Entwicklungen

14/06/2019

Die Fähigkeiten, die ich in einem Bereich gewinne, gewinne ich auch in allen anderen Bereichen. Wer in einer Disziplin akribisch und fleißig ist, der zeigt diese Qualität in allem, was er angeht, selbst wenn er in dem anderen Bereich noch nicht so routiniert oder kompetent ist. Auch in Geschirrspülen oder Toilette putzen drückt sich das aus. Es geht um die Qualität des Anfangens, in jedem Moment neu, und besonders auch dann, wenn man etwas schon vermeintlich kann, weil man es schon jahrelang getan hat. 

 

Das fiel mir auch in den IP-Man Filmen auf, dessen erste beide Teile ich mir letztens angesehen habe. Der Meister muß in jedem Kampf neu beweisen, daß er der Meister ist. Er kann sich nichts von seinem Titel kaufen, genauso wenig, wie von seinen vorherigen bestrittenen Kämpfen. Jedes Mal neu gilt es das Gelernte einzuüben, ansonsten ist es nur im Verstand, Ich bin der Meister. Ich kann das. Ich bin der oder das. 

 

Auch beim Laufen fiel mir das auf. Eingeredet habe ich mir, daß ich das ja schon mehr als ein halbes Jahr gemacht habe, also habe ich die positiven Effekte ja bereits in der Tasche, z. B. Lebensfreude durch die Bewegung, wenn man will auch Fitneßeffekte. Also habe ich die Praxis ja nicht mehr ganz so sehr nötig. Von wegen! Genau dann verliere ich all die Vorteile. 

 

*

 

Warum es zur Selbsterkenntnis keine Alternative gibt? Weil ich sonst ein Getriebener bin, unersättlich auf der Suche.

 

So richtig intensiv fing diese Suche so ziemlich genau 2013 an. Davor gärte das unterschwellig hier und da, aber konsequent wurde das definitiv erst in diesem Jahr. Ich absolvierte mein Fachabitur. Bis dahin war ich das, was ich heute ein Schlafschaf nennen würde: Dem Mainstream verfallen, unkritisch, mediengläubig. In der Schulzeit war das sicher auch gut so, denn so ersparte ich mir viele Probleme, mit Mitschülern, mit Lehrern, in Referaten und Arbeiten. 

 

Ich war aber unglücklich. Die Unzufriedenheit nagte regelrecht. Im Studium wurde das sehr extrem, und erst da fing das Internet langsam an, für mich seine eigentlichen Möglichkeiten erst zu offenbaren. Die Chance alternative Sichtweisen zu erhaschen, diese Pforte eröffnete sich mir zunehmend. So leicht, davon konnten frühere Generationen nicht mal träumen. Ich erkannte, daß es noch etwas anderes geben muß, als es mir eben Schule, Familie, Kirche und Medien weismachen wollten. Meine Suche beschränkte sich auf nichts, beinhaltete alle Lebensbereiche: Persönliche Lebensführung, Geschlechterleben, religiöse Themen, wie auch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragestellungen. Wie ich heute weiß, hat wohl kaum jemand so intensiv geforscht wie ich. Alles habe ich abgegrast, jede erdenkliche Sache, jede Theorie, jede Wirtschaftsform, jede Religion, jedes alternative Beziehungs- oder Familienmodell habe ich mir angeschaut. Alles schien mir richtiger, einfach, weil es anders war. Zu altbacken, zu beschränkt erschien mir die Art auf die ich aufgewachsen bin. Zum ersten Mal erkannte ich überhaupt, daß es eine Einheitssichtweise war. Vorher weiß man das ja nicht.

 

Jedenfalls war das ein unersetzlicher Impuls: Neue Einflüsse entdecken und verifizieren, daß es sie gibt. Der hier in Deutschland - besonders auf dem Land - aufwachsende, weiß nicht nur nichts z. B. von Buddhismus, Libertarismus, oder der Sannyasin-Bewegung der 80er-Jahre, er will auch gar nichts davon wissen. Er ignoriert jede Möglichkeit auch nur etwas wirklich Neues zu erfahren, selbst wenn man es ihm vor die Nase setzt. Für mich aber war das ein Einstieg von Gewicht. Klar, daß damit auch noch vieles im Dunkeln lag, daß mit diesen Einflüssen noch keine Antwort gefunden war, aber trotzdem wußte ich, daß es gut und richtig war, ohne Zweifel.

 

Auf der Suche nach dem Wunderbaren, S. 355f.:

 

"Sie müssen verstehen, daß ein Mensch zuallerst eine gewisse Vorbereitung, ein gewisses Gepäck haben muß. Er sollte wissen, was man auf gewöhnlichem Wege über esoterische Ideen, über verborgenes Wissen, über die Möglichkeiten der inneren Entwicklung des Menschen und so fort erfahren kann. Ich meine, diese Idee sollte ihm nicht als etwas vollständig Neues erscheinen. Sonst ist es schwierig, mit ihm zu sprechen. Auch ist es günstig, wenn er mindestens eine gewisse wissenschaftliche oder philosophische Bildung hat. Wenn ein Mensch eine gute Kenntnis der Religion hat, kann auch dies nützlich sein. [...] Man kann sagen, daß es eine allgemeine Regel für jeden gibt. Um dieses System ernstlich anzugehen, müssen die Menschen enttäuscht sein, zuerst von sich selbst, das heißt von ihren Kräften, und zweitens von allen überlieferten Wegen. Ein Mensch kann nicht herausfinden, was das Wertvollste in diesem System ist, wenn er nicht von dem, was er bisher getan hat, enttäuscht ist, enttäuscht von dem, wonach er gesucht hat. Wenn er ein Wissenschafter ist, muß er von seiner Wissenschaft enttäuscht sein. Wenn er ein religiöser Mensch ist, muß er von seiner Religion enttäuscht sein. Wenn er ein Politiker ist, muß er von seiner Politik enttäuscht sein. Wenn er ein Philosoph ist, muß er von der Philosophie enttäuscht sein...

