Verstandesvorsätze und Leben (Audio + Text)

06/07/2019

Verstandesvorsätze und Leben (Audio)

 

 

 

Tätigkeiten, die durch Verstandesvorsätze eingeleitet werden, führen zu nichts. Das ist meine Erfahrung, und ich sehe das auch bei einem Bekannten, der immer wieder mit sowas kommt. Ich trainiere jetzt, esse jetzt anders, ziehe jetzt was auf, ändere mein Leben, werde disziplinierter. Als wir uns kennenlernten glaubte ich ihm noch, als er mir von seinen großartigen, durchaus interessant klingenden Projekten erzählte, aber mittlerweile weiß ich, daß alles nur Eintagsfliegen sind, kurze Lauffeuer, die schneller aus sind, als man hinsehen kann. Ich weiß, was da passiert, und bin auch immer weniger bereit mir sowas anzuhören.

 

Woher kommt das? Ich kenne diese Art zu denken nämlich sehr genau auch von mir. Der Verstand kommt mit einem Köder, das Erreichen eines Ziels (was genau?) verspricht Genugtuung, Zufriedenheit und das Ende allen Aufwands. Das Reinhauen, auch mit der Holzhammermethode, soll dazu dienen, jetzt schlagartig etwas zu ändern. Das kann Tage, vielleicht auch Wochen klappen, aber früher oder später kippt das. Es ist kein Lebensstil, denn dann wird der Aufwand einer Disziplin zur zweiten Natur. Es ist nur ein Vorsatz im Kopf, wo eine Stimme dann einer anderen Instanz (Körper, Person, was auch immer man sich da einbildet) vorübergehend aufzwingt, was sie zu tun hat, und das kann auf Dauer nicht funktionieren, weil das so unmöglich durchzuhalten ist.

 

Der Aufwand fängt an, einen zu nerven. Er meint, wenn er dann sein Ziel erreicht hat, was weiß ich, Wunschgewicht, Muskelpartien, Traumwohnort, perfekte beruflichen Umstände, daß dann etwas anders wird, daß dann weniger Aufwand nötig sein wird. Das ist ein grundlegender Irrtum. Leben ist Aufwand, und das ist überhaupt nicht schrecklich. Es ist kein notwendiges Übel, sondern bereits in sich vollkommen richtig und befruchtend. Ohne Aufwand wäre alles todlangweilig, denn dann würde man - wie ein Baby seinen Brei - alles in den Mund gestopft bekommen, ohne eigene Anstrengung.

 

Ich kenne diese Denkweise extrem genau, so genau, daß es mich fast schon erschreckt, denn ich trieb das jahrelang mit mir selber. Ich darf nicht faul sein, auch sollte ich jeden Tag hundert Liegestütze machen, zehn Kilometer Laufen, dazu noch Klimmzüge und Sit-Ups. Ich sollte mehr machen, mehr arbeiten, Frauen ansprechen, eigentlich mein ganzes Leben umkrempeln, denn es ist doch offenkundig nicht zufriedenstellend. Später kam dann auch, ich sollte vom Verstand, vom Denken frei werden. Worum geht es aber? Diese Aktivitäten entstehen nicht aus Freiheit oder Seinsfreude, sondern aus dem Gefühl von Unzulänglichkeit, Frustration und wiederum dem daraus entstehenden Wunsch dem entgegenzuwirken, denn wer nichts macht, aus dem wird auch nichts, heißt es doch.

 

In diesem Ansatz ist alles falsch, denn die Freiheit und Selbstwürde fällt damit im ersten Schritt unter den Teppich. Dann ist der Körper nur noch Erfüller von Vorgaben. Die Motivation ist negativ. Am besten kann ich das auch über meinen Vater aufarbeiten, denn da kann ich diese Denkweise sehr gut sehen. Kinder müssen erzogen werden, ohne Disziplin wird man nichts, ansonsten bleibt man ein Taugenichts. Diese Einstellung mußte aus mir auch einen Menschen machen, der zum Versagen tendiert, denn der Grund meines Tun war nicht inspirativ, sondern um einem bestimmtem vorgefertigtem Bild gerecht zu werden. Was soll daraus erwachsen? Klar, der Verstand hält das für nötig, denn was droht nicht alles Übel, ich verweichliche, mein Leben wird ansonsten verwirkt, aber ist es nicht eher so, daß genau diese Denkweise das Hier und Jetzt, und das ist das Einzige, woraus dieses Leben besteht, kaputtmacht, und genau das eintreten läßt, was zu vermeiden versucht wird?

 

Nicht zufällig sind mein Bekannter, sowie mein Vater Raucher. Wenn sie wirklich ihre Lebensverbesserung vorantreiben wollen würden, müßten sie erstmal nichts anderes tun, als damit aufzuhören. Sie würden sich SOFORT, ohne lange Selbstüberwindung oder -schinderei besser fühlen, mehr riechen, schmecken, wahrnehmen. Im selben Moment würden sie erkennen, daß richtiges Handeln im Moment bereits Vollkommenheit mit sich bringt. Und erst mit dieser Bestätigung im Hier und Jetzt wäre auch natürliche Disziplin über Monate und Jahre hinweg möglich, weil die Gratifikation immer sofort da wäre, nicht erst abstrakt irgendwann in der Zukunft.

 

 

 

 

 

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© 2019 Christian Nikitin, Freising, Deutschland, chrnikitin[at]protonmail.com

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