenne ich die Denkweisen nämlich von mir, teilweise beobachte ich das schon seit Jahren in meinem Umfeld. Ich versuche das allgemein zu halten, ohne Namensnennungen, weil der Beitrag hier öffentlich ist, sollte aber trotzdem gut verständlich sein.

 

Beispiel: Die Politiker sind solche Idioten, glauben ernsthaft Umweltzonen würden den Feinstaub aus der Innenstadt abschirmen. So bescheuert muß man sein! Oder: Diese Politiker sind doch alle Schweine, kassieren die Diäten, und lassen sich mit Privatflieger umherkutschieren! Es entsteht regelrecht Frust, ja fast schon Verbitterung, über diese, wie auch andere durchaus unangenehme Begebenheiten, die in der Tat absurd sein können. Die Haltung dahinter ist jedoch: Die Welt, wäre sie nur so intelligent, so bescheiden, so ..., wie ich, wir hätten so viele Probleme nicht. Also kämpfe ich damit, reibe mich, gehe in Diskussionen und arbeite mich daran auf. Das eigentliche Problem aber sieht dieser Mensch leider nicht, denn durch diese mieslaunige Haltung zieht er nicht nur sich, sondern alle in seiner Umgebung herunter, ist bei weitem nicht besser als die von ihm kritisierten Politiker oder Zirkel, wenn nicht schlimmer. Er ist in seiner Empörtheit kein Gegenpol, kein Beispiel, keine Inspiration, keine Antwort, sondern ein Gewicht, daß den Kahn immer weiter in den Abgrund zieht. Dieser Kahn ist aber nicht die Gesellschaft, sondern er und sein Leben, mit allen Menschen, die darin vorkommen, wie auch im weiteren Sinne ein Volk, eine Gemeinschaft. Sehe ich zuhauf, und das ganze deutsche Web wuchert vor dieser Wehleidigkeit. Da schaue ich lieber in die USA: Dort begleitet die Wahrnehmung der Umstände immer auch ein gewisser Humor, eine in sich schon aufatmende Genugtuung beim Aufzeigen der Ungereimtheiten der "Liberals". 

 

Zweites Beispiel für oben genannten Mechanismus: Mein Kind ist mein seelischer Mülleimer. Die ungeteilte Offenheit des Kindes wird benutzt, um sich dort das fehlende Gefühl, angenommen zu sein, abzuholen. Der Sohn/die Tochter wird belohnt, folgt es den eigenen Erwartungen, wird beleidigt und bestraft, tut es das nicht. Es muß einen in den eigenen Ansichten bestätigen, hat gefälligst dem eigenen Wohlergehen zu dienen. Notfalls wird es auch manipuliert, ihm wird suggeriert man stünde auf seiner Seite. Gerechtfertigt unter dem Vorwand: Man hat ein Recht auf seine Aufmerksamkeit. Und dafür scheint jedes Mittel berechtigt, man ist schließlich so unglücklich und einsam.

 

Beruflich: Die eigenen Mitarbeiter sind Lakaien, die man zur Schnecke machen kann, erfüllen sie nicht die geforderten Zahlen. Auf deren Arbeitsleistung besteht nämlich ein Recht, und sie können nach Lust und Laune entwürdigt werden, denn sonst verursachen sie ja nur Kosten. Liefern sie das Gewünschte wird es als selbstverständlich genommen bzw. es wird floskelhaft auf die Schulter geklopft, läuft etwas aber nicht wie am Schnürchen wird die Kritikkeule ausgepackt, bis ins Mark soll er an sich zweifeln. Habe ich nicht schließlich ein Recht auf gewinnbringende Mitarbeiter?

