Die Mitte wiederfinden

26/03/2019

Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein. So wie ich bin ein Leben zu leben, was ich gerne lebe, ganz unabhängig davon, ob es mir gut geht, ob ich müde bin, ob ich Fehler mache, ob die Menschen mit denen ich zu tun habe nett sind, ob andere mich mögen, ob die Gesellschaft in einem Abwärtstrend ist, ob ich nur Dinge tue, die mir Spaß machen. Das alles sind nur Rahmenbedingungen, die völlig unwichtig sind. Wichtig ist etwas anderes, dem ich mal etwas näher auf die Spur kommen möchte.

 

Sehen kann ich das z. B. an dem Sprichwort: Ich gehe einen Weg. Zu sehen bei Alltagsmenschen, wie auch bei spirituell Interessierten. Da geht es darum auf etwas hinzuarbeiten, was irgendwann einzutreten hat, und sei es auch nur eine bestimmte Tat, die sich jemand meint abverlangen zu müssen. In der oder der Situation müßte ich souveräner auftreten, hier und da sollte ich die Klappe halten, dies und jenes habe ich noch zu verändern. Irgendwann jedenfalls werde ich aber mein Ziel erreichen, so heißt es.

 

Das ist für mich endgültig gegessen, ein für alle mal. Ich habe mir z. B. mit dieser Webseite hier einen lang gehegten Traum bereits schon jetzt erfüllt, und jeder Schritt, der hier bereits passiert ist, und alle weiteren Schritte, sind für mich schon ein Erfolg; nicht weil ich damit klüger werde, etwas in der Welt verändere, oder reicher werde, sondern weil ich für mich eine eigene Art von Ausdrucksweise finden konnte, die mich zufrieden stellt, und zwar im selben Moment in dem ich sie hier kanalisiere.

 

Leben Sie Ihr Leben mit Intelligenz, ohne jemals Ihr tiefstes Selbst aus den Augen zu verlieren. Was ist es, das Sie wirklich wollen? Nicht Vollkommenheit, Sie sind bereits vollkommen. Sie möchten im täglichen Leben ausdrücken, was Sie sind. Dafür haben Sie einen Körper und einen Verstand. Benutzen Sie sie, und lassen Sie sie Ihnen dienen.

- aus "Ich bin - Teil 1" von Nisargadatta Maharaj, Kapitel 19, S. 107

 

Das ist genau der Punkt! Es gilt etwas tiefgreifend zu verstehen: Es ist unmöglich, durch etwas, was ich tue, mehr zu werden, als ich ohnehin schon bin. Es geht darum, die eigene Vollkommenheit bereits als gegeben zu erkennen, und dann von ihr auszugehen. Das ist es. Und dahin kann ich nie kommen, weil ich, weil jeder, da bereits ist, doch das in der Regel übersehen wird, da man stattdessen dann den Ködern der Massengesellschaft hinterherläuft, die einen in den Dreck führen.

 

Die Leute, die um mich herum durch die Welt wandeln, wissen das nicht, und versuchen durch beruflichen, finanziellen, wie auch zwischenmenschlichen, ja auch sexuellen Erfolg, wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückzugelangen, was per se unmöglich ist, weil sie bereits am Ziel sind, wenn mal dieses ganze Gemache aufhört. Deswegen ist ja auch das Stoppen aller Ablenkungen so essentiell (wird bei Castaneda beschrieben, wie er und Don Juan stundenlang in der Wüste liegen, natürlich auch im Zazen in der Tradition des Zen-Buddhismus, wie auch in der Stoppübung des Vierten Weges). Die Leute, die ich antreffe, machen das alle nicht, das merke ich in Sekunden. Nur so kann aber der Ursprung wieder in den Vordergrund treten, wieder als Heimat erkannt werden, was im sonstigen Treiben völlig untergeht, und nenne sich dieses Treiben noch so ehrenvoll, Karriere, Aufklärung oder auch Spiritualität.

 

Also: Wie komme ich an? Hör einfach auf. Hör auf. Nein, nicht meditieren. Ein-fach auf-hör-en. Schluß. Aus. Ende. Laß es sein. Kapituliere.

 

Scheint keine Antwort zu sein? Die Antwort kommt sicher, keine Sorge. Sie hat auch nichts mit Passivität oder Lethargie zu tun. Wer das meint, ist auf einem völlig falschen Dampfer. Wer nur Gehetztheit und Rastlosigkeit auf der einen, und Müssiggang und Faullenzerei auf der anderen Seite kennengelernt hat, weiß nichts von kraftvollem, freudigem Handeln aus der gefundenen Mitte heraus! 

 

Wie gesagt, oben zitierte Passage sagt das schon aus: Diese Mitte kann durch nichts optimiert werden, sondern sie ist schon da, sie ist bei jedem Kind da, daß schreit, bei jedem Reh, daß in den Wald flüchtet und bei jedem Löwen in der Wildbahn, der brüllt. Das Leben selbst ohne Verstandeskalkül drückt sich frei und unzensiert aus, in all seinen Variationen. Und das ist höchste Vollendung.

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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