Geschlechtertrieb

10/05/2019

Mal etwas angeschlagener heute. Mein Hals kratzte etwas, auch meine Nase war sehr empfindlich. Den ganzen Tag über fühlen sich alle Muskeln, vor allem in den Beinen und Händen, sehr zäh an, irgendwie nicht frisch und agil. Morgens ging das schon so los, als ich aus dem Bett stieg.

 

-09.05.2019, abends

 

*

 

Heute wieder ganz anders. Woher das kommt, kann ich aber nicht sagen, ist einfach so. War sogar nach der Arbeit etwas Laufen. Die kühle Luft, der bizarre Wolkenhimmel und der schattige Waldrand tun das Übrige. Auch mein Steißbein, was vorher etwas gezogen hat, nach drei Tagen Arbeit in oft gebückter Position, ist nun wie geheilt, so als wäre die freie Bewegung das Rezept dafür. Heute jedenfalls schon. Ein Rezept a la: A einnehmen, damit B passiert, ist das aber damit automatisch nicht.

 

Immer wieder von vorne anfangen. Die Hinweise des Vierten Weges können hierbei hilfreich sein. Thema: Geschlechtlichkeit als Antrieb aller Mechanikalität. Studienort: Campus der Hochschule Weihenstephan, Maifest. Gestern mit Kollegen besucht. Ich war überrascht wie viele junge Leute es hier gibt, was mir sonst im Alltag oder auf der Straße normal nicht auffällt. Auf dem Fest waren es eigentlich nur junge Männer und Frauen zwischen 18 und 35, also in meinem Alter.

 

In dem Zusammenhang folgende Passage aus "Auf der Suche nach dem Wunderbaren" von P. D. Ouspensky,  S. 373:

 

Gleichzeitig spielt in der Aufrechterhaltung des mechanischen Lebens das „Geschlecht“ eine gewaltige Rolle. Alles, was die Menschen tun, steht mit dem Geschlecht im Zusammenhang: Politik, Religion, Kunst, Theater, Musik, alles das ist „Geschlecht“. Was, glauben Sie, bringt die Menschen in die Cafés, in die Restaurants, zu den zahlreichen Festen? Nur eine Sache, Geschlecht: dies ist die Haupttriebskraft aller Mechanisiertheit. Aller Schlaf, alle Hypnose hängt von ihm ab.

 

Ich kenne von mir, daß ich auf solchen Veranstaltungen auch nach interessanten Frauen luke. Das ist fast schon ein Automatismus, und der müßte mit Gewalt unterbrochen werden. Irgendwie gehört das dazu, denn, was würde ich sonst auf der Veranstaltung suchen? Mit Kollegen quatschen kann ich jeden Tag, und am Feierabend ein Getränk zu mir nehmen auch. Geschlecht, wie Ouspensky es genannt hat, ist der Beweggrund, ist das, was die Spannung im Raum erzeugt, und alle die da sind, sind vor allem deswegen da.

 

Die Gesichter der vielen Studenten sprechen Bände. Denn gleichzeitig sind auch die unzählbar vielen Verstandes- und Moralbarrieren präsent, die das, wozu all diese - durchaus getriebenen - Jungspunde eigentlich da sind, verhindern. Selten sieht man Männer und Frauen, die sich auch berühren, auch wenn es eben nur so von aufgetakelten Damen und feschen Burschen wimmelt. Auch das ist Fakt. 

 

Irgendwie fühlte ich mich mit all den Studenten doch sehr verbunden, die frischen, attraktiven Körper, ihre Suche nach Glück, nach einer Beschäftigung, die sie zutiefst befriedigt, dieses Aufgehen in geselliger Atmosphäre. Und gleichzeitig das Wissen, daß sie von der Natur hartgesagt ja nur benutzt werden; eben die Gesetzmäßigkeit dahinter, wie in der Passage beschrieben, daß es ein rein biologischer, nüchterner Ablauf ist, wie der Wasserkreislauf, ein ständiges Kommen und Vergehen, sich ewig reproduzierend, von Generation zu Generation, durch Sex zu neuen Kindern, und die wiederum mit demselben Spiel usw, usf. Hormonell, biologisch, frühlingshaft, wie auch immer. Es soll auf jeden Fall weitergehen.

 

Das ist auch alles Ok, es geht mir darum es einfach richtig einordnen zu können, um nicht falsche Hoffnungen zu produzieren, unter denen ich letztlich nur leide, denn eine Perspektive von Sinn oder Genugtuung auf diese Belange zu projizieren ist ein gesellschaftlicher Mythos, der sich im eigenen Denken wie ein Keil festgepresst hat. 

 

Dadurch entsteht bei mir jedenfalls ganz langsam eine neue, freiheitlichere Herangehensweise. Wenn dieser Geschlechtertrieb letztlich rein mechanisch abläuft, wie kann denn eine Interaktion so ablaufen, daß sie nicht nur diese Funktion der Biologie erfüllen soll, also Fortpflanzung durch Köder der sensorischen Reize. Gibt es da vielleicht noch eine andere Art Qualität, die zwischen Männern und Frauen, aber auch zwischen Männern und Männern wie Frauen und Frauen ablaufen kann? Eine, die nicht nur Mittel zum Zweck ist? Diese Frage finde ich jedenfalls interessant. Es gibt dafür aber sichere bessere Plätze zum Erforschen, als solche Massenveranstaltungen. Da müssen sich Menschen finden, die beide offener sind, die auch die Einfachheit und Klarheit der Natur wieder zu schätzen gelernt haben. Erst da kann etwas Sprießen, was nicht nur plumpes, roboterhaftiges Programmverhalten ist.

 

"Auf der Suche nach dem Wunderbaren",  S. 373:

 

Mechanisiertheit ist besonders gefährlich, wenn die Menschen versuchen, sie durch etwas anderes zu erklären und nicht durch das, was sie wirklich ist. Wenn das Geschlecht seiner selbst richtig bewußt ist und sich nicht in etwas anderem verhüllt, dann ist dies nicht die Mechanisiertheit, von der ich hier spreche. Im Gegenteil, das Geschlecht, das durch sich besteht und durch nichts anderes bedingt wird, ist bereits eine große Errungenschaft. Aber das Übel liegt in der dauernden Selbst-Täuschung!

 

-10.05.2019, abends

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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