 

Beruflich 2: Der eigene Chef ist so ein Blödmann. Wieso ist die Welt so ungerecht zu mir? Womit habe ich das verdient? Warum habe ich immer so ein Pech! Die anderen sind alle viel zufriedener und glücklicher als ich. Ich armer Tropf sitze hier in diesem blöden Job fest, und ich kann nichts machen. Diese ganze Situation geht mir so auf den Keks! Es passiert jedoch nichts. Es wird nichts geändert. Die Negativspirale wird endlos weiter kultiviert. Das kleine Mädchen/der kleine Junge wurde im Stich gelassen, keiner hilft ihr oder ihm. Ja, was für eine böse Welt!

 

Empfindlich bin ich wie schon öfter erwähnt beim Frauenthema. Dort auch: Die Anderen mit ihren Freundinnen wirken so glücklich. Die Welt ist grausam, hat mich armen Lulatsch ausgeschlossen, ist wirklich ein unbarmherziger Platz. Frauen holen sich nur die anderen Männer, ich gehe immer leer aus. Erwarten tue ich dabei ein anderes Frauenverhalten, ein anderes Gesellschaftsklima. Die 70er-Jahre beneide ich dabei, wirken sie in Aufnahmen so sexy (ich hatte dazu vor kurzem einen interessanten Traum, den ich intern gestellt habe). Wäre die Welt doch nur so, mir ginge es so viel besser, heißt es. Ist das wirklich der Fall? Kann ich wirklich nur zufrieden sein, wenn die Welt mir das entsprechende, gemütliche Nest zur Verfügung stellt? Oder kommt das eigentliche Glück nicht viel eher von woanders, vielleicht von mir?

 

Im Kern zeigen die Beispiele folgendes: Das Ego besteht aus Erwartungen an die Welt. Es wird auf die Welt gewartet, und nicht nur das: Es wird gezetert, geschmollt, ja teilweise auch Gewalt angewendet. Das Gewünschte soll mir verabreicht werden, das habe ich schließlich verdient, nicht? Diese Haltung führt zu Saugen, führt dazu, daß ich eine Belastung für mein Umfeld werde. Die Lösung ist schon vorhanden: Bin ich bereit, meine Erwartungen aufzugeben, z. B. daß Frauen mich lieben sollten? Kann ich mich stattdessen selber erkennen, und von da dann die Welt nicht als Platz der gescheiterten Hoffnungen und Erwartungen, sondern als Spielplatz der Chancen und Möglichkeiten sehen, auf den ich kein Recht habe, der mir zu nichts verpflichtet ist? Ich sage Ja.

 

Ich trete deshalb mittlerweile gerne mit Frauen in Kontakt, wo sich die Gelegenheit ergibt. Für mich, wie auch für sie, ist das doch ein Geschenk. Gemeinsam, egal ob fünf Minuten oder mehrere Jahrzehnte, dieses Leben mit all seinen Empfindungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten dankbar zu teilen. Ist das nicht mal eine Aussicht? Ohne Ansprüche, ohne Druck. Einfach so? 

 

Ich muß sagen, das ist sicher leichter geschrieben als gelebt, denn wie beschrieben: Das Ich gibt seine Ansprüche nicht einfach so auf. Es will immer was von anderen, wenn nicht Sex oder Zärtlichkeiten, dann wenigstens Aufmerksamkeit. Auch ich denke mir manchmal, daß ich doch viel mehr Leser verdient hätte, viel mehr Videozuschauer, viel mehr Spender usw. So läuft das nämlich im Inneren Dialog, und das ist auch keine Schande. Wichtig finde ich es, diesen Mechanismus einmal in seinen Fundamenten ausführlich verstanden zu haben. Wie immer ist das bereits die halbe Miete, der Rest passiert aus diesem Verständnis von alleine. Das Ego muß eben nicht bekämpft oder bezwungen werden, auch ist kein Sprung über den eigenen Schatten notwendig. Es reicht seine Natur nach und nach zu entschleiern, und die Wirklichkeit, wie sie erwartungslos und offen ist, nimmt ihren natürlichen, schon immer dagewesenen Platz ein.

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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