Brüderlichkeit

23/05/2019

 Auf der Facebook-Seite des verstorbenen A. gefunden:

Mir gefällt die Einfachheit der Situation: Eine Gitarre, eine gefühlvolle Stimme vor einer eindrucksvollen Naturkulisse. Er singt über die grünen Augen einer Frau, die er schon lange vermißt. Das Armeeoutfit würde ich dafür mal ausblenden, aber das und auch die Zigarette bringt mich auf ein weiteres Thema, das damit zusammenhängt:

 

Was mir an der russischen/sowjetischen Kultur und Mentalität gefällt, ist die Brüderlichkeit unter den Männern, ein gegenseitiges Sich-anerkennen, nicht nur vom Kopf her, sondern vom Herzen, als reines Gefühl der Sympathie. Man ist sich ähnlich, und man ist froh, diese Erfahrung gemeinsam zu teilen.

 

Meine Jugend habe ich in einer ähnlichen Subkultur erlebt, aber mit gemischten Gefühlen. Zum Teil war es durchaus bestärkend, ich hatte viele Verwandte, Kumpels und Bezugspersonen, mit denen man draußen Abenteuer erleben konnte, sei es nur Fußballspielen, oder auch Zelten am Fluß, es war nie langweilig und man konnte einiges zusammen machen.

 

Auf der anderen Seite sind diese Kumpaneien aber nicht wirklich tiefgreifend, jeder versucht den starken, erfolgreichen Typen darzustellen, der nie Schwächen zeigt oder Angst hat, und wenn das doch rauskommt, dann klopft man ihm auf die Schulter, daß das schon noch was wird, wenn man Glück hat. Armee, Zigarette, aber vor allem Alkohol dienen dann als Stabilisator eines verhärteten Männlichkeitideals.

 

Mir ging das z. B. mit dem Frauenthema so. Da es bei mir zu keinen Kontakten kam, was mich doch sehr belastet hat mit 16, 17, sprach ich auch mit damaligen Kumpels darüber, was ich heute als großen Fehler sehe. Diese Typen verstanden gar nicht, was mich da bedrückt hat, denn sie hatten das Problem anscheinend nicht. Niemand, den ich kannte hatte damit ein Problem, alle schienen tiptop zufrieden zu sein, nur ich schien das arme Würstchen zu sein, das einfach noch nicht offen, zugänglich und selbstvertrauend auf Frauen zugehen konnte. 

 

Ich wurde sogar ausgelacht für meine Wortwahl als ich mal mit einer jungen Frau sprach, die ich interessant fand. Das war für mich ein Schock. Wo ist da noch die ach so verständnisvolle Brüderlichkeit geblieben? Wo noch die Betroffenheit in der gleichen Situation zu sein? Nichts davon bleibt dann übrig, ich bin alleine.

 

Meiner Erfahrung nach findet man echte Brüderlichkeit, echte Freundschaft nur in Selbsterkenntnis-Gemeinschaften, weil nur in solch einem freien Klima auch die unangenehmen, die dunklen Seiten in einem nicht verdrängt und lächerlich gemacht, sondern von allen Beteiligten gefühlt werden. Dazu gehört vor allem, daß aufgehört wird, an sich herumzubasteln. Z. B. eben was Frauen angeht ein angeblich selbstbewußterer, stärkerer, nicht unsicherer Mann zu werden, was einem sonst jeder zu vermitteln versucht, selbst die besten Coaches auf dem Markt! Sie alle leben in dieser Scheinwelt, und sie werden nie, nie, nie dein Sosein akzeptieren, weil sie es nicht mal im Ansatz bei sich selber können.

 

Deswegen sind auch die russischen Kumpaneien um keinen Deut besser, auch wenn sie sich den Anschein geben und teilweise auch ein besseres Gefühl hervorrufen als z. B. Freundschaften unter Deutschen. Es kann vielleicht Vorteile haben, wenn man vielleicht in eine Schlägerei gerät und Unterstützung braucht, aber es bleiben letztlich nur vage Emotionen, ohne große Bedeutung.

 

 

 

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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