 

Besser formuliert geht es wohl kaum. Ich war von den verschiedenen alternativen Ansätzen im Web nicht enttäuscht, weil sie mir keine Antworten lieferten (ganz im Gegenteil waren da sehr viele richtige Anregungen enthalten), sondern ich konnte all das nicht gewinnbringend für mich umsetzen. Ich wußte, daß das reine Anschauen, Lesen, Konsumieren oder auch Verinnerlichen mich niemals befriedigen wird, so zutreffend da teilweise Aussagen auch sein mögen. Ich hatte zu der Zeit sogar schon eine Homepage eingerichtet, doch ich wußte nichts zu teilen, so wenig konnte ich letztlich wirklich mit den neuen Sichtweisen umgehen. Wie Gurdjieff sagte, war ich vor allem enttäuscht von mir selber. Aber auch das gehört mit dazu.

 

...Aber sie müssen verstehen, was dies bedeutet. Ich sage zum Beispiel, daß ein religiöser Mensch von der Religion enttäuscht sein muß. Das bedeutet nicht, daß er seinen Glauben verlieren sollte. Im Gegenteil, das bedeutet, daß er nur von der Lehre und den Methoden enttäuscht ist und erkennt, daß die ihm bekannte religiöse Lehre für ihn nicht genügt und ihn nirgendwo hinführen kann. Alle religiösen Lehren, natürlich mit Ausnahme der vollständig entarteten Religionen der Wilden und der erfunden Religionen und Sekten der modernen Zeit, bestehen aus zwei Teilen, dem sichtbaren und dem verborgenen. Von der Religion enttäuscht zu sein, bedeutet, von dem sichtbaren Teil enttäuscht zu sein und die Notwendigkeit zu spüren, dem verborgenen und unbekannten Teil der Religion zu finden...

 

Gurdjieff spricht noch von weiteren Beispielen wie Wissenschaft, Philosophie oder Okkultismus, wo in etwa das Gleiche beschrieben wird. Das möchte ich nicht weiter ausführen.

 

...Wenn also ein Mensch zu diesem Zustand der Enttäuschung über alle möglichen und zugänglichen Wege gekommen ist, ganz gleich, was er früher getan und was ihn früher interessiert hat, dann lohnt es sich, mit ihm über unser System zu sprechen, und dann kann er zu unserer Arbeit kommen. Aber solange er weiterhin glaubt, daß er auf seinem früheren Weg irgend etwas finden könne oder daß er bis jetzt noch nicht alle Wege versucht habe, oder daß er allein aus sich selbst irgend etwas finden oder tun könnte, so bedeutet dies, daß er noch nicht bereit ist. ...

 

Er spricht hier mehrere Kernpunkte an, die ich auch verifizieren kann. Alleine hat man keine Chance. Als ich vor etwa fünf Jahren auf den Mahnwachen damals in München war, war ich auf der Suche nach Gleichgesinnten, nach ehrlicheren Leuten. Ich wußte, die sonstigen Leute im eigenen Umfeld waren keine Ansprechpartner. Dort, so muß es doch noch Menschen geben, die den Mut haben, die Umstände in diesem Land wahrhaftig zu sehen und anzusprechen, und mit denen es eine gemeinsame Wellenlänge gibt. Diesen Impuls erachte ich als unersetzlich. Ich fand tatsächlich Leute dort mit denen endlich mal ein Austausch möglich war, ohne daß man gegen eine Betonwand redet. 

 

Im Endeffekt verlief die Veranstaltung im Sand, die ich im Grundansatz sehr gut fand, denn es war eine positive Atmosphäre, eine Aufbruchsstimmung, ein Farbe-bekennen in der Öffentlichkeit. Im Vergleich zum unbekümmerten, desinteressierten Vor-mich-hinleben war das wie Licht am Ende des Tunnels. Ich erkannte, daß es Wahrheiten gibt, die die meisten Menschen nicht sehen wollen! Das ist ganz wichtig zu verstehen: Nicht, daß sie es nicht können, sie wollen es nicht! Mit ein paar Klicks und einer ernsthaften Neugier würde man schnell hinter viele Dinge kommen. Es ist dann nämlich nur eine Frage der Zeit, bis die richtigen Infos kommen. So lief das jedenfalls für mich, aber es gilt auch für jeden anderen.

 

Die Hartnäckigkeit ist entscheidend, die dann die richtigen Infos, die richtigen Leute anzieht. Und da darf man sich auch nicht mit halbgaren Einflüssen zufrieden geben. Wie in den IP-Man Filmen schön gezeigt, wird die effektivste Kampfkunst nur beim Großmeister gelehrt. Die meisten Schüler finden sich aber mit dem x-beliebigsten Lehrer ab, der ihnen gerade über den Weg läuft.

 

Meine Erfahrung zeigt jedenfalls: Es lohnt sich zu suchen. Solange bis die befriedigende Antwort gefunden wurde